06.02.07
Top 5ive...
der kreativsten Reformvorschläge von Sepp Blatter

 
Autor: Daniel Wehner

Ernst Thoman, vom Verband der Vertragsfußballer, bezog anno 2002 vor den Kameras von Frontal 21 gegenüber Sepp Blatter Stellung: "Er ist der FIFA-König auf dem Sonnenberg in Zürich. Es gibt keine Kontrolle, es gibt keine demokratischen Prinzipien. Er ist der König, der Kaiser im Fußball und agiert im Grunde so wie er will.“ Und weil er all das ist, kann er bizarr wirkende Reformvorschläge unterbreiten, WM-entscheidende 6er sperren oder interne Machtkämpfe der UEFA parteiergreifend beeinflussen. Wie gut er vor allem Visionen fußballerischer Neuzeit vermarkten kann, zeigen die Top 5ive Sepp Blatters`kreativster Reformvorschläge.

1: Attraktiver Frauenfußball

Den wohl glorreichsten Einfall seiner Amtszeit verbalisierte Blatter Anfang 2004 in einem Interview mit dem Schweizer „Sonntagsblick“: Angeregt durch die Hot Pants der Volleyballerinnen gab er bekannt, dass er auch von den Kickerinnen künftig mehr Bein sehen wolle. Schließlich sollte der Frauenfußball für Werbeträger aus der Mode- und Kosmetikbranche attraktiver werden. Das hatte gesessen: Frauenfußball sollte also durch mehr Erotik aufgepeppt werden. Damit dürfte er es bis in die männerfressende Witz-Sparte der „Emma“ geschafft haben. Bleibt abzuwarten, welcher Vorstoß den Frauenfußball erwartet, wenn Blatter erst den Lingerie-Ball im Vorprogramm des Super-Bowls entdeckt. Dort versuchen mehr als nur Bein zeigende Unterwäschemodels so zu tun, als spielten sie football. Und jetzt sie, Herr Blatter; machen sie was draus!

2: Golden Goal

Was Edmund Stoiber über Reformen zu sagen pflegt, traf im Fußballgeschäft auf das Golden Goal zu: „Die Mutter aller Tore“. Sepp Blatter hatte die ultimative Waffe im gnadenlosen Fußball-Kampf der Verlängerung geschaffen. Und wer sollte als erster in die die Analen der Golden-Goal-Historie eingehen: natürlich ein Deutscher, Oliver Bierhoff – selten wurde ein Kopfball so frenetisch gefeiert. Dagegen dürften die Tschechen wenig Verständnis für dieses neue Spielzeug der FIFA aufgebracht haben. Ähnlich wie der Rest der versammelten Fußballwelt. Fazit: 2002 schoss die Türkei im Viertelfinale das letzte Golden Goal. Nach achtjähriger Probezeit war auch dieses Kapitel beendet. Aber Blatter wäre nicht Blatter, und die FIFA wäre nicht die FIFA, wenn man nicht noch für zwei weitere Jahre das Silver Goal erfunden hätte...

3: Allwissendes Abseits

Einen neuen Geniestreich setzte Blatter pünktlich zum Confederations Cup 2005 um: Die FIFA probte eine neue Abseitsregel, bei der die Fahne erst gehoben werden sollte, wenn der Spieler in Abseitsposition den Ball auch berührt. Die Folge: Stürmer sprinteten dem Leder hinterher, um nach einem aufwändig gewonnenen Laufduell - kurz vor dem Torsabschluss - doch noch Abseits signalisiert zu bekommen. Schließlich hätte es auch ein passives Abseits werden können. Selten hatte der aufmerksame Beobachter so viele abwinkende, verwirrte und resignierende Spielerreaktionen in Richtung Schieds- und Linienrichter gesehen. Schnell wurde die Regel aus dem Verkehr gezogen; sich auf die bestehenden Abseitsregeln konzentriert.

4: Wiederholungsspiele für WM-Finale

Kürzlich preschte Blatter mit dem Vorschlag vor, WM-Finale bei einem Unentschieden nach Verlängerung künftig durch ein Wiederholungsspiel entscheiden zu lassen. Oder gegebenenfalls durch noch ein Wiederholungsspiel und noch ein Wiederholungsspiel... Jedenfalls solle es keine Elfmeterschießen mehr bei WM-Endspielen geben, sei diese Leistung doch zu individuell. „Und Fußball ist ein Mannschaftssport“, wie Blatter philosophisch anmutend betont. Zusammengefasst: Wir hätten also zusehen sollen, wie die Italiener ein ums andere mal im Berliner Olympiastadion einlaufen, um dann Zunge schnalzend, durch die Haare schmierend und bei jedem Ballgewinn Lippen befeuchtend über den Platz stolzieren – in der Gewissheit, bei einem Unentschieden wiederkommen zu dürfen. Unter diesen Umständen sollte vielleicht besser die individuelle Klasse entscheiden. So haben wir die Möglichkeit, die Bilder Trophäen-hievender Baumwollslipträger á la Gattuso schneller zu verdrängen.

5: Silver Goal

Besagtes Silver Goal ist der kleine Bruder vom Golden Goal. Da die silberne Regel sich aber gleicher Beliebtheit erfreute wie ihr goldener Teil, war ihre Lebensdauer ungleich kürzer. Als leiderprobtes FIFA-Reglement-Opfer durften sich nur mal wieder die Tschechen fühlen, als sie 2004 in der letzten Minute der ersten Verlängerungshälfte durch Dellas nach Hause geschickt wurden; Halbfinalaus, und wieder keine Chance, ins Spiel zurückzukommen. Zukünftig dürfte das auch für die silber-goldenen Brüder gelten.

 
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