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16.09.07 5.Spieltag Im Osten nichts Neues. Autor: Henning Hildebrandt
Jahrelang erhofften sich diejenigen, die nicht „rüber“ gemacht haben, weder vor dem Mauerfall über ungarisch-österreichische Trampelpfade noch nach dem Jahrhundertereignis mit ihren – nennen wir es einmal – Autos, an wartenden Röhrenjeans und BRD-Oberlippenbärten vorbei, ein „Zonen“-Aushängeschild in Gesamtdeutschlands-Fußball-Eliteliga zu haben. Mit an bodenloser Frechheit grenzender Kontinuität scheiterten alle Söhne des Marxismus’ trotz gesellschaftlichen Klassenkampfschemata jedes Jahr auf ein Neues. Keine Fußballkulturrevolution des Ballproletariats gegen die westdeutschen Patriarchen der Liga. Auch nicht 17 Jahre nach dem Tag der deutschen Einheit. Meisterschaften wurden keine gefeiert. Europapokaltriumphe gab es seit jenem 3. Oktober für die Ossis auch keine mehr. Die westliche Landesbevölkerung abboniert seit Jahr und jenem Tag die nationale Vormachtstellung auf dem Platz.
Wen interessiert’s, was die Friseuse drüben verdient, wie viel Grundgehalt der ostdeutsche Maurer erhält? Oder wie sehr das Bevölkerungswachstum in den neuen Ländern stagniert? Die Politik. Na gut, und ganz besonders dann, wenn Wahlkampf ist. Der demographische Faktor ist aber auch außerhalb dieser Zeit Besorgnis erregend. Zumindest, wenn man den Blick auf das Wesentliche lenkt. Den Fußball. Viele Stars der Liga waren und sind regelmäßig ehemalige DDR-Spunde. Andreas Thom und Ulf Kirsten machten den Anfang. Viele folgten. Matthias Sammer; einer der stärksten Defensivspieler der Neunziger. Und selbst Deutschlands liebste Fußballkinder der Neuzeit entsprangen der guten, alten Sportförderung hinter den ehemaligen Grenzposten. Bernd Schneider, Michael Ballack, Tim Borowski und einige mehr. Nur zwischendurch und ohne Relevanz: der Schönste von ihnen, zumindest namentlich, war und bleibt natürlich: Perry. Perry Bräutigam. Aber der, wie auch Peggy, Conny und Chantalle, die Hairstylistinnen, seien nur am Rande bemerkt, denn diese blieben abgesehen von einem unrühmlichen Einjahres-Ausflug nach Nürnberg ihrer Hammer bestickten schwarz-rot-goldenen Fahne treu. Doch wie die arbeitsuchende Jugend zieht es auch den Profifußballer mit Talent immer wieder raus, im Wagen westwärts. Und die Folge: Kirsten wird Bundesliga-Rekordtorschütze. Natürlich im Westen. Bernd Schneider mutiert zum weißen Brasilianer. Natürlich im Westen. Und Michael Ballack wird Deutschlands Aushängeschild im Ausland. Nach vielen guten Jahren, natürlich im Westen. Und der Lohn dieser Erziehung für den Überwachungsstaat: Nationalmanschaftserfolge. Nicht nur ein Sparwasser-Tor gegen ungeliebte Nachbarn, sondern Endturnierteilnahmen und Titel. Aber darüber freuen sich die im Westen mindestens genauso wie im die im Osten der Republik. Ist es doch das liebste Kind aller Deutschen. Aber Vereinserfolge? Fehlanzeige. Zunächst wurden Namen ausgetauscht, Identitäten ruiniert, Karl Marx endgültig ad acta gelegt und Wismut als Erzgebirge westlich publik. Dresden und Leipzig wurden als erste in das Haifischbecken Bundesliga geworfen und gingen jämmerlich baden. Rostock folgte, gelang kurzfristig gar der ein oder andere Achtungserfolg, zweimal Platz sechs, und stieg immer wieder brav in die zweite Klasse gemäß ihrer kulturrevolutionären Bestimmung ab. Cottbus etablierte sich mit seinem „Stadion der Freundschaft“ mal mehr mal weniger und gilt dennoch alljährlich als Abstiegsfavorit Nummer eins. Nur dieses Jahr nicht. Denn da ist ja wieder Hansa. Ohne Geld. Ohne Star. Ohne Zukunft.
Nach fünf Spieltagen zeichnet sich das Bild der gebenden, nichts nehmenden Ostdeutschen ab. Gegeben: Halbe Nationalmannschaften. Viele Talente. Genommen: Freies Reisevergnügen. Nur nicht über die erweiterten Staatsgrenzen hinaus, denn dahin musste bislang kein Ost-Fan in der deutsch-deutschen Fußballgeschichte fahren, ohne jedoch Hansas Auslandsfahrt beim UI-Cup-Erstrunden-Aus 98/99 zu unterschlagen. Doch dabei ging es auch nur wieder nach Ungarn, zum VSC Debrecen. Europapokalteilnahmen werden wohl auch in (naher) Zukunft nicht zu erwarten sein. Also freie Fahrt im eigenen freien Land. Und immer schön Punkte geben.
Die Auswärtsstadien standen an diesem Wochenende in Bielefeld und Stuttgart. Mit Hartschalenkoffern anreisen, nett lächeln, dann die Reisetasche und die Abwehr aufmachen. Und abgeben, was man eingepackt hat. Punkte, vom Lieferanten: Rostock, 0 Punkte, 3:11 Tore; Cottbus, 2 Punkte, 2:9 Tore. Tabellenplätze 18 und 17. Respekt, wer sich seiner zugeteilten Rolle dermaßen ergibt. Im Osten Nichts Neues. Wie gesagt. Und die Frage sei gestattet: Hieß der VfL Wolfsburg früher Lokomotive oder Carl Zeiss? Spielerisch wie stadtbildlich könnte auch um diese Stadt der Zaun hochgezogen werden, als Ostpendant zu West-Berlin sozusagen. Platz 16 für die graue Fußballimmanenz nahe Magdeburg. Ganz nahe Magdeburg. Also besser gesagt: Im Osten und in Wolfsburg mal wieder nichts Neues. Wäre da nicht die Integrationspolitik von pokalo.de: Denn den Titel des „Wörns der Woche“ schmuggeln wir bereitwillig nach drüben und sagen: Gern geschehen, Freunde.
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