06.02.07
Wolfsburg - eine Stadt sucht ihr Gesicht
 
Autor: Henning Hildebrandt

Auswärtsspiel in Wolfsburg. Wolfsburg? Wo liegt eigentlich Wolfsburg? Ein Blick auf die Deutschlandkarte genügt. Gefunden: In Niedersachsen. Bei Hannover. Auf der Fußball-Landkarte sucht man Wolfsburg bisweilen jedoch vergebens. Keine herausragenden Erfolge, keine traditionsreiche Historie. Keine überregionale Fan-Hysterie. Nirgends sonst in Deutschland scheint eine Stadt so sehr hinter den Fassaden ihrer Stadtmauer versteckt zu sein wie in Wolfsburg. Und gebe es nicht ein Automobilkonzern namens Volkswagen, so läge hier nicht nur der Hund begraben, sondern auch wenig Erwähnenswertes auf der Hand, um Wolfsburg - immerhin eine Stadt mit einem Bundesligaverein - zu suchen. Und vielleicht ist das werkseigene Dorf, die Autostadt, sogar bekannter als die Stadt die es beherbergt. Nicht verwunderlich also, dass die Vereinsbosse stets mit aller Macht versuchen, dem Fußballclub Prestige zu verleihen. Und doch wird es wohl noch einige Zeit dauern - wenn überhaupt -, dass das Wolfsburger Rathaus um einen Balkon erweitert werden muss. Und wenn es schon sportlich nicht langt, dann muss wenigstens auf dem Transfermarkt der große Coup gelandet werden. Die Mannschaft braucht einen Kopf und der Verein wie seine Stadt ein Gesicht, möchte man nicht bloß irgendeine Werkself sein und eine Fußball-Provinz im Spiel der Namhaften bleiben.

Seit 1997 dümpelt der Verein mehr oder weniger in der Grauzone der ersten Liga umher, nach einem überraschenden sechsten Platz 98/99 sollte der Sprung in den europäischen Wettbewerb jedes Jahr erneut gelingen, doch blieben die Niedersachsen den gesteckten Zielen immer fern und reihten sich brav in die Riege der grauen Mäuse der Liga ein. Ein Verein mit einem Sponsor. Mehr war Wolfsburg selten. Der medienwirksamste Transfer folgte 2003 als der “Freund der Sonne”, der letzte echte Prolet des deutschen Fußballs, verpflichtet wurde. Aber auch ein alternder Stefan Effenberg schaffte binnen einer Rückrunde nur, dass sein Haus, nicht aber das Stadion, zum Wallfahrtsort der Journalisten wurde. So brauste er im roten Ferrari mit der Einsicht davon, dass in Wolfsburg zwar Geld, jedoch kein Erfolg zu holen war. Sein Nachfolger und Aushängeschild eines Perspektivteams wurde das hochgelobte argentinische Wundertalent Andrés D’Alessandro. Doch brachte der junge Hoffnungsträger weniger internationale Klasse als stete Eskapaden mit in die Wolfsburger Provinz. Was folgte, war der jämmerliche Versuch einer Fußball-Revolution mit den Querulanten-Protagonisten Strunz und Fach, deren Fußball-Gesicht-Casting-Erfolg die Verpflichtung des enttäuschenden französischen Nationalspielers Steve Marlet gewesen ist. Kompetenz und Erfolg: Fehlanzeige. Und die konsequente Machtenthebung nach nur einer Hinrunde.

Nun also erneut der Versuch mit einem neuen Gesicht, die Fußballwelt oder zumindest -Deutschland zu erobern: Marcelo dos Santos, besser bekannt als Marcelinho und enfant terrible aus Berlin - stets im Spagat zwischen Mittelfeldgenie und Nachtclubinventar. Ob er Wolfsburg eine Identität verleihen wird, mag angesichts seiner Disziplinschwäche trotz nachweislicher Spielfähigkeit bezweifelt werden. Dabei liebe er Deutschland. Sagt er. Ist auch kein Wunder, lebte er doch in Deutschlands Hauptstadt inmitten von Haarstudios und Szene-Bars. Doch nun kommt Wolfsburg - bislang kein Ort für Fußball-Egozentriker. Und dabei wünschen sich die verantwortlichen Funktionäre nichts sehnlicher als ein Gesicht zur Mannschaft, dass dem Verein Antlitz verleiht und aus der Identitätslosigkeit verhilft. Er wäre nicht der erste, der resigniert die Koffer packt. Wolfsburg - noch keine Reise wert, es sei denn ein bestellter Golf wartet an der Werksausfahrt. Dann geht’s doch nur wieder in die Autostadt und es heißt weiter: Wo liegt eigentlich Wolfsburg?

 
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