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16.10.06
7.Spieltag
Faszination am ersten Spiel-Tag

„Der natürliche Grundzustand des Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht.“, so Nick Hornby in „Fever Pitch“. Sie schwindet immer dann, wenn die eigene Mannschaft glänzend kombiniert, hoch gewinnt oder zumindest eine einzige gelungene Aktion darbietet. Jedoch bleibt sie latent in den Köpfen jedes Einzelnen, bei Misserfolg und Lethargie auf dem Platz greift sie wieder um sich und spiegelt sich in resignierendem Kopfschütteln, leeren Blicken oder wutentbrannten Trainer-raus-Sprechchören wider. Fußball ist eben ein kurzweiliges Vergnügen, Siege stehen bis zur nächsten Partie und fallen mit der ersten Niederlage. Erfolg und Misserfolg im steten Wechsel. In unmittelbarer Nähe zueinander.
In Stuttgart, München und Bremen sieht man seit Samstag lachende Gesichter, denn am 7. Spieltag wurde erstmals in der Saison Fußball gespielt. Teilweise gar zelebriert. Der VfB zeigte beim 3:0 gegen Leverkusen Kombinationsfußball längst vergessener Jugendstiltage. Die Bayern präsentierten Offensivkunst mit drei Spitzen, die in totaler Harmonie rotierten und nach äußerst sehenswürdigen Steil- Quer- und Doppelpässen gegen Berliner Statisten ihre Treffer erzielten. In Bochum glänzte Bremens Diego mit Zauberfußball und die Mannschaft mit sechs Auswärtstoren, davon fünf binnen der zweiten Halbzeit. Der gemeine Fußballfan vergaß seine Enttäuschung über den teils sieg- jedenfalls aber überwiegend inspirationslosen Sicherheitsfußball der Vereine während der noch jungen Bundesligasaison 06/07.
In Hamburg, Bochum und Wolfsburg hingegen verdüstern sich die Mienen. Enttäuschung breitet sich wieder und weiter aus und Ratlosigkeit obsiegt über Hoffnung. Während die Trainer der beiden Letztgenannten sich den Unmutsäußerungen der eigenen Fans ausgesetzt sehen, die nichts mehr wollen als ihre Entlassung, leidet der HSV-Anhänger mit seinem charismatischen Jungtrainer Doll und sucht die Schuld für die nicht enden wollende Serie der Sieglosigkeit im Vorstand. Ebenfalls ein beliebtes Ziel sich entladender Enttäuschung. Dabei könnte schon heute die Sonne in Hamburg wieder scheinen. Hätte Elfmeterschütze Boubacar Sanogo beim Stand von 1:1 gegen Schalke 04 entweder sich selbst oder die Größe des Tores angemessen eingeschätzt, hätte er den bereitwilligen Neu-Nationalspieler Trochowski den Vortritt gelassen oder seinen rückpassgleichen Schuss zumindest platziert, wären möglicherweise die Tränen der bitteren Enttäuschung auf den Rängen ausgeblieben. Tat er aber nicht.
So schreibt Nick Hornby weiter, dass der Fußballfan die Kunst versteht, „sich zu faszinieren, wenn er leidet.“ Wenn es denn stimmt, so war dieser siebte Spieltag pure Faszination: Spielerisches Spektakel auf der einen, lähmendes Leiden auf der anderen Seite einer Fußball-Medaille, die fast in jedem Spiel dieses Wochenendes ihre zwei Seiten zeigte.


                                                                             Henning Hildebrandt

 
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