08.010.07
Top 5ive der Allzweckwaffen
 
Autor: Henning Hildebrandt

Jeder Trainer freut sich, wenn er die Qual der Wahl hat. Keine Verletzten und keine gesperrten Spieler. Nur die Leistung bestimmt, wer spielt: Und spielt die Leistung bei einem wider Erwarten nicht mit, so wartet genau derjenige auf der Bank, der in Zeiten von Doppelbesetzung und Systemfußballs eingewechselt werden kann. Einfacher wird der Trainerjob, wenn die Stammkraft ausfällt, der entsprechende Mannschaftsteil sich selbst aufstellt und dahinter Notlösungen warten.
Die Probleme ergeben sich dann, wenn die Alternative der Alternative alternativ nicht zur Verfügung steht, die Mannschaft nach Ansicht des Schiedsrichters in Unterzahl spielen muss oder das Wechselkontingent erschöpft ist. An solchen Tagen freut sich ein Trainer über Spieler, die eine besondere Fähigkeit besitzen. Die Fähigkeiten, überall spielen zu können. An dieser Stelle, aus gegebenen Anlass, die Top5ive der Allzweckwaffen:


1. Lahm als klassische Sechs

Nicht seit kurzer Zeit wird die „Sechs“ als der Schlüsselspieler einer Mannschaft bezeichnet. So war neben Zidane, als Zehner, Patrick Vieira im defensiven Mittelfeld der Erfolgsgarant einer goldenen französischen Fußballära. Die gestiegene Popularität dieser Position basiert auf dem fußballtaktischen Systemwandel von Libero plus Manndecker und Vorstopper zur Viererkette mit Vierer-Mittelfeld Mitte der Neunziger. Eine Entwicklung, die vor allem dem deutschen Fußball einige Schwierigkeiten und mehrere Jahre der internationalen Erfolglosigkeit bescherte, was nicht zuletzt in historischer Hinsicht auf die Leistungen eines überragenden Franz Beckenbauers als Libero zurückzuführen ist.
So wurde im alternden Lothar Mathäus ein Nachfolger von Klaus Augenthaler als Abwehrchef hinter den beiden Verteidigern gesehen, traditionsbewusst, jedoch in Zeiten des modernen Fußballs mit offensiven Links- und Rechtsverteidigern veraltet und folgenschwer. Das taktische Defizit begründete sich in der Offensivarmut eines Spielgestalters vor dem Torwart ohne spielerische Bindung an die Offensive, der stets als letzter Mann die Abwehr zu organisieren hatte. Zudem in der spielerischen Armut eines reinen Zerstörers davor. Die „Sechs“ muss daher beides können: Zum einen in der Defensive als Abräumer vor der im Raum verteidigenden Abwehr fungieren und zum anderen das Spiel aus der eigenen Hälfte heraus mit gelegentlichen Vorstößen in den Angriff antreiben.
Derjenige, der in Deutschland auf dieser Position zu internationalem Ruhm gelangt ist, ist Thorsten Frings. Neben ihm – als Doppelsechs – Michael Ballack. Zur Reserve hat sich Thomas Hitzlsberger gemausert. Kritisch wird es jedoch, wenn die ersten beiden ausfallen und der dritte in die Offensive gestellt wird. Das Problem löste Jogi Löw in der Länderspiel-Einweihung des neuen Wembley-Stadions gegen England mit einem zunächst fragwürdigen Schachzug: Philipp Lahm. Dieser erwies sich jedoch einmal mehr als Glücksfall für den deutschen Fußball. Dem Rechtsfuß, der zu einem der besten Linksverteidiger der Welt aufgestiegen ist, mittlerweile wieder auf rechts spielen darf, gelang trotz möglicher körperlicher Benachteiligung dank eines unglaublichen Stellungsspiels mit taktischem Verständnis eine bemerkenswerte Leistung auf der „Sechs“ und steht völlig zu Recht auf Platz eins dieser Top5ive der Allzweckwaffen.


2. Schneider als „Zehner“

Bernd Schneider erntete leider nicht den Ruhm, den er durch sein Spiel als „10“ gegen Brasilien gesät hatte. Es war das Spiel, das den eigentlichen Flügelspieler zum weißen Brasilianer werden ließ. Als Michael Ballack im Halbfinale der WM 2002 nach der zweiten Gelben Karte im Finale gesperrt war, ließ Trainer Rudi Völler den Leverkusener im zentralen Mittelfeld spielen. Er spielte brasilianischer als jeder Brasilianer, so der allgmeine Kommentar zu seiner Leistung, er überraschte seine Gegner mit Körperfinten und Hackentricks und zeigte seine wohl beste Leistung im Nationaltrikot, die er fortan in beständiger Form sowohl im Verein als auch bei Länderspielen zu bestätigen wusste. Platz zwei hinter Lahm wohl deswegen, weil er nicht auf jeder Position zu glänzen wusste: Die zwangsweise Versetzung Schneiders zum Linksverteidiger war glücklicherweise nur von kurzer Dauer. Dort sind Brasilianer auch einfach fehlplatziert.


3. Bobic als Rechtsverteidiger

Es war sein bestes Länderspiel. Dies allein als Erkenntnis wäre noch nicht viel, denn als Stürmer wusste Fredi Bobic selten im Kreise der Nationalelf zu überzeugen. Doch in diesem Spiel bei der EM 1996 gelang dem damaligen Stuttgarter Bobic das Kunststück, eine bis dahin ungekannte Fähigkeit zu offenbaren. Und dabei kam ihm seine stets kampfstarke Einstellung zugute. So musste Bobic nach Thomas Strunz’ Gelb-Roter-Karte nach wiederholtem Foulspiel den Rechtsverteidiger im letzten Gruppenspiel der Vorrunde gegen Italien mimen. Zu zehnt verteidigte die deutsche Mannschaft nach einem gehaltenen Elfmeter von Köpke ein Null zu Null gegen anrennende Italiener, die vor dem vorzeitigen Turnieraus standen. Denn zeitgleich lief die Partie zwischen Tschechien und Russland. Und das 2:2-Zwischenergebnis dort ließ dieses denkwürdige Gruppenspiel zwischen Deutschland und Italien zum Endspiel werden. Ein Unentschieden der Tschechen und Italien wäre raus. Bei einem Sieg der Tschechen wäre Deutschland mit einer Niederlage gegen Italien ausgeschieden. Die zwischenzeitliche Führung der Russen bedeuteten das Aus für die Tschechen. Der Ausgleich durch den eingewechselten Smicer in der 90. Minute führte jedoch zur Heimreise der Azzuri. Wesentlichen Anteil daran hatte der Verteidiger Bobic.


4. Tarnat im Tor

Samstag, 18.09.1999, 5. Spieltag der Saison 98/99. Eintracht Frankfurt gegen Bayern München. In der 20. Minute bringt Bachirou Salou die Hessen in Führung. In der 52. Minute hält Oli Kahn einen Elfmeter. Durch Elber, 66., und Kuffour, 80., siegen Münchner doch noch 2:1. Das alles verwundert wenig. Wieder einmal drehen die Bayern ein Spiel. Doch in diesem Fall durften sich die Bayern bei ihrem Torwart bedanken, der eigentlich keiner war. Denn nachdem Kahn verletzt gegen Bernd Dreher ausgewechselt wurde, verletzte sich auch dieser und musste vom Feld. Doch für wen: Michael Tarnat. Der Abwehrspieler streifte sich Torwarttrikot und Handschuhe über und stellte sich zwischen die Pfosten, glänzte dabei gar mit Paraden und hielt seinen Kasten sauber, während seine Feldspieler-Kollegen die Tore schossen.


5. Kahn als 12ter Mann

Diese Position kannte Oliver Kahn nur noch aus Karlsruher Zeiten als er hinter Alexander Famulla Torwart Nr. 2 gewesen ist. Doch Famulla konnte dem Ehrgeiz des Jungtalents nicht lange standhalten und verlor den torwartinternen Zweikampf binnen weniger Spiele. Seitdem mutierte Kahn zum Torwarttitan und spielte ununterbrochen als Nummer eins bei den Bayern und später für Deutschland. Mit 36 Jahren rutschte Kahn jedoch noch einmal ins zweite Glied, da Lehmann nach den Worten Köpkes „um Nuancen die Nase vorn hatte“. Jeder, der mit einem wütenden Ausbruch und Rücktritt aus der Nationalmannschaft rechnete, wurde enttäuscht. Kahn trug die persönliche Niederlage gegen seinen Dauerkonkurrenten mit Anstand. Sicherlich auch ohne Einsicht und mit Verbitterung, jedoch in keiner Sekunde vor und während des WM-Turniers 2006. Vielmehr erfüllte er die Rolle des erfahrenen Mannschaftsmaskottchens ohne Groll und beendete seine Karriere mit seinem Spiel um Platz 3 als Nummer zwei und wichtiger zwölfter Mann für das Mannschaftsgefüge.
Kurze Anmerkung in eigener Sache: Irrtümlicherweise verwiesen wir statt Famulla Gerry Ehrmann hinter Oli Kahn (als dessen erstes Zweikampf-"Opfer") auf die Ersatzbank. Diesen Faux-Pas bitten wir zu entschuldigen. Vor allen bitten wir Christian Hepp um Verzeihung und danken für die kleine Gedächtnisstütze zu Famulla und dessen Begegnung mit Rainer Wirschings Schuss aus "gefühlten 50 Metern".

 
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