03.12.07
Der eingebildete Tabellenführer
 
Autor: Tim Sohr

Schon am späten Samstagnachmittag konnte man es allerorten lesen, im Videotext, im Internet, überall prangte sie, die so offensichtliche wie völlig falsche Schlagzeile: „Werder Bremen verdrängt Bayern München von der Tabellenspitze!“. Und alle greifen die Falschmeldung dankbar auf, sogar der verletzte Torsten Frings, Promi-Gast auf der Essener Motorshow freute sich in einem Kurzinterview diebisch darüber, den Bayern den Platz an der Sonne geklaut zu haben. Überflüssig zu erwähnen, dass auch im DSF-„Doppelpass“ ein Wonti, ein Alki, ein Freier (Journalist), eine Premiere-Grinsmaschine sowie ein Backpfeifengesicht des Hetzpropagandablättchens BILD in die gleiche Kerbe schlugen und unter dem Untertitel „Werder auf Platz 1“ munter darüber diskutierten, ob die Schaaf-Truppe denn jetzt eigentlich ein Meisterschaftsfavorit sei oder nicht. Es bedurfte wie so oft Klaus Allofs, dem vielleicht ungewöhnlichsten, weil souveränen und intelligenten, Sportdirektor der deutschen Fußball-Landschaft, um dem Spuk ein Ende zu setzen. Als er darauf hinwies, dass der SV Werder sich erst nach dem Sonntagsspiel der Bayern theoretisch als Tabellenführer fühlen könne, stutzte die Runde, als wäre im „Kempinski Hotel Airport München“ just ein UFO gelandet. Dem unsäglichen Jüngling aus dem Springer-Brutkasten stand das „Häh?“ förmlich auf der Stirn geschrieben: Zu differenziert, das. Vielleicht hatte er es ja bis zum Abend verstanden, als die Münchner – wie schon seit Wochen – glanzlos agierten und mit Mühe ein 1:0 auf der Bielefelder Alm erkämpften, damit aber trotzdem der EINZIGE Tabellenführer nach diesem Spieltag waren, der in den offiziellen Statistiken jemals geführt werden wird. Den vermeintlichen Spitzenreiter Werder Bremen hatten sich all die hektischen Medienmenschen dann letztendlich auf ihrer Jagd nach der griffigsten Headline doch nur eingebildet. Nur gut, dass am 34. Spieltag dieser (und einer jeden) Saison alle Mannschaften zur gleichen Zeit, also am Samstag um 15:30 Uhr, antreten, sonst wären die Bremer da vielleicht auch noch für 24 Stunden Deutscher Meister, bevor Klaus Allofs beim DSF anruft und die Bayern ihr Sonntagsspiel gewinnen.
War sonst noch was? Ach ja, Schalke stolpert weiter auf einem Auge blöd, äh, blind über den Platz, zu einem 1:0 gegen Bochum reichte es an Spieltag 15 trotzdem. Währenddessen spielt Bayer Leverkusen sich in ihrem Lieblings-Auswärtsstadion bei Hertha BSC Berlin in einen Rausch, der in einem Traumtor von Sergej Barbarez in der Nachspielzeit kulminiert und den 3:0-Sieg gekonnt abrundet. Währenddessen schnuppern Cottbus (2:0 gegen Karlsruhe) und Duisburg (1:0 gegen Nürnberg) Morgenluft im Abstiegskampf.
Kurz vor dem Ende der Hinrunde sind also alle Fragen offen, der Titelkampf ist glücklicherweise viel spannender als der vermeintliche Überkader der Bayern vermuten ließ, und auch im Tabellenkeller ist noch kein Team hoffnungslos abgeschlagen. Die Tabellenkonstellation wird sich an den restlichen 19 Spieltagen noch zahlreiche Male verändern. Auch zwischen Freitag und Sonntag. Und die Sportredaktionen werden es ein jedes Mal dankbar registrieren. Ganz genau wie an diesem 15. Spieltag.



 
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