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13.11.07 Top5ive…Deutsches (Fußball-)Theater
Autor: Henning Hildebrandt
Die Inszenierung des Spektakels, das mediale Umfeld der Spiele und die Darbietungen auf dem Rasen. Der Fußball ist durchaus als modernes Theater zu verstehen. Trainer als Choreographen, Spieler als Darsteller, mal Protagonisten, mal Statisten. Die Fans als begleitender Chor von Tenor bis Bass und das Fernsehen als Verantwortliche für Ton, Licht und Maske. Genre übergreifend deckt der Fußball alle Arten der darstellenden Kunst ab. Das Publikum weiß oftmals nicht, ob es weinen, lachen oder verzweifeln soll, denn die Aufführungen auf und neben dem Platz reichen von Drama über Groteske bis zur Posse. Temporäre Trauerspiele wie die der deutschen Vertreter in der Championsleague. Komödien wie Bayerns Artenschutz-Debatte und fiktive Tragikomödien wie Schalkes vierminütige Meisterfeier. Und noch einige andere mehr. Zeit genug, die besten Stücke der Fußball-Geschichte an dieser Stelle zu würdigen.
Die Top 5ive des deutschen (Fußball-)Theaters:
1. Der Bundesliga-Skandal von 1970/71
Als Episches Theater, also mit Erzähler, ist das Erstlingswerk der Bundesliga zu bezeichnen. Denn ein Tonband gelangt zur Hauptfigur dieses Stücks deutscher Fußballtheatergeschichte. Es erzählt die Wahrheit über einen Skandal, an dessen Ende Kickers Offenbach und Arminia Bielefeld, sowie 60 Spieler der Bundesliga unter anderem mit Lizenzentzug durch den DFB bestraft wurden. Nach den zweijährigen Verbandsermittlungen stand fest: Spiele wurden manipuliert, Gelder geboten und angenommen, Spieler bestochen und Funktionäre der Vereine zu Zahlungen genötigt, um den Abstiegskampf der Saison zu entscheiden. Rot-Weiß Oberhausen und Arminia Bielefeld schafften so den Klassenerhalt. Den Vorhang zu diesem Skandal öffnete ein Tonband, das Horst Gregorio Canellas, Präsident von Kickers Offenbach, in Anwesenheit eines Reporters laufen ließ, um so seine von ihm inszenierten Bestechungstelefonate mit zwei Berliner Spielern und Kölns Torwart Manglitz heimlich aufzunehmen. Diese „verdeckte Ermittlung“ im Auftrag des DFB fand statt, weil Canellas zuvor dem Verband berichtete, dass er erpresst wurde, von Manglitz, und auch an ihn gezahlt hatte. Auf seiner 50. Geburtstagsparty ließ er das Tonband unter Anwesenheit von viel Prominenz, u.a. auch die von Helmut Schön, laufen. Was folgte waren Sperren, Geldstrafen und staatliche Verfahren wegen Meineids. Ein modernes Drama um Intrigen, Bestechung und Korruption. Ohne Happy End. Denn auch Canellas erhielt Berufsverbot.
O-Ton-Ausschnitte des Tonbands hier:
2. Unsichtbares Theater von und mit Robert Hoyzer von 2005
Das Stück wird nicht auf einer Bühne aufgeführt, sondern ohne Wissen der Zuschauer an öffentlichen Orten. Und Hoyzer war Hauptakteur dieses unsichtbaren Theaters. Sein Auftritt fand zwar mitten auf der Fußballbühne statt, jedoch ohne dass irgendwer ahnte, dass neben dem Spiel noch ein ganz anderes Ding gedreht wurde. Als Dirigent des Spiels leitete der Jung-Schiedsrichter Spiele der Regionalliga, der 2. Liga und des DFB-Pokals mit der Absicht, den Jungs von der kroatischen Wett-Mafia so einen treuen Dienst zu erweisen. Und er machte es gut. Fiel nicht weiter auf. Denn Fehler kannte man von den Mannen in schwarz eben. Doch Schiedsrichterkollegen teilten die Verdachtsmomente dem DFB mit. Was folgte, ist in guter Erinnerung. Berufsverbot. Strafrechtliche Verurteilung, Revision, Verurteilung. Hoyzer gilt seitdem offiziell als Schimpfwort zwischen Spielern und Dirigenten. Leistungsgerecht.
3. Erich Ribbeck, Bundestrainer
Die Bilanz liest sich so: 10 Siege, 6 Unentschieden, 8 Niederlagen. Europameisterschafts-Aus 2000 nach der Vorrunde mit einem Rekonvaleszenten auf der Libero-Position namens Lothar Matthäus. Einem Trainerstab bestehend aus Uli Stielike und Horst Hrubesch. Und vielen Lachern in Reihen der Zuschauer. Zumindest derer im Ausland. In der Heimat: Eine wahre deutsche Tragödie.
4. Maurizio Gaudino in: Too fast, too furious
Straßentheater der besonderen Art bescherte uns der Hauptdarsteller Maurizio Gaudino. Einst kongenialer Partner von Uwe Bein bei Eintracht Frankfurt, fünfmaliger Nationalspieler und WM-Teilnehmer 1994. Abseits des Platzes stets ein geleckter Vorzeigesüdländer mit Brilli im Ohr und Restaurant-Inhaber mit Freude an schnellen Autos. Die Vorurteile italienischer Autoschiebereien bestätigend schob auch Gaudino ein paar Fahrzeuge zum Liebhaben irgendwo hin, ab, nur nicht an. Nach seinem Auftritt bei Gottschalk-Late-Night im Dezember 1994 ging es dann in die Arme der Polizei. Der Vorwurf an den Laiendarsteller halbseidener Geschäfte: Teilnahme am Betrug in drei Fällen. Da der Mittelfeldspieler so wenig Chef der Bande war wie Chef auf dem Platz, wurde er nicht wie angedroht ins Gefängnis beordert, sondern wegen Anstiftung zum Betrug und Beihilfe zur Vortäuschung einer Straftat gegen Zahlung eines Bußgeldes auf Bewährung verurteilt.
5. Effe und Berti – Das Malta-Melodram
Ein Stück in drei Akten.
Erster Akt: Effenberg wird im Alter von 15 Jahren in die Jugendauswahl Hamburgs berufen und darf beim Länderturnier des DFB in Duisburg auflaufen. Doch eine Einladung vom DFB für die Jugendnationalmannschaft im Spiel gegen England kommt nicht. Effe sitzt daheim, sieht das Spiel und seinen Kollegen Ralf Jester in Großaufnahme im Fernsehen und versteht die Welt nicht mehr. Auch ein Jahr später folgt auf die Teilnahme am Jugendturnier keine Berufung des DFB. Und ebenso wenig 1986. Trotz Turniersieg wird sein Name bei den Nominierten nicht genannt. Zuständig für die Sichtung der DFB-Jugendauswahl: Berti Vogts.
Zweiter Akt: Effenberg wechselt als 21-Jähriger von Mönchengladbach nach Bayern. Kurze Zeit später lädt ihn Bundestrainer Vogts zur Nationalmannschaft ein. Effe ist dabei, bei der EM 1992, beim US-Cup 1993 und auch 1994 in den USA. Im Spiel gegen die USA holt Effe den Mittelfinger in Richtung deutsche Fans raus. Eine, wie er sagt, Kurzschlusshandlung von maximal zwei Sekunden, als Reaktion auf Pfiffe und Beleidigungen. Zwei Sekunden zu lang, denn Vogts und Egidius Braun sehen in diesem „Stinkefinger“ ein untragbares Fehlverhalten. Effe reist ab.
Dritter Akt: Die Malta-Reise. Der seit dem WM-Aus 1998 arg kritisierte Vogts fragt bei Effe an, ob er am Neuaufbau teilnehmen werde. Effe ziert sich, sagt dann aber zu, und bereut seine Entscheidung schnell. Die Reise verläuft enttäuschend: 2:1 gegen Malta, 1:1 gegen Rumänien. Vogts tritt zurück. Und die Zeitungen vermelden, dass dies Effes späte Rache für die Ereignisse 1994 ist. Effe dazu (in seinem Buch „Ich hab’s allen gezeigt“): „In einigen Zeitungen hieß es, ich wäre nur in die Nationalmannschaft zurückgekehrt, um Vogts zu rasieren und kleinzumachen. Das war natürlich kompletter Schwachsinn. Ich respektiere Vogts – und kleinmachen wollt ich ihn bei seiner Größe von 1 Meter 55 bestimmt nicht.“
Ende des Melodrams: Vogts raus, Effe raus. Und der Beginn der Ribbeck-Tragödie.
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