13.11.06 12.Spieltag The same procedure as eyery year
Autor: Henning Hildebrandt
Sie feiert jedes Jahr ihren 90. Geburtstag. Die tatterige Miss Sophie. Sie sitzt einsam am feierlich gedeckten Tisch und lässt sich von ihrem James Runde um Runde neu einschenken. Der wiederum mimt die verstorbenen Gäste. “Is everybody here?” “Indeed, they are, yeah. Yes…” “All five places are laid out?” Ja, sicher. Und los geht’s, das Dinner For One, mit Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und allen Weiteren. Seit 1963 strahlen diese beiden Engländer Jahr für Jahr in die heimischen Wohnzimmer der Nation. Seit ihrer Fernsehpremiere in der Sendung “Guten Abend, Peter Frankenfeld” ist dieser Sketch fester Bestandteil eines jeden guten Jahreswechsels.
Und irgendwie gleicht sie sich auch. Die Bundesliga. Jedes Jahr. Seit ihrer Gründung im Jahre 1963 - wann sonst - und beglückt Millionen Zuschauer. Tausende in den Stadien und das ganze Land vor den Fernsehgeräten. Wie jedes Jahr finden die Protagonisten der Liga ihren Platz im Schauspiel Fußball.
Nach Auf- und Abstieg, An- und Verkäufen trägt die Liga neue Gesichter. Neue Spieler und neue Trainer. Und dennoch ist es wie immer. Favoriten setzen sich oben in der Tabelle fest; Bayern, Bremen und Schalke. Eine Mannschaft mustert sich zum Liga-Sympathen, mit dem zuvor in der Art und Weise trotz vergangener Erfolge keiner gerechnet hat; VfB Stuttgart. Überraschend behaupten sich vorab designierte Absteiger aller Expertenmeinungen zum Trotz im oberen Tabellendrittel; Bielefeld und Cottbus. Und unten resignieren die Kleinen; Bochum und Mainz. Dazu gesellt sich, wie immer, eine Mannschaft, die in völliger Disharmonie zwischen Anspruch und Wirklichkeit den Erfolgen der Vorsaison nachtrauert und seuchengleich das Siegen verlernt; der Hamburger SV.
Das erste Drittel der Saison 2006/07 ist seit dem letzten Wochenende geschafft und lässt sich traditionsgemäß in der obigen Art bilanzieren. Und konstant bewegen sich im Mittelfeld diejenigen Mannschaften, die eben keine Kontinuität aufweisen können; Dortmund, Berlin und Leverkusen seien an dieser Stelle lediglich beispielhaft erwähnt. The same procedure as every year.
Es scheint an dem 63er Jahrgang zu liegen, dass wiederkehrt, was sich bewährt.
Um Missverständnissen vorzubeugen, immer wieder gerne sieht man sich Freddie Flinton und May Warden an. Trotz - oder besser wegen - aller Bekanntheit ihres Schaffens. Und noch viel mehr erfreut die Liga Jahr für Jahr die Massen. Ist das ureigenste Wesen des Fußballs doch, dass trotz aller Tradition eine Vorhersehbarkeit der Ereignisse - auch dank grenzwertigen Einzelleistungen siehe Wörns der Woche -völlig unmöglich ist. Dortmund gewinnt in Bremen, Bochum schießt drei Tore in Berlin und Bayern dreht binnen drei Minuten ein komplettes Spiel in Leverkusen.
So schrieb Javier Marias in “Alle unsere frühen Schlachten”, dass der Fußball zu den wenigen Dingen gehöre, die heute dieselben Reaktionen - exakt dieselben - in ihm hervorrufen wie damals, als er ein zehjähriger Lausejunge war. Woche für Woche… Jahr für Jahr, möchte man ergänzen. Und um die Engländer ein letztes Mal zu bemühen: “Well, it’s been a wonderful party.” Wie jedes Jahr, James, und sie ist noch lange nicht vorbei, Miss Sophie.
|