08.10.07
Frei: Gespielt. Mehmet Scholl – über das Spiel hinaus
 
Autor: Henning Hildebrandt

Was man erwartet, wenn sich ein Mängelexemplar von Effenbergs „Ich hab’s allen gezeigt“ vom Bücherei-Wühltisch den Weg in stöbernde Hände bahnt, um es anschließend gar zu für zwei Euro fünfzig zu kaufen, bestätigt sich von der ersten bis zur letzten Seite. Der unglaubliche Vollprolet zeigt’s wirklich jedem: Nämlich, was für ein unglaublicher Vollprolet er eben ist. Was aber die nächsten 101 Minuten folgen wird, wenn man sich gemütlich auf die Couch setzt, nachdem man „Frei: Gespielt“, den Film mit „Mehmet Scholl – über das Spiel hinaus“ von Eduard Augustin und Ferdinand Neumayr in den DVD-Schacht geschoben hat, weiß man nicht. Doch bereits nach wenigen Sekunden wird einem bewusst, dass diese 17,- Euro eine durchaus lohnenswerte Investition werden wird.

„Ich hab’n Albtraum. Mein Albtraum, das ist immer wieder der gleiche: Ich komm ins Stadion. Bin fröhlich. Ich will spielen. Komm in die Kabine und seh: Die Mannschaft ist schon fertig umgezogen, geht raus. Ich zieh mich um, so schnell ich kann – fehlt mein linker Schuh. Dann such ich überall in der ganzen Kabine. Das geht über Minuten. Such ich meinen linken Schuh, hab den linken Schuh. Will raus. Dann fällt mir auf, ich hab keine Socken. Dann such ich mir Socken. Zieh Socken an. Zieh wieder die Schuhe an. Hab ich kein Trikot. Mensch, ich kann doch nicht Oberkörper frei... In der Zeit kommen die anderen vom Warmmachen wieder rein. Mit anderen Worten: Ich schaff’s, egal was ich mach’, ich schaff’s nicht rechtzeitig zum Spiel raus, meine Mannschaft rennt da draußen zu zehnt rum und ich schaff’s einfach nicht. Der ist regelmäßig wiedergekehrt, dieser Traum. Immer mal in anderen Fassungen. Ich glaub, das bedeutet sogar was. Freud könnt’ das sicher deuten. Vielleicht stimmt irgendetwas mit meiner Freundin nicht oder so.“ (Mehmet Scholl)

Mehmet Scholl spricht. Endlich wieder. Und seine Antworten versprühen den gewohnten Witz, gepaart mit schelmischem Lächeln in sensationell charmanter Art. Er nimmt sich selbst nur so ernst, wie er sein muss. Und wird es mal ernster, so spricht er auch dementsprechend nachdenklich. Er gewährt Einblicke in sein Privatleben und äußert sich zu den Themen, zu denen er die letzten Jahre geschwiegen hat. Und als Zuschauer lauscht man seinen Worten. Gerne. Es ist eben keine Abrechnung à la Uli Stein und kein selbstlobendes Muskelprotzen im Sinne eines Effenbergs mithilfe schreibwütiger Bildredakteurin, sondern schlichtweg eine Dokumentation über das fußballerische Dasein eines Spielers, der sagt, dass er jetzt mal die Chance habe, weiter auszuholen, und versuche werde, den Leuten seinen Spaß am Fußball weiter zu vermitteln.

Der Film begleitet Mehmet Scholl zwei Tage vor seinem letzten Einsatz im Bayern-Trikot. Dem letzten Spiel in seiner Karriere. Und er zeigt Mehmet Scholl in Einzelgesprächen mit der Kamera. Mal in einer menschenleeren Sporthalle, mal im Hotelzimmer des Trainingslagers und mal auf einer Fensterbank während im Hintergrund der Ausblick nächtlicher Dunkelheit weicht. Die reellen 48 Stunden bis zum Saisonabschluss und dem persönlichen Abschied dienen als Rahmen für einen Rückblick auf die siebzehn Jahre währende Fußballerkarriere des Mehmet Scholl und, wie es der Untertitel verspricht, eben über das Spiel hinaus. Und so passt es auch, dass nicht nur Personen des (Fußball-)Spiels zu Wort kommen, sondern eben auch solche, die ihn, wie Millionen andere, als Zuschauer gesehen, und ,wie einige wenige, als Privatperson kennen gelernt haben. So geben sich gesellschaftliche Größen wie Joschka Fischer, Harald Schmidt und Herbert Grönemeyer die Türklinke in die Hand. Peter Brugger, Sänger der Sportfreunde Stiller, Markus Kavka, Musikjournalist, und die Sportredakteure der Süddeutschen Zeitung Philipp Selldorf und Ludger Schulze folgen. Ebenso wie Thorsten Fink, Lukas Podolski, Oliver Kahn und natürlich Uli Hoeneß. Sie alle sprechen über Mehmet Scholl, und in der Art, wie sie es tun, merkt man, dass sie es gerne getan haben.

Dennoch gelingt den Autoren der Spagat zwischen Lobhudelei und ehrlicher Aufarbeitung einer wechselreichen Karriere. In größtenteils chronologischer Abfolge werden die Stationen des Fußballers Scholl aufgezeigt, mit Originalbildsequenzen vom Karlsruher SC, aus den Derbys zwischen dem FC Bayern und 1860, der Europameisterschaft 1996 und dem Championsleague-Finale 2001. Stets gepaart mit Einzelinterviews der Genannten und einem redseligen Mehmet Scholl, der Einblicke in das Seelenleben eines Spielers gewährt, der sportlich in den Augen mancher nicht ganz, in seiner Persönlichkeit jedoch zweifelsfrei ein ganz Großer seiner Zunft gewesen ist. Und genau darum geht es in diesem Film: Ein Porträt über Fußballer und über den Menschen Scholl.

So erfährt der Zuschauer, dass der Ex-KSC-Trainer Schäfer ihn beim ersten Training der Mannschaft als Ahmed vorgestellt habe und dass Scholl in seiner Zeit als Bravo-Star durchaus den Hang zur Selbstüberschätzung hatte, bis er im „ersten Singleurlaub nach der Scheidung“, ganz cool an der Theke stehen und sich selbst wirken lassend, „nicht einmal von der hässlichste Frau angeguckt wurde.“ Scholl spricht über seinen Rückzug aus den Medien, über Verletzungspech, sportlichen Erfolge und privaten Rückschlägen und beweist zu jeder Zeit, weshalb er in Zeiten großmäuliger Fußballstars wie Matthäus früher und persönlichkeitsdefizitären Einheitsfußballern heute stets eine Ausnahmefigur geblieben ist.
Und die Gesprächspartner zollen ihm genau dafür ihren durchgehenden Respekt.

Der Käufer dieser DVD sollte jedoch ein gewisses Interesse für den Sport hegen, möchte er die gesamte Zeit auf dem Sofa verharren, ohne zu glauben, er könne etwas verpassen, wenn er in den Kühlschrank greift. Denn einher mit Mehmet Scholl geht zwangsläufig die Geschichte des FC Bayern, die für den Zuschauer sowie für den Protagonisten am Ball mit dem letzten Spiel der Nr. 7 gegen den FSV Mainz 05 nicht nur im Film endet.

So ist es Peter Brugger, der es irgendwann im Laufe des Films auch auf den Punkt bringt, als er sagt: „Obwohl die Leute Bayern über alles hassen. Mehmet gönnt man es. Dass er in einer Mannschaft spielt und seine Hütte macht.“ Und genau deswegen ist dieser Film ein Muss für jeden Fußballfan. Für alle, die Anhänger des FC Bayern sind, für alle, die es nicht sind. Für alle, die Mehmet Scholl mögen, und für alle, die es nicht tun. Und da es die letzte Gruppe eben nicht gibt, ist er – der Film – einer für alle. Und irgendwie hat man genau das auch erwartet.

„Der Uli hat geweint. Der Brazzo hat geweint. Ich hab geweint. Heute Nacht tauschen wir die Frauen und dann ist alles wieder in Ordnung.“ (Mehmet Scholl)
Frei:Gespielt
Mehmet Scholl – über das Spiel hinaus
Ein Film von Eduard Augustin und Ferdinand Neumayr
Laufzeit: 101 Minuten
Special Features: Behind The Scenes, Mit Alfonso durch Nordweststadt, Von Wolfratshausen nach Thalkirchen, Trailer



 
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