05.01.07
Die Schokoladenseite
 
Autor: Tim Sohr

Die Zeiten haben sich geändert. Nichts ist mehr wie früher, und nichts wird mehr so sein, wie es war. Die Entwicklung ist nicht neu, aber die aus ihr resultierenden Veränderungen sind schleichend und stetig. Der Fußball ist nicht mehr dieser exklusive Zirkel der simplen Männlichkeitsrituale, und das nicht nur, weil sich mit David Beckham einer der größten globalen Kickerstars des letzten Jahrzehnts zunehmend metrosexuell gerierte, oder das Rund-Magazin in einer Titelstory die radikale Homophobie des Fußballgeschäfts aufdeckte. „Jeder elfte Profi ist schwul“, wurde da gemutmaßt. Die Aussage lässt aufhorchen, würde aber keinen zurechnungsfähigen Gesellschaftsforscher ernsthaft überrumpeln. Nein, die eigentliche Sensation ist eine andere. Sie zeichnet sich seit Jahren ab und kommt einer kleinen Revolution nahe: Immer häufiger begeistern sich Frauen für die zweiundzwanzig Typen, die alle hinter, ja, nur einem Ball herlaufen. Und sie interessieren sich natürlich auch, aber absolut nicht mehr zwangsläufig nur, wenn WM ist. Vorbei die Zeiten von Carmen Thomas und „Schalke 05“, auch ein Mauerblümchen wie Gaby Papenburg ward seit längst vergangenen „ran“-Zeiten nicht mehr auf dem Bildschirm gesichtet. Stattdessen ist die kompetente Monica Lierhaus inzwischen das beliebteste Gesicht der ARD-„Sportschau“ und Katrin Müller-Hohenstein hat sich absolut nahtlos ins Line-up des ZDF-„Sport-Studios“ eingefügt. Darin spiegelt sich der Zustand, in dem sich die einstige Männerbastion inzwischen befindet, eindrucksvoll wider - Frauen interessieren und informieren sich, Frauen haben die sprichwörtliche „Ahnung“ vom Fußball. Und warum sollte das auch anders sein? Als Boris Becker noch aktiv und erfolgreich am ATP-Zirkus teilnahm (und in jungen Jahren den legendären Satz sprach: „Herren spielen Tennis, Damen spielen Damentennis“, aber das nur nebenbei...), saß Frau Schmidt immer neben Herrn Schmidt auf der heimischen Couch. Und auch die Gemeinschaftszelte deutscher Campingplätze sahen bis vor kurzem Sonntag für Sonntag jede Menge rotbemützter Damen mit Ferrari-Poloshirts neben ihren besoffenen Lebenspartnern. Dass der Fußballsport irgendwann einmal genauso weit sein würde, war klar, dass es aber auch länger als bei anderen Sportarten dauern würde, war zumindest anzunehmen. Zu übermächtig der pöbelhafte Ruf, zu lang die Bärte der Proleten, zu hässlich die Frisuren der Bundesligaprofis in den 80er und 90er Jahren.
Doch dann folgte die Einführung der Champions League, häufig genug eine High-Society-Veranstaltung in europäischem Stadionrahmen, die von jeglichen Oberschichten genutzt wird. Außerdem spielten dem Fußballsport globale Vorzeigeprofis in die Vermarktungskarten, wie besagter Beckham, der ein Spice Girl heiratete, oder Francesco Totti, seinerseits italienischer Weltmeister und liiert mit einer italienischen Fernsehmoderatorin namens Ilary Blasi. Die Profis finden nun außerhalb des grünen Rasens auch immer häufiger in der „Gala“ statt, gleichzeitig aber dank hochdekorierter Schriftsteller wie Javier Marias oder Nick Hornby auch in der Literatur. Die vormals isolierte Fußball(ermann)welt hat sich mit vielen anderen (Schein-)Welten vermischt. Das Spiel mit dem runden Leder hat alle Gesellschaftsgrenzen gesprengt. Zum Fußball zu gehen ist „cool“ geworden und nicht mehr nur ein kollektives Abfeiern niederer Instinkte. Fußballprofis sind gute Partien, ob für Models, Popsternchen oder für eine dieser komplett talentfreien Prostituierten, ähm, Verzeihung, Groupies...die Frauen halt, die in Verona Feldbuschs Fußstapfen getreten sind. Das alles hat vielen Frauen diesen - nur noch auf dem Rasen ab und an dreckigen - Sport nähergebracht. Zudem hat der unendliche Informationsfluss unserer heutigen Zeit die vielschichtige Kultur des Fußballs verkündet, viele seiner Geschichten verbreitet und einige seiner Mythen wiederbelebt. So etwas weckt Interesse, auch das des größten – weiblichen – Fußballfeindes.
Das gilt für die ganze Welt, ganz besonders gilt es aber für Deutschland. Keine Liga weist eine bessere Stadionauslastung auf als die Bundesliga, denn seit einigen Jahren strömen junge Mädchen ebenso wie verheiratete Frauen in die Arenen, und sie strömen zunehmend und in Scharen. Das lag an der Jahre im voraus angepriesenen WM, und das liegt auch an der jungen deutschen Nationalelf. Seit nunmehr rund zweieinhalb Jahren versprühen die Podolski, Schweinsteiger und Lahm eine überzeugende Unbekümmertheit, die inzwischen auch vermehrt mit anspruchsvollen Erfolgen und vielversprechenden Perspektiven Hand in Hand geht.
Und nicht zuletzt deswegen erlebte Deutschland im Jahre 2006 auch dieses sagenhaft überhöhte Sommermärchen. Deutschland war nur deshalb so vorzeigbar, weil die Mädels es zuließen. Sie spielten mit, in jeder Hinsicht, und sie zeigten der Welt eine Schokoladenseite, die ausnahmslos alle überzeugte. Das geschah natürlich zum einen, weil beim „Woodstock“-Festival der iPod-Generation jeder dabei sein wollte. Zum anderen war es aber das schon seit ein paar Jahren wachsende Interesse und Fachwissen, dieses völlig eigene Fantum, das die deutsche Weiblichkeit auf die Fanmeilen, in die Kneipen oder vor die Bildschirme zog. Sie wussten mitzureden, wenn sie sich buntbemalt, leichtbekleidet, aber vor allen Dingen selbstbewusst in trunkene Männertrauben stürzten. Keiner konnte widerstehen. Die logische Folge eines langwierigen Prozesses, eine Folge, die nur so aussah wie die plötzliche Eruption eines zwanghaften Mitmachvulkans. Es war umwerfend und vereinnahmend, es war absolut bezaubernd. Weil es vielerorts die Lage komplett entspannte, und weil es die ganze Sache noch schriller und irgendwie, im positivsten Sinne, auch unwirklicher machte. Mein Kumpel Paul ist bis heute eher skeptisch. Man muss ihm das nachsehen, weil er einen großen Teil der WM nur am Fernseher - und nicht auf der Straße - verfolgen konnte, aber er meint ständig, dass er für so ein Gekreische ja gleich zu einem Konzert von Justin Timberlake oder Robbie Williams gehen könne. Und selbstverständlich nimmt auch mein Vater meine Mutter immer noch nicht ernst, wenn sie anfängt, von Fußball zu reden, obwohl sie inzwischen einwandfrei die Abseitsregel erklären kann. Er ist halt geprägt von der ganz alten Schule, einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der Frauen müde belächelt worden wären, hätten sie während der samstäglichen Radiokonferenz nur den Mund aufgemacht. Was sie aber natürlich auch überhaupt nicht taten, damals.
Dennoch gibt es einen gravierenden Unterschied in der geschlechterspezifischen Rezeption: Beim wunderbaren ARD-WM-Rückblick von Wolfgang Biereichel wurde auf einem Fanfest ein Mädchen im Anschluss an das Aus der deutschen Elf interviewt. Sie sagte, die Deutschen hätten toll gespielt und viel Freude bereitet, das Ausscheiden sei deshalb egal. So ähnlich haben wir ja alle gedacht. Sie hatten ja tatsächlich toll gespielt. Aber EGAL war der Exitus der Mannschaft deswegen noch lange nicht. „So etwas kann wirklich nur von einem Mädel kommen“ – das war mein reflexartiger erster Gedanke. Diese Denkweise würde in der Sekunde der bittersten vorstellbaren Niederlage kein alteingesessener (und damit fast zwangsläufig männlicher) Fan an den Tag legen. Diese Distanz zum gerade Erlebten und noch zu Verarbeitenden ist absolut unmöglich. Viel zu rational. Und eigentlich auch nicht wirklich der Sinn des Spiels. Denn eigentlich geht es doch um so viel mehr. Aber vielleicht sind die Fußballmädels ja auch genau deshalb so großartig. Weil sie diesen einen nachsichtigen Blickwinkel mitbringen, der den Männern beim Fußball seit jeher fehlt. Vielleicht sind sie die fehlende, aber gar nicht so unnötige Balance, die man bis dato einfach noch nicht vermisst hat? Ich glaube zwar nicht daran - aber wer sonst könnte mich besser vom Gegenteil überzeugen, wenn nicht...?
Genau. Und wenn es das nicht ist, ist es immer noch besser, die Mädels gucken ein Spiel mit, weil es sie irgendwie interessiert, als dass sie gegen es anreden, weil es sie langweilt. Denn einfacher kann es die Männerwelt nun wirklich nicht haben: Das Einzige, was sie noch mehr fasziniert, mit dem Fußball zu verbinden.


 
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