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14.08.06
1.Spieltag:
Das deutsche Dilemma
 
Der Deutsche an sich feiert gerne und zünftig. Das Oktoberfest gehört zu den größten Parties der Welt, das deutsche Bier zählt zu den geschmackvollen Getränken, und auch am Ballermann auf Mallorca eilt dem germanischen Touristen ein äußerst zweifelhafter Ruf voraus. Und wenn, wie in diesem denkwürdigen Sommer 2006, auch noch Gäste aus aller Welt zur hemmungslosen Feierei vorbeischauen, dann geht der Bundesbürger doch glatt komplett aus sich heraus.
Man müsse versuchen, etwas von der unglaublichen Euphorie, die die WM im Land entfacht hat, in die neue Bundesliga-Saison zu retten, so war es in den Wochen vor dem Auftakt allerorten zu hören. Prompt verwechselte die DFL Euphorie mit Erlebniserzwingung und griff zum Saisonauftakt tief in die Amerikanisierungskiste: Zum Start ihrer 44.Saison erlebte die Liga erstmals eine so genannte Eröffnungsfeier. Darunter hat man eine Veranstaltung zu verstehen, die von hohen Funktionären geplant wurde, die sich ihrerseits von Spektakeln inspirieren ließen, die sie zuvor bei All-Star-Games US-amerikanischer Sportligen oder dem Super Bowl aufgeschnappt hatten. Doch natürlich schrumpften die Initiatoren die gesamte Aktion auf ein deutsches Normalmaß zurecht. Greift man in den USA zu solchen Anlässen stets auf harmlose heimische Kulturbotschafter (wie Justin Timberlake oder Usher) oder Weltstars (wie die Rolling Stones oder U2) zurück, stand in München eine halbe Stunde vor Anpfiff die Band Raemonn in der Nähe der Eckfahne auf ihrem Podest und spielte ein Medley ihrer Hits, die außerhalb von Deutschland an keinem Ort der Welt Hits waren. Raemonn haben einen irischen Sänger, der die Songs auf englisch vorträgt, und man wurde das Gefühl nicht los, dass die Sportfreunde Stiller auf einer Bühne im Mittelkreis einen adäquateren Auftritt dargestellt hätten.
Danach liefen die Spieler ein, wozu Robbie Williams „Let me entertain you“ sang. Aus den Stadionlautsprechern, vom Band. Ein weiteres Novum war die im folgenden abgespielte Nationalhymne. Das Publikum reagierte verhalten. Die Weltmeisterschaft ist definitiv vorbei. Als Karl-Heinz Rummenigge und Werner Hackmann kurze Ansprachen hielten, wurden sie ausgepfiffen. Fast auf die Sekunde genau um 20:45 Uhr pfiff Schiedsrichter Knut Kircher die Begegnung Bayern München gegen Borussia Dortmund an, und die meisten Zuschauer waren zu jenem Zeitpunkt froh, dass die vorangegangenen zähen Minuten endlich vorbei waren.
Was sich allerdings im Anschluss am ersten Bundesliga-Wochenende so alles ereignete, waren dagegen Konstante, die dem fußball-affinen Veränderungsskeptiker nur allzu gut gefallen haben dürften: Bayern München gewann (zum 786.Mal im 1399.BL-Spiel). Oliver Kahn stand im Tor (zum 500.Mal in seiner Liga-Laufbahn). Werder Bremen präsentierte einen überragenden Neuzugang (der Brasilianer Diego glänzt in Hannover mit einem Tor und zwei Vorlagen). Es gibt eine Überraschungsmannschaft (der 1.FC Nürnberg teilt sich nach dem 3:0-Erfolg in Stuttgart die Tabellenspitze mit Bayer Leverkusen). Und der FC Schalke 04 bleibt hinter hohen, selbst gesteckten Erwartungen zurück (ein enttäuschendes 1:1 in der Veltins-Arena gegen Eintracht Frankfurt).
Die Eröffnungsfeier lag in ihren letzten Zügen, als auf der Tribüne der Allianz-Arena ein Bayern-Anhänger neben mir genervt stöhnte: „Der Deutsche will so was nicht!“ Dann nahm er zwei Finger in den Mund und pfiff die Worte Werner Hackmanns nieder.
Der deutsche Fußballfan an sich feiert gerne und zünftig. Veränderungen erträgt er nur in Maßen. Und gekünstelt anmutende Innovationen sind seine Sache überhaupt nicht.
Nur gut, dass entscheidend immer noch auf’em Platz is…

                                                                                          Tim Sohr

 
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