08.10.07
Dortmund liegt in Terra Neo
 
Autor: Daniel Wehner

„Wo geht´s denn hier zum BVB?“...„Die sind in der Terra Neo, genau gesagt – ich muss mal nachschauen -...Terra Neo 91, 19, 31“, sagt ein offensichtlicher Dortmundfan. Er trägt eine grüngelbkarierte Schlaghose, dazu ein ausgeblichenes, minzgrünes Longsleeve - und in der rechten Hand eine Fahne. Ein Mittelfinger darauf symbolisiert die Abneigung zu Schalke04, auf deren zerbrochenem Emblem er prangert. Auskunftsfreudig belehrt mich der Blondschopf mit dem auffälligen Hosenraster noch über die Preise einiger Fanartikel – schließlich habe ich mich in den Fanshop verlaufen. Seine Fahne kostet 30 Linden-Dollar, eine Standard-BVB-Fahne „nur“ 20. Und da ich über genau null Linden-Dollar verfüge, öffnet sich ein Fenster, in dem ich darauf hingewiesen werde, dass ich für reale 2,50 Dollar 585 Linden-Dollar kaufen kann. Ich lehne ab. Eigentlich will ich doch nur zum neuen Dortmunder Riesenball, dem neuen Second-Life-Zuhause der Borussen.

Da die Pressestelle des BVB in ihrer Mitteilung ankündigte, „Borussia Dortmund wird dem Ruf als Vorreiter im Online-Bereich erneut gerecht“, bin ich gespannt. Nächster Versuch: Borussia Dortmund im Suchmodus eingegeben, Terra Neo 91,19,31 im 3D-Koordinatensystem entdeckt, Teleport gedrückt, und Abflug... Ein riesiger schwarzgelber Ball baut sich auf. Die Eingangspforte ist über einen weißen Steg zu erreichen. Den Einlass passiert fällt der Blick auf ein rotierendes Spielfeld-Modell im Zentrum des ballförmigen Domizils. Rechts davon steht eine Ballwand, links davon ein kleiner Souvenirshop und eine Borussen-Chronik. Einige Schritte auf das Spielfeld zugegangen nehmen die Spielernamen auf dem virtuellen Fußballplatz Konturen an. Dabei fällt auf, dass Smolarek den Sturm bekleidet, Petric hinter den Spitzen spielt und Kovac neben Wörns verteidigt. Kurz aufblitzende Fragen: „Haben die Smolarek nicht verkauft? Hat sich Kovac nicht aus der Stammelf gestümpert? Und dieser Petric, der spielt doch unlängst im Sturm, oder? Egal...“

Die erste zweier Reihen von Zeittafeln lenkt ihre Aufmerksamkeit auf mich. Es gibt von links nach rechts vieles über die glorreichen 90er Jahre der Borussen zu lernen: 5:4-Supercup-Sieg im Elfmeterschießen gegen Kaiserslautern, Champions-League-Titel, Weltpokalsieger etc. Mit linearem Fortschreiten werden die Tafeln leerer. So lautet 2003 der einzige Eintrag: „BVB-Handball-Damen gewinnen am 18. Mai den Challenge-Cup.“ Eine vierjährige Lücke folgt. Dann steht für 2007 geschrieben: „12. Mai. Derbysieg! Schalke 2:0 geschlagen.“ Und auch für 2008 findet sich eine Notiz: „Dortmund feiert Schalke 50 Jahre ohne Schale.“ Ob für 2008 noch ein Vermerk hinzukommt? Erst in Reihe zwei finde ich wieder mehr Informationen. Etwa lässt sich der Tafel von 1935 entnehmen, dass August Lenz der erste Dortmunder Nationalspieler war. Er brachte es auf 14 Nationalmannschaftsspiele.

Eine Sprechblase taucht auf: „Bist du auch Dortmundfan?“ Ich drehe mich um. Ein schwarz gekleideter Avatar steht vor mir. Sein Gesicht ist mit rotem Fell bedeckt, seine Schnauze spitz. Bevor ich „ihm?“ erzählen kann, dass ich zum ersten Mal in der Second-Life-Parallelwelt umherirre, angelockt durch eine viel versprechende Pressemitteilung, hebt er ab und schwebt davon. Meine kurzweilige Suche nach dem Chat-Knopf dauerte wohl zu lange. Ich erinnere mich an einen Satz von Norbert Dickel, Stadionsprecher und Event-Manager, aus den Ruhr-Nachrichten: „Wir wollen ´Second Life´ als Kommunikations-Plattform nutzen, die BVB-Familie noch näher zusammenbringen."

Der Aufzug zwischen der Ballwand und den BVB-Zeittafeln befördert mich auf Stockwerk eins: der Tagungssaal. An der Wand hängt eine riesige Videoleinwand, davor sind Sitzschalen angebracht. „Norbert Dickel wird hier, in Form seines Avatars, am Vorabend eines jeden BVB-Spiels eine Taktik-Besprechung machen“, so die Pressemeldung. Auf dem Außengelände des BVB-Quartiers habe ich anfangs ein Schild passiert. Dort war zu lesen: Freitag. 28.09.07: Taktikbesprechung mit Norbert Dickel.“ Heute haben wir den 05.10. Gestern gastierte Bochum in Dortmund.

Auf der Suche nach Avataren fahre ich in Stockwerk zwei, die Fan-Lounge: „Hier kann man bei einem virtuellen Warsteiner zusammensitzen und parallel auf den zahlreichen Monitoren Videos verfolgen.“ Eine Glasbrücke führt zu einer runden Holz-Theke, direkt unter der Fußballnaht – wahrscheinlich ist es ein Klebesaum. Auch hier herrscht Leere. Und da virtuelles Warsteiner nicht schmeckt und eine Fan-Lounge ohne Fans nicht funktioniert, gehe ich jetzt nach nebenan. Wenige Vektoren weiter steht ein Indie-Club – vielleicht ist dort mehr los.

 
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