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30.04.07
31.Spieltag
Anno 1992
Autor: Henning Hildebrandt

Die Frage nach dem deutschen Meister der hiesigen Bundesliga-Saison ist noch längst nicht beantwortet und dennoch wurde der Dreikampf um den Titel meist zu einem Zweikampf stilisiert. Nach dem Schalker Patzer im Revierderby in Bochum (2:1), schauten nur die wenigsten nach Mönchengladbach, sondern Gesamt-Fußballdeutschland nach Bielefeld. Wartete auf den dortigen Auftritt der Bremer und mutmaßte die Wachablösung an der Spitze der Liga. Die Frage hieß erneut: Werden die Hanseaten den Ausrutscher des derzeitigen Ligaprimus’ aus dem Pott ausnutzen und drei Spieltage vor Schluss auf Platz 1 vorstoßen? Die Antwort lautet – wieder einmal: Nein. Werder verlor auf der Alm mit 2:3.
In einer der unzähligen „Wochen der Wahrheit“ im Fußball – denn irgendeine Mannschaft befindet sich immer auf der Suche nach derselben (Bayern München vor ein paar Wochen noch mit dem CL-Rückspiel gegen AC Mailand und dem folgenden Ligaspiel gegen Leverkusen oder der VfB eine Woche später mit dem DFB-Pokal-Halbfinale in Wolfsburg und dem „CL-Platz-Finale“ gegen eben jene Bayern) – erhofften sich die Bremer in ihrer Woche zwei große Schritte zum Double-Gewinn binnen sieben Tagen. Das ernüchternde Ergebnis dieser Wahrheitssuche: Das „So gut wie“-Aus im UEFA-Cup und der Rutsch von Platz 2 auf Platz 3 der Bundesliga. Und so heißt der große Gewinner dieses Spieltags einmal mehr nicht Werder oder Schalke, sondern VfB Stuttgart. Jene Mannschaft also, die als einzige ihre Woche mit der gewünschten Wahrheit beendet hatte. Aber dennoch nicht ernsthaft als Meisterschaftsanwärter gehandelt wurde. Denn ihre Daseinsberechtigung wurde immer wieder – durch Münchner Kampfansagen – auf das Duell um Platz 3 verschoben. Dieses haben sie souverän gewonnen. Genauso souverän wie das Spiel gegen Mönchengladbach am Samstag (1:0). Ohne Glanz zwar, dafür aber überzeugend. Hört man die Experten-Meinungen, so heißt es wieder und wieder, dass Stuttgart der Titel schon zu gönnen wäre, dass sie es eigentlich verdient hätten. Diese junge Mannschaft, die keiner auf dem Zettel hatte. Und anscheinend immer noch nicht hat. Denn keiner sagt, dass sie es womöglich auch werden. Deutscher Meister. Zu lange waren sie nur Anhängsel der beiden Führenden und scheinbares Futter Münchner Schlussoffensive. Doch bereits nach ihrer Wahrheitsfindungswoche und spätestens seit diesem 31. Spieltag sollte den Stuttgartern der Respekt gezollt werden, den sie sich verdient haben, will man die Ereignisse nicht durch eine wahlweise königsblaue oder grün-weiße Brille beobachten.
Stuttgart als Überraschungs-Meister? Ganz neu ist diese Geschichte nicht. Ein Blick in die jüngere Bundesliga-Historie reicht zur Untermalung dieses Szenarios aus. Anno 1992, in der Saison 91/92 wurde der VfB schon einmal Überraschungs-Meister. Wie in dieser so auch in jener Spielzeit starteten die Schwaben bescheiden in die Saison und spielten sich im weiteren Verlauf in die oberen Ränge der Liga, ohne je an der Spitze gestanden zu haben. Am fünfletzten Spieltag zogen sie auf Platz 2 vor und behaupteten sich dort bis zum 38.(!) Spieltag. Anno 1992 wurden sie dann dank eines Ausrutschers der hoch favorisierten Frankfurter und einem überraschenden Sieg gegen den BVB im Liga-Finale am letzten Spieltag Deutscher Meister. Der Erstplatzierte rutschte gar auf Rang 3 zurück. Und ähnliches könnte dieses Jahr folgen: Armin Veh als legitimer Nachfolger von Christoph Daum. Schalker Herrlichkeit getrübt durch einen Eintracht-gleichen Ausrutscher (damals Rostock am letzten Spieltag) gegen Dortmund am 33. Spieltag und eine Bremer Vize-Meisterschaft hinter jenen Stuttgartern, denen so viele den Titel gönnen. Und doch keiner so recht zutraut. Bedenkt man zudem den möglichen Pokalgewinn, so wäre der VfB wirklich ein würdiger Meister einer herausragenden Spielzeit der Stuttgarter und Veh womöglich der designierte Erbnehmer von Felix Magath. Nämlich mit Schale und Pokal im Gepäck Richtung Rathaus unterwegs. Zumindest ein mögliches Ergebnis der letzten drei ausstehenden Wahrheits-Findungs-Wochen der diesjährigen Bundesligasaison. Und vielleicht auch das wahrscheinlichste.

Restprogramm
Schalke: Nürnberg (H), Dortmund (A), Bielefeld (H)
Stuttgart: Mainz (H), Bochum (A), Cottbus (H)
Bremen: Berlin (A), Frankfurt (H), Wolfsburg (A)

 
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