07.03.07
Top 5ive...
der ewigen deutschen Talente

 
Autor: Henning Hildebrandt

“Er ist eines der größten Talente, die wir haben”, sagen die Manager und Sportdirektoren der Vereine gerne. Und schnell. Sie prophezeien ihrem Jungspieler eine rosige Zukunft auf der Fußball-Bühne und die Medien schießen sich auf den Namen des Spielers ebenso schnell und euphorisch ein, wie sie ihn später unter Beschuss nehmen, sollte er die Erwartungen, die in ihn gesteckt werden, dann doch nicht erfüllen. Gemeinsames Merkmal aller ewigen Talente ist: Herausragende Spiele in den ganz frühen Jahren ihrer Karriere mit anschließendem Leistungsabfall - manchmal verletzungsbedingt, aber immer - über die gesamte Dauer der Folgezeit. Oftmals werden diese scheinbaren Talente in kleineren Vereinen geboren, wechseln dann übereifrig zu einem der ganz Großen und finden sich alsbald auf der Bank wieder, scheitern an ihren Ansprüchen und landen dann rückkehrend bei namloseren Vertretern der Bundesliga, um hoffentlich und endlich wieder aufzustehen. “Er hat den Durchbruch einfach nie geschafft”, heißt es dann.

Fälschlicherweise werden Namen wie Zoltan Sebescen, Marco Reich oder Marco Haber in diese Riege der “Ewigen” aufgenommen. Begründung dafür: Einladungen in die Nationalmannschaft. Was allen drei jedoch fehlt(e): das Talent. Ebenfalls als einer derjenigen, die es nie geschafft haben, wurde immer wieder Sebastian Deisler genannt. Zu Unrecht. Denn das zweifelsfreie Talent der Gladbacher scheiterte nicht an den hohen Ansprüchen, sondern schlicht an dauerndem Verletzungspech, was in dieser Abart seinesgleichen lange sucht.
Zur Zeit steht ein Bayernspieler im Fokus dieser Talentscouts. Bastian Schweinsteiger. Er müsse jetzt den nächsten Schritt in seiner Karriere machen, wolle er kein ewiges Talent bleiben. Was Schweinsteiger allerdings zugute zu halten ist: Er hat bereits über längere Zeit sein Können bewiesen, Glanzpunkte in der Nationalmannschaft gesetzt und ist auch in seinem Verein etabliert. Ein ewiges Talent ist er schon lange nicht mehr. Vielmehr einer derjenigen, der berechtigterweise zum zumindest deutschlandweiten Fußballstar gehievt wurde. Ewig wird sein Talent sicherlich sein, ein ewiges Talent ist er aber schon lange nicht mehr.
Vielmehr sind es die, die jetzt genannt werden. Die Top 5ive der ewigen deutschen Talente:



1. Michael Sternkopf

Denkt man an “Ewige Talente”, so fällt dieser Name fast im gleichen Atemzug. Er steht als Sinnbild dieses Spielertyps und wurde binnen kürzester Zeit vom Hoffnungsträger zur Randgestalt des Fußballs. Seine Karriere begann 88/89 beim Karlsruher SC. Nach den ersten sechs Minuten als Profi schoss er sein erstes Tor. In den gesamten zwei Jahren in Karlsruhe ereilte dem offensiven Mittelfeldspieler nur noch weitere dreimal dieses Glücksgefühl. Nicht viel eigentlich, doch war der damals 20-jährige eines der Talente der Liga, so dass die Bayern-Führung sich berufen fühlte, ihn 1990 für 1,7 Mio DM zu verpflichten. Der Privatsender RTL kaufte etwa zeitgleich die Bundesligarechte der ARD ab und wie es sich für die Boulevard-Sender nun mal gehört, wurde aus dem Fußball mehr und mehr Lifestyle-Berichterstattung. Und so passte “Sterni” mit langer Mähne eben ins Bild, wurde der Pop-Star des Fußballs und selbst Uli Hoeneß sprach von dem “Agassi der Liga”. Unvergesslich sein Porträt, dass Sat.1 mit ihm anfertigte, als er Enten fütternd im Englischen Garten die Locken aus dem Gesicht warf. Michael Sternkopf sollte medienwirksam verkauft werden und der Name zur Marke gemacht werden. Sportlich war er selten zu sehen. Vier Tore in 94 Bundesligaspielen für den FC Bayern. Dass der Verein 1994 mit ihm deutscher Meister wurde, hatte wenig mit seiner Leistung zu tun. So transferierten ihn die Münchner bereitwillig nach Mönchengladbach, wo er zumindest fünf Tore in einer Saison erzielte. Als Spitzenspieler zeichnet man sich damit jedoch noch lange nicht aus. Wechsel nach Freiburg und weiter nach Bielefeld bis 2003. Die Karriere war schon lange vorbei, im Grunde schon zu Beginn seiner Laufbahn in München und so absolvierte er noch ein Regionalligaspiel 03/04 für Kickers Offenbach, wo er mittlerweile als Marketingleiter aktiv ist. „Ich war nie jemand, der dieses Image, diese Öffentlichkeit wollte.“, sagte er rückblickend. Naja, ohne dem wär‘s wohl gar nichts geworden, Sterni.



2. Lars Ricken

Unvergesslich: 28. Mai 1997, Championsleague-Finale im Münchner Olympiastadion, Borussia Dortmund gegen Juventus Turin, Spielstand 2:1. In Minute 71 wird Lars Ricken eingewechselt, 16 Sekunden später steht es 3:1 durch Ricken nach einem Traumtor aus 30 Metern. Ein Heber, der folgerichtig zum Tor des Jahres 1997 gewählt wurde. Damals war Ricken 21 und es war nicht sein erstes Ausrufezeichen, dass er zu setzen vermochte. Als 17-Jähriger schoss der Borusse ein erstes Bundesliga-Tor und war damit lange Zeit Rekordhalter der Liga. 1994 schoss er in der 120. Minute das entscheidende Siegtor zum 3:1 im UEFA-Cup-Achtelfinale gegen Deportiva La Coruna, ohne das der BVB ausgeschieden wäre. Und in der besagten Championsleague-Saison schoss er im Viertel- und im Halbfinal-Rückspiel jeweils das 1:0 für seinen Verein. Er wurde zum Aushängeschild der Dortmunder Jugendarbeit und alle Experten sahen in ihm den herausragenden Spieler der nächsten Jahre. Doch nach diesen Erfolgen blieben weitere aus. Der 16-malige Nationalspieler schaffte weder den Durchbruch in der Nationalelf noch eine Konstanz in seine Leistung. Das Dortmunder Ur-Gestein spielte oft mit, fiel selten auf und ist als 30-Jähriger einer der derzeitigen Mitläufer des BVB 06/07. Und irgendwie sieht man ihn trotz seines Alters immer noch nur als den 20-Jährigen Gipfelstürmer, schätzt ihn auf 25 und glaubt, irgendwas müsse da noch kommen. Wohl kaum, denn der Vize-Weltmeister von 2002 ohne eine Minute WM-Einsatz hat seine Zeit schon gehabt. Dass seine Zeit noch einmal kommen werde, hört man seit fünf Jahren und mittlerweile hört man gar nicht mehr hin.



3. Karheinz Pflipsen

Zu den richtig erfolgreichen Mannschaften wechselte er nie. In zehn Jahren Bundesliga seit 1989 bis 1999 spielte Pflipsen bei Borussia Mönchengladbach, wurde Kapitän und 1993 Nationalspieler unter Berti Vogts. Einmal kam er dort zum Einsatz im Confed-Cup als Vorbereitungsturnier für die MW 1994. Und war fortan wieder weg. Der Mittelfeldregisseur bewies spielerische Klasse zumeist durch Offensivkunst. Den entscheidenden Pass spielend oder selbst - immerhin - 37 mal in 197 Spielen als Torschütze genannt, wurde er immer als der Kopf der Borussia dargestellt. Oftmals überzeugte er jedoch auch durch völlige Abstinenz auf dem Platz. Technisch begnadet sei er, ein Spieler mit großem Potenzial, doch war davon immer seltener etwas zu sehen. Verletzungen und nachgesagte Extravaganz und Arroganz gepaart mit introvertierter Art ließen ihn schnell auch als Unsympathen und Quertreiber der Liga werden. Eine Arbeitsgerichtsklage auf Urlaubsgeld gegen die Borussia warf kein besseres Licht auf einen Spieler der Bundesliga, der wohl in den Augen der meisten Fans eh schon genug verdient. Nach dem Abstieg der M’gladbacher wechselte er zu Panathinaiskos Athen, spielte in der Championsleague, verletzte sich schwer und wurde aussortiert. Die Rückkehr nach Deutschland kam 2002 und er landete in der zweiten Liga bei Aachen. Nichts besonders Erwähnenswertes für eines der Talente der Liga, der nun Spielerberater ist (lässt sich nicht verbieten): DFB-Pokal-Sieger 1995 und eine Interviewaussage wie diese: “Heute war das Hemd näher wie die Hose”, nach einem Spiel für Aachen gegen M’gladbach und die Frage, wie sein Gefühlsempfinden war. Schön gesagt, Rotbäckchen.



4. Benjamin Lauth

Benni Lauth, Stürmer von 1860, alsbald Nationalspieler (insgesamt fünf Einsätze), ein Fallrückziehertor im inoffiziellen Spiel gegen eine Ausländer-All-Star-Auswahl der Bundesliga. Also Talent für Deutschland. Und für den HSV. Verletzung, Leistungseinbruch, Ersatzbank. “Er wird sich hoffentlich bald durchsetzten. Das Talent ist da.“ Hat er nicht. Ausgeliehen nach Stuttgart in der Winterpause. Benni Lauth ist erst 25, kann noch aus der “Ewigen-Riege” aussteigen. Zu wünschen wäre es dem sympathischen Ex-60er. Das Talent jedenfalls ist da.



5. Andi Möller

Zuletzt ein ambivalenter “Ewiger”. Andi Möller. Er wird oft damit konfrontiert, dass er sein unschätzbares Talent vergeudet habe. Diesen Vorwurf hat er größtenteils den Medien zu verdanken, mit denen er nie in Frieden leben konnte. Andererseits ließen sich ein paar Zahlen entgegenhalten, die für eine große Karriere von Andi Möller sprechen:
Weltmeister: 1990, Europameister: 1996, Deutscher Meister: 1995, 1996, Championsleague-Sieger: 1997, Weltpokal-Sieger: 1997, DFB-Pokal-Sieger: 1989, 2001, 2002, UEFA-Cup-Sieger: 1993; 110 Bundesligatore für Frankfurt, Dortmund und Schalke, 19 Tore für Juventus Turin.
Wer dabei von vergeudetem Talent spricht, hat wohl irgendwas übersehen. Es sei denn, man lege bei einem der torgefährlichsten Mittelfeldspieler aller Zeiten die Messlatte ein wenig höher. Denn zumindest in der Nationalmannschaft blieb er oftmals hinter den Erwartungshaltungen - vorhergesagter Spieler des Turniers - zurück und die ganz großen Erfolge blieben zwar nicht aus, sein Anteil daran war jedoch nie so groß wie bei seinen Vereinserfolgen. Ein verwandelter Elfmeter im EM-Halbfinale 1996 gegen England, als Kapitän der Mannschaft, mit Gascoignescher Jubelpose. Vielmehr bleibt nicht zurück. Dadurch wird Möller jedoch noch kein „Ewiges Talent“, bei weitem nicht. Da er aber gerne als solches benannt wird, so soll Platz fünf in der diesmaligen Top Five als kurze Richtigstellung ohne allzu viel Sympathiebekundung für Turbo-Andi oder Heintje oder Schwalben-Möller dienen.



 
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