23.04.07 30.Spieltag Vom Wert eines „Aggressivleaders“ Autor: Tim Sohr
Mark van Bommel ist ein eigenartiger Geselle. Seit seiner Ankunft in München hat die ehemalige Gallionsfigur des PSV Eindhoven, die sich beim FC Barcelona nie durchsetzen konnte, in kurzer Zeit eine wichtige Rolle innerhalb des zerbrechlichen Gefüges der Bayern-Mannschaft 06/07 eingenommen. Zudem wirkt er in Interviews und Pressekonferenzen durchaus nicht unsympathisch, spricht ein passables Deutsch und zeigt dabei hin und wieder sogar Anflüge von Humor. Doch der offensichtlich umgängliche Zeitgenosse hat auch eine andere und – das wird immer deutlicher – sehr dunkle Seite. Ottmar Hitzfeld nannte ihn zu Beginn seiner zweiten Amtszeit seinen „Agressivleader“. Und nach seinen teilweise peinlichen Aussetzern in der Champions League (Fan-Beleidigung in Madrid, dann eine Gelb-Rote Karte im Rückspiel etc.) gab es am 30.Spieltag diesbezüglich zwei brandaktuelle Beispiele: Den versuchten Ellbogenschlag, der das Gesicht des VfB-Mexikaners Pavel Pardo nur knapp verpasste, und der unglaublich brutale Tritt, ein paar Minuten später, der van Bommel seine neunte Gelbe Karte der laufenden Spielzeit einhandelte. Frank Buschmann begab sich im DSF-„Doppelpass“ kurzzeitig auf das dünne Eis des Boulevards, als er übertrieb, dass Pardos Kiefer „durchgebrochen“ wäre, hätte van Bommel getroffen – nichts ist überflüssiger als hypothetisches Pathos. Udo Lattek verwies daraufhin – ausnahmsweise zu Recht – auf den oft zitierten Stefan Effenberg, der einst im Champions-League-Viertelfinale 2001 David Beckham (Manchester United) mit einer fairen, aber beinharten Grätsche von den Beinen holte und dem Engländer somit eine äußerst einschüchternde Entschlossenheit suggerierte. Zwei Monate später gewannen die Bayern die Champions League. Und tatsächlich sollte einen „Aggressivleader“ vor allen Dingen eine Souveränität im Dosieren seiner eigenen Härte auszeichnen. Ausrutscher können passieren – aber nicht ständig, wie beim Holländer, der anscheinend auf einem schmalen Grat zwischen unbeherrscht und dumm wandelt. Er will wachrütteln, erhöht damit jedoch häufig einfach nur die Gefahr für seine Mannschaft (und für die Gesundheit seiner Gegenspieler). Diese Tatsache, und seine fußballerische Limitiertheit, unterscheiden Mark van Bommel, ebenso wie seinen Mannschaftskameraden Hasan Salihamidzic, von den wirklich großen „Aggressivleadern“ der Fußballgeschichte. Und außerdem: Wie wertvoll ist ein „Aggressivleader“, dessen Ellbogen den Feind verfehlt…?
Andererseits verkörpert van Bommel damit wie kaum ein Zweiter, außer Oliver Kahn, die momentane Hilflosigkeit des FC Bayern, den eigenen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Nach dem 0:2 in Stuttgart ist die Meisterschaft außer jegliche Reichweite gerückt, und fünf Punkte Rückstand auf den dritten Platz, den ja der VfB belegt, werden in den letzten vier Spielen auch kaum aufzuholen sein. Diese Entscheidung scheint gefallen, ganz im Gegensatz zu fast allen anderen Plätzen, die es noch zu vergeben gibt: den Ersten, um den Schalke und Bremen weiter im Gleichschritt und ohne Blöße kämpfen; den Fünften, dem Bayer Leverkusen nach dem 2:0 im direkten Duell nun wieder näher zu sein scheint als der 1.FC Nürnberg. Und den Fünfzehnten, der selbst für den Tabellensiebten, Hertha BSC Berlin (nach einem Heim-0:1 gegen Dortmund), nur fünf Punkte entfernt ist.
Es wird ungemein spannend bleiben in Deutschlands Eliteliga, und hoffentlich auch weiterhin garniert mit derartigen fußballerischen Leckerbissen, wie es sie auch an diesem Wochenende wieder zu bestaunen gab: Wie den 65-Meter-Schuß von Bremens Diego, der in der Nachspielzeit den Weg ins verwaiste Aachener Tor fand – schon jetzt mit einer ungefähr hundertprozentigen Wahrscheinlichkeit das „Tor des Jahres“. Oder Bernd Schneiders Zauberkombination mit sich selbst vor seinem zweiten Tor für Leverkusen. Oder Mohamed Zidans Tanz durch die gegnerische Abwehrreihe vor seinem Treffer gegen den Hamburger SV.
Noch vier Spieltage. So wie an diesem Wochenende darf es bis zum Schluss weitergehen.
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