18.12.06 17.Spieltag Halbzeit
Autor: Daniel Wehner
Gewinner der Hinrunde
Zwar hat der SV Werder Bremen gegen Chelsea und Barcelona das Prädikat „Weltklasse“ knapp verpasst. Doch National zeigten die Bremer in einer Vorrunde der Superlative von Spiel zu Spiel das, was die Bayern erst gegen Mainz abrufen konnten. Mit dem Freistoß-Hammer in der 86. belohnte Naldo die zuvor gezeigten Bremer Leistungen mit der Herbstmeisterschaft und katapultierte Wolfsburg auf die Kandidatenliste der Vorrunden-Verlierer. Glaubt man der Statistik, dass 80 Prozent aller Herbstmeister die Schale schlussendlich auch in Händen hielten, dann von dieser Stelle aus schon mal einen „Herzlichen Glückwunsch für die Beinahe-Meisterschaft“.
Nach überstandenem Fanprotest und Presseboykott dürften sich auf Schalke die Wogen geglättet haben. Punktegleichheit mit den herbstmeisterlichen Bremern; alles spricht für einen spannungsgeladenen Dreikampf um den Platz an der Sonne. Mit einem FC Bayern, der die Wende hin zu beeindruckender Spielstärke erst im letzten Vorrundenspiel schaffte, mit einem SV Werder Bremen, der mit filigran vorgetragenem Angriffsfußball alles aus dem Weg räumte, was auch nur Anstalten machte, sich in selbigen zu stellen, und mit einem FC Schalke 04, der sein können sparsam dosiert nur überfallartig aufblitzen ließ – getreu dem Motto: Fürchte dich vor dem, was du nicht siehst. Der Minimalistensieg gegen Bielefeld machte vor allem eines deutlich: In altbekannter bajuwarischer Tradition ist der FC Schalke 04 ein echter Titelanwärter.
Eine von zahlreichen Gesetzmäßigkeiten der Bundesliga besagt, dass der FC Bayern sein Potential nicht ausgeschöpft hat, wenn er nach 17 Spieltagen auf Platz drei steht. Die Höhe dieser Messlatte mussten sich die Kader des FC Bayern hart erarbeiten. Da die aktuelle Mannschaft ihre selbst gesteckten Ziele noch nicht hat erreichen können, zählen sie auch nicht zu den großen Gewinnern der Hinrunde. Doch mit gezeigter Galaform in Mainz setzte der FC Bayern per Punktlandung ein Ausrufezeichen, das naturgegebene Ansprüche wieder geltend macht. Zur unangefochtenen Nummer eins wird es ob starker Konkurrenz und Champions-League-Belastung wohl nicht reichen, doch das obligatorische Durchstarten auf der Zielgeraden könnte den Bayern auch diese Saison wieder eine Meisterschaft bescheren.
Statistisch gesehen sind sie zwar allesamt mehr Verlierer als Gewinner. Für die Aufsteiger aus Cottbus, Bochum und Aachen zählt aber vor allem eines: Wer über dem Strich steht; oberhalb des Striches, der Platz 16 von Platz 15 trennt, der über Erst- und Zweitklassigkeit entscheidet. Und sie alle drei haben es geschafft. Die bedrohliche Linie hinter sich gelassen, haben sie den Beweis der Erstklassigkeit angetreten. Nicht nur, dass sie ihren selbst formulierten Ansprüchen genügen konnten. Darüber hinaus konnten sie die Liga bereichern, um Offensivspezialisten wie Munteanu, Gekas und Schlaudraff sowie mit Spielen, wie das denkwürdige 3:3 von Aachen gegen den HSV. Damit zählen die drei Aufsteiger eindeutig zu den Gewinnern. Denn sie erfüllen ein Klischee über Todgesagte. Vielleicht leben sie sogar länger als Mainz, Hamburg oder Mönchengladbach.
Nicht zu vergessen in der Riege der Gewinner: der VFB Stuttgart. Nachdem sie in den letzten Jahren Leistungsträger wie Bordon, Hleb oder Hinkel verloren, schien ihr Abstieg in Raten beschlossene Sache – auch deshalb, weil Zukäufe wie Tomasson flopten. Doch vermeintlich negativen Vorzeichen zum Trotz setzte sich der VFB mit neuem Jugendstil im Tabellenoberhaus fest. Mit eher spärlichen Mitteln schafften die Schwaben somit erneut die Flucht nach vorne. Glückwunsch, VFB.
Verlierer der Hinrunde
Angeführt wird die Liste der Verlierer auch dieses Mal vom HSV. Da die Truppe von Thomas Doll mit einem sehenswerten 3:3 gegen Aachen aber einerseits für das Spiel des Spieltages sorgte und andererseits bereits ausreichend Schelte – siehe Wörns der Woche– von pokalo.de einstecken musste, bleiben weitere Beiträge zur Debatte um Trainer, Transferpolitik und Verletzungsmisere vorerst aus.
In Sachen hoffnungsvoll gestartet und in freiem Fall beendet ist der BVB den Hamburgern dicht auf den Versen. Was die Dortmunder vor heimischer Kulisse boten, erinnerte mehr an den Abstiegskampf von 2000 als an den Start in eine neue Erfolgs-Ära. Mit dem 1:2 gegen Leverkusen verloren sie zum zweiten Mal in Folge im Signal Iduna Park gegen einen direkten Konkurrenten um das eigens artikulierte Ziel Europokalplatz. Von einem Kader wie dem von Borussia Dortmund ist mehr zu erwarten als paralysierender Stehfußball. Ob Übungsleiter Bert van Marwijk die Winterpause auf dem Trainerstuhl übersteht, ist angesichts des in Dortmund allgegenwärtigen Ottmar Hitzfelds mehr als fraglich.
Der Borussia aus Mönchengladbach sagten viele Fußball-Experten vor Saisonstart einen gesicherten Platz im Mittelfeld voraus. Jupp Heynckes und neue Transfervereinsrekorde – wie im Fall Insua aufgestellt – verleiteten besonders Mutige gar dazu, den Fohlen Hoffnung auf einen Uefa-Cup-Platz zu machen. Doch zwischen dem, wie es eigentlich sein müsste und dem, wie es tatsächlich ist, klaffen auch in diesem Fall ganze Fußballwelten. Insua konnte nur selten die Leistung abrufen, mit der er sich zuvor in den erweiterten Kreis der argentinischen Nationalelf spielte. Den Mythos der Heimmacht verlor Mönchengladbach schon nach wenigen Spielen. Und spätestens mit der 0:2 Niederlage gegen Bochum und der umstrittenen Entscheidung, Thijs durchspielen zu lassen (Thijs hatte eine Platzwunde am Kopf und damit verbundene Gleichgewichtsstörungen), steht auch die einstige Trainerikone in der Kritik. Ob mit oder ohne Heynckes, 2007 wird die Borussia neue Kräfte mobilisieren müssen, um sich aus dem Abstiegssumpf zu hieven.
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