10.06.07
(K)ein ewiger Stenz
 
Autor: Tim Sohr

Es ist noch gar nicht so lange her, da erinnerte plötzlich aus dem heiteren Himmel Günter Netzer an ihn. Als Manager des Hamburger SV hatte Netzer ihn 1983 in die Hansestadt geholt, wo er drei Jahre spielte und der absolute Liebling seines Trainers, dem legendären Ernst Happel, war. Wolfram Wuttke war aber auch, laut Deutschlands populärstem (Fernseh-)Fußballkritiker dieser Tage, eines der größten deutschen Fußballtalente aller Zeiten, doch hätten ihm erhebliche charakterliche Defizite im Laufe seiner Karriere immer wieder im Weg gestanden. Es mutete schon reichlich kurios an, wie Netzer, einer der vermeintlich größten Lebenskünstler, die jemals vor den Ball traten und ein beispielloser Dickkopf vor dem Herrn, da neben seinem Busenfreund Gerhard Delling stand, und in Sätzen über Wuttke schwadronierte, die man sonst immer nur rückblickend über seine eigene, also Netzers Karriere zu hören oder lesen bekommt. Eine Kritik, so authentisch, als würde Johan Cruyff Mario Basler für seinen Zigarettenkonsum zur Räson rufen.
Es wird Wuttke nicht gestört haben. Er ging immer einen sehr eigenen Weg, ist daher schon aufgrund seines Naturells eine Menge Gegenwind gewohnt. Dass er bisweilen in Vergessenheit gerät, wenn wieder irgendwo über die größten deutschen Fußballer der 80er, 90er und der Besten von heute abgestimmt wird, ist die Kehrseite seines Eigensinns, mit dem er vielen Leuten vor den Kopf stieß. Es ist aber auch das Resultat einer außergewöhnlichen Karriere gegen alle Konventionen.

Ein undiplomatisches „Enfant Terrible“

Wolfram Wuttke, geboren am 17.November 1961 in Castrop-Rauxel, wechselte mit gerade einmal 15 Jahren von seinem Heimatverein SG Castrop zum FC Schalke und führte deren B-Junioren 1978 zur deutschen Meisterschaft. Er war immer noch 17 Jahre alt, als er in der Bundesliga-Elf der Gelsenkirchener debütierte und beim 4:1 gegen Bayer Uerdingen im Oktober 1979 schließlich zum jüngsten Schalker Bundesligatorschützen aller Zeiten wurde. Ein Vereinsrekord, der bis heute gültig ist. Aus finanziellen Gründen mussten die „Knappen“ den genialen Techniker aber 1980 an Borussia Mönchengladbach abgeben, wo „Wutti“ sofort seinen endgültigen Durchbruch schaffte. Anfang des Jahres 1983 holte Schalke sein Eigengewächs noch einmal zurück, der zweite Bundesligaabstieg im gleichen Jahr sorgte jedoch erneut für einen schnellen Abgang von Wuttke. Nach seinem Engagement in Hamburg wechselte Wuttke 1986 zum 1.FC Kaiserslautern. In Deutschland begann nun seine erfolgreichste Zeit. Wuttke erzielte in fünf Jahren auf dem Betzenberg 32 Tore und schloss dieses Kapitel 1990 mit dem Gewinn des einzigen Vereinstitels seiner Profikarriere, dem DFB-Pokal, ab. Zur selben Zeit, zwischen 1986 und 1988 absolvierte das „Enfant terrible“, den diese inflationäre Bezeichnung wie kaum einen Zweiten schmückt, seine vier Partien (1 Tor) für die deutsche Nationalelf. Als seinen größten Erfolg bezeichnete Wuttke die olympische Bronzemedaille bei den Spielen in Seoul: „Wir waren ja damals besser als die A-Nationalelf“, sagte er noch letztes Jahr in einem Interview dem „kicker“.
„50 Länderspiele“ habe ihn laut Eigenaussage seine fast schon sprichwörtliche „fehlende Diplomatie“ gekostet. „Ich bin einer, der immer mal wieder was verbockt hat, aber auch allein rausgekommen ist“, so Wuttke.
Die fehlende Diplomatie sorgte gegen Ende seiner Zeit beim FCK auch für ständige Konflikte mit Trainer Gerd Roggensack. Wuttke streute immer mal wieder einen lustlosen Auftritt ein und wurde zeitwillig suspendiert. Nur 10 Einsätze stehen für ihn in seiner letzten Saison bei den Pfälzern zu Buche. Es zog Wuttke ins Ausland und so heuerte er 1990 in Barcelona beim RCD Espanyol, dem „kleinen“ Rivalen des großen FC, an, wo er zwei erfolgreiche Jahre absolvierte. Zum Abschied aus der katalanischen Metropole ließ sich der Publikumsliebling für ein berühmt-berüchtigtes Foto als „König“ von Barcelona ablichten.
Den Abschied vom Profifußball nahm Wuttke schließlich in der Saison 1992/93 beim 1.FC Saarbrücken, wohin er vor allem dem Ruf seines Freundes und damaligem Saarbrücker Trainers Peter Neururer folgte. Nach 23 Spielen für die Saarländer beendete er seine aktive Karriere endgültig.

„Immer wenn ich breit bin, werde ich spitz“

Wuttke galt im gesamten Verlauf seiner Karriere als schwieriger Typ, der vor allen Dingen mit seinen Trainern ständig im Clinch lag und außerhalb des Fußballplatzes zudem den Ruf und Lebenswandel eines regelrechten Hallodris pflegte. Nicht umsonst stammt eines der berühmtesten aller abgedroschenen Fußballer-Bonmots – „Immer wenn ich breit bin, werde ich spitz“ – von ihm. Jupp Heynckes, Wuttkes Trainer zu dessen Gladbacher Zeiten, bekam seinen Spitznamen „Osram“ erst von Wuttke verpasst, und selbst sein absoluter Bewunderer und notorischer Fürsprecher, Ernst Happel, sagte nach einer der zahlreichen hitzigen Auseinandersetzungen mit dem filigranen offensiven Mittelfeldspieler resignierend: „Dem Wuttke haben sie ins Gehirn geschissen“.
Wie kein anderer steht Wuttke für den irgendwie, ja, revolutionären Geist, den die Fußballbundesliga der 80er Jahre mit ihren Vokuhila-Matten und Oberlippenbärten atmete, als noch nicht jeder Schritt und jedes Bier, das die Spieler tranken, medial aufbereitet wurde, und es noch „Typen“ gab, die „ihre Meinung sagten“. Und so klischeehaft das alles klingt, so wahr ist es dennoch, dass es einen wie Wolfram Wuttke heutzutage tatsächlich nicht mehr gibt.
Umso erstaunlicher ist, wie still es um Wuttke nach seiner aktiven Karriere wurde. Er hatte nun endlich mehr Zeit für die Familie, doch diese brach schon bald darauf auseinander. Nachdem er auch finanziell in die Bredouille geriet, folgte im Jahr 2000 die schockierende Diagnose: Wuttke litt an Brustkrebs, einem Leiden, an dem in Deutschland jährlich 43000 Frauen, aber nur 400 Männer erkranken. In einer Zeit, in der die Krebserkrankungen von Heiko Herrlich und Ebbe Sand den Zeitungen große Schlagzeilen wert waren, kämpfte Wuttke gegen seine Krankheit, von der Öffentlichkeit weitgehend unbehelligt: „Wenn man so in der Versenkung verschwunden ist wie ich, ist es klar, dass über den Sand eher was geschrieben wird als über den Wuttke“, bilanzierte er selbst.
Wuttke äußert sich im Nachhinein enttäuscht über ehemalige Kollegen, die in der schweren Zeit den Kontakt mit ihm abbrachen. Nur Frank Mill, Peter Neururer, Erich Rutemöller meldeten sich noch. Seine neue Lebensgefährtin Marlies und seine Eltern waren ihm stattdessen die größten Stützen. Wuttke hat viel daraus gelernt und zieht ein so schlichtes wie bitteres Fazit: „Echte Freunde hat man immer zu wenige.“
Heute wohnt Wuttke wieder in „seinem“ Ruhrgebiet, spielt regelmäßig Tennis, auch das eine oder andere Bier und ein paar Zigaretten sind wieder drin: „Man kann ja nicht auf alles verzichten“.
Er hat den Krebs besiegt, es war ein stiller Sieg nach einem Kampf, den Wuttke relativ alleine führen musste, obwohl er sich erstmals mehr Unterstützung der anderen gewünscht hätte. Inzwischen glaubt er, heute „in vielen Dingen diplomatischer“ zu sein, im Vergleich zu früher. Er verfolgt den Fußball kaum noch, hat er dem „kicker“ gestanden, „nur Schalke und ein bisschen Lautern“, und auch seine Memoiren, die sicherlich nicht nur für Fußballnostalgiker eine Menge Zündstoff bieten würden, will er der Welt vorenthalten: „Nein. Dann müsste ich über alte Kollegen Interna rauslassen. Das tut man nicht. Außerdem war ich letztens in der Metro. Da lag auf dem Wühltisch ein Buch von Stefan Effenberg für 3,95 Euro. Nichts gegen Effe, das war ein geiler Typ. Aber so möchte ich nicht enden.“ Wolfram Wuttke hat eine Menge erlebt. Aber inzwischen hat er seinen Frieden gefunden. Er ist mit sich im Reinen. Da kann ein Günter Netzer nachtreten, soviel er will.





 
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