06.11.07
12.Spieltag
Fan-Knigge
Autor: Henning Hildebrabdt

Frank Goosen, Kabarettist, Buchautor und Fan des VfL Bochum schrieb am vergangenen Wochenende nieder, welche Verhaltensmuster ein Fan im Stadion an den (Spiel-)Tag legen sollte und was eben nicht. Das Feilschen um den Bierkauf sowie das Vordrängeln an der gestressten Halbzeitschlange hatte er dabei unter anderem auf den Index gesetzt. Ob die Beilage der rewirpower-Stadionzeitschrift zur Erziehung beigetragen und ein pädagogisch einwandfreies Bochumer Publikum das spektakuläre 5:3 gegen Wolfsburg gesehen hat, bleibt jedoch ungeklärt.

Aufmerksam auf diesen Fan-Knigge machte Arnd Zeigler, seinerseits Stadionsprecher des SV Werder Bremen, Sportjournalist bei EinsLive und Gastkommentator bei 11Freunde. In „Zeiglers Wunderbare Welt des Fußballs“ moderiert der sympathische Zyniker seit Saisonbeginn all sonntäglich seine Sendung zu den Geschehnissen der Liga im WDR und startet nach Mitternacht seinen Rückblick in einer Mixtur aus Harald Schmidt, Zapping, TV Total und Jürgen Domian. Fernsehschnipsel aus den Übertragungen am Wochenende und aus längst unvergessenen Fußballtagen der vergangenen Jahrzehnte werden eingespielt, kleine selbstgestaltete Basteleien präsentiert und Anrufer ins Studio durchgestellt, die sich zu aktuellen Themen des Wochenendes äußern wollen.

Wurde die Diskussion um eine Hintertorkamera oder eines speziellen Schiedsrichters anlässlich umstrittener Tor-Nein-doch-nicht-Situationen am 8. Spieltag geführt, so fragte Zeigler seine Zuschauer in dieser Nacht nach deren Benimmregeln für Stadionbesucher. Ein Fangesang in Deutschland, der auf „Sieg“ endet, sei ebenso unvereinbar wie Auf-den-Boden-spucken innerhalb einer Menschenmasse auf der Tribüne. So seine Anrufer. Auch die Fixierung eines Spielers innerhalb der Heimmannschaft sei gegen die guten Fan-Sitten. Viele weitere Dinge ließen sich anführen, die bestmöglich zu vermeiden wären. Oder eben doch nicht, da sie einfach dazu gehören.

Was auf dem Platz zu vermeiden ist, demonstrierte an diesem Wochenende eindrucksvoll die Arminia aus Bielefeld. Völlige Teilnahmslosigkeit im Zweikampf, außerordentliche Gefahrlosigkeit im Angriff und beispiellose Desorganisation im Mittelfeld. Dass diese fast unterklassigste Leistung der Saison (wäre da nicht ihr 1:8 in Bremen gewesen) zu einem zwischenzeitlichen Fan-Boykott in der BayArena führte, empfand selbst der (nur) viermal geschlagene Matthias Hain nach dem Spiel als manierlich. Ein Knigge für die Mannschaft sollte Ernst Middendorp schreiben lassen. Diese könnte er dann auch seinem Trainerkollegen in Duisburg, Rudi Bommer, mal ausleihen. Denn Duisburg fand beinahe ebenso wenig statt. Im Spiel der Aufsteiger bei Karlsruhe. Dass das Resultat mit 1:0 durchaus gesittet aussieht, verdanken die Duisburger letztlich nur der Gastfreundlichkeit der diesjährigen Überraschungsmannschaft in Person ihres Stürmers Kapllani.

Was ebenfalls verboten werden könnte, zumindest nach Meinung der Bayern, ist eine völlige Spielpassivität des Gegners. Denn Frankfurt löste die Aufgabe des Untergehens nicht in der erwarteten Form, entführte ohne Torschuss einen Punkt aus Bayern und ließ die anrennenden Münchner schier verzweifeln.

Was die Öffentlichkeitsarbeit der Trainer angeht, so bildet der noch vor Saisonbeginn so beliebte Hans Meyer nach Auffassung des DSF-Doppelpass-Experten-Gremiums die personifizierte Anstandsarmut. Respektlos sei er. Zu sarkastisch sei er. Und auch diese Ironie, hieß es kopfschüttelnd, sei nur noch verzweifelter Selbstschutz. So wie das Buch „Über den Umgang mit Menschen“ von Adolph Freiherr Knigge von 1788 zu einer Benimmbibel in stets modernisierter Form geworden ist, ist auch der Trainerfuchs, der Kulttrainer, der „ach, so lustige“ Meier in den Augen seiner größten Fans, den Alkis vom Kempinski-Hotel, binnen weniger Wochen nur noch ein verzogener Rowdie. Der Stammtisch als Erziehungsberechtigter des Fußballs.

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