08.10.07
Schlucksee 2.0
 
Autor: Tim Sohr

Ja, sicher, die Bundesliga ist gesund wie nie zuvor. Proppevolle Stadien, spannende Meisterschafts- und Abstiegsentscheidungen alle Jahre wieder, sogar internationale Stars aus Frankreich, Brasilien und neuerdings sogar Italien geben sich in den „modernsten Stadien der Welt“ die Ehre. Eine tolle Sache. Und über den sechsten Platz in der Fünfjahreswertung – hinter Rumänien! RUMÄNIEN!!! – schauen wir unter diesen Voraussetzungen gerne gönnerhaft hinweg. Kein Problem, das. Zuschauerrekorde werden trotzdem in schöner Regelmäßigkeit gebrochen, jede Saison aufs Neue. Aber was hat das schon zu bedeuten? Aalglatte Popmusik verkauft sich auch wie geschnitten Brot, bleibt aber trotzdem, was sie ist: Scheiße. Meistens, zumindest.
Man hat in seinem Leben schon genug Bild, Express, B.Z. oder MoPo gelesen, um die gute, alte Frage ganz unkompliziert zu formulieren: Wo sind sie bloß abgeblieben, die „Typen“?
Früher, da war doch alles noch ganz anders. Da hatten die Profis der Fußball-Bundesliga Sündenregister, die noch länger waren als ihre Vokuhila-Matten. Und viele von ihnen torkelten in schöner Regelmäßigkeit durchs Nachtleben der BRD, bisweilen dichter als ihre Oberlippenbärte. Während ihre Trainer nicht selten Alkoholiker im Endstadium ihrer Geistesgesundheit waren, denen ein Udo Lattek die Anzahl der Umdrehungen vorgab. Was waren das für Zeiten in den 80ern, sogar noch in den 90ern. Das Trainingslager vor der für Deutschland wenig rühmlichen WM 1982 am österreichischen Schluchsee bekam, wie jeder weiß, den „Spitznamen“ „Schlucksee“ verpasst. Zu Recht, schenkt man der Legende und den Legenden Glauben. Noch kürzlich erinnerte sich Lothar Matthäus im Magazin „11 Freunde“ amüsiert, dass er damals – 20jährig, und ganz der Ehrgeizling, der er auch noch mit 40 war – neben den Förster-Brüdern und Hans-Peter Briegel der Einzige war, der zum morgendlichen Waldlauf erschien. Für Sauf- und Pokerexzesse war der Raumausstatter damals noch zu grün hinter den Ohren. Vier Jahre später war wieder WM. In Mexiko ließ sich Uli Stein süffisant über seine Kaderkollegen und ihre Puffbesuche aus, eher er nach Hause geschickt wurde, weil er den Unantastbaren, Franz B. aus M., seines Zeichens sein Bundestrainer, als „Suppenkasper“ bezeichnete. Ein Jahr später sorgte Stein für einen weiteren Klassiker der damaligen Bundesliga, die man nicht nur aufgrund der noch nicht gefallenen Berliner Mauer getrost als „Wilden Westen“ bezeichnen konnte: Er schlug Jürgen „Kobra“ Wegmann mit der Faust ins Gesicht, als dieser in seinen Fünfmeterraum einzudringen versuchte. Es waren herrliche Zeiten. Wolfram Wuttke stenzte ausdauernd den Röcken der Minibarfrauen seiner wechselnden Hotels hinterher (siehe pokalo-Ausgabe 06/07). Uli Borowka trat alles um, was nicht bei drei auf dem Baum war, und fand neben seiner Zweitkarriere als alkoholisierte Pistensau sogar noch die Zeit, mit der Bremer Punkband „Dimple Minds“ den Song „Barfuss oder Lackschuh“ aufzunehmen. Großes Proletarier-Entertainment! Für das auch Mario Basler, kettenrauchender Pepina-Hutträger, gerne sorgte. Am schlagkräftigsten zeigte sich Super Mario aber im Verbund mit Sven Scheuer, des nächtens und in italienischen Kaschemmen. Oder Stefan Effenberg: Bildete in frühen Gladbacher Tagen zunächst mit Jörg Neun ein berüchtigtes Duo, ehe er seine maskuline Wild- und Weisheit in die große weite Welt hinaustrug. Über Florenz bis nach Amerika, wo ein gepflogenes Element Effenberg’scher Zeichensprache für seinen frühzeitigen Exodus aus dem DFB-Team sorgte. Legendär, kein Zweifel. Ein weiterer Liebling aus der Riege der „letzten Männer“ in der „letzten Männerbastion Fußball“ war Torsten Legat, der sich im verletzten Bein „zum Glück nur eine Struktur“ zuzog und – lange vor „Google Maps“ – für die einprägsamsten Wegbeschreibungen jenseits handelsüblicher Kompasse sorgte: „Immer die Castroper Straße rauf“, verkündete er. Auf die Frage, wie er zum Bodybuilding gekommen sei... Und heutzutage? Es ist ein Trauerspiel. Von der geifernden Medienmeute komplett ausgeleuchtet, werden noch die kleinsten Nichtigkeiten monumental aufgebauscht. Da wird eine Alkoholfahrt von Ernst Middendorp zum handfesten Skandal. Mehr Glamour ist nicht drin.
„Früher war alles besser, früher war alles gut“ heißt es im „Wort zum Sonntag“, einem Klassiker der Toten Hosen aus ebenso längst vergangenen Zeiten. Und: „Ich bin noch keine 60, und ich bin auch nicht nah dran / Und erst dann werde ich erzählen, was früher einmal war“. Ganz so weit muss die historische Verklärung ja gar nicht gehen. Aber ein bisschen mehr „Roggenroggenroll“ (Bernd Stromberg) könnte dem Profizirkus des neuen Jahrtausends wahrlich nicht schaden. Es ist Zeit für einen „Schlucksee 2.0“, nicht nur, weil die immer näher rückende Europameisterschaft zur Hälfte in Österreich ausgetragen wird. Es muss ja nicht gleich ganz so exzessiv wie damals werden, bei der WM 74 in Deutschland zum Beispiel. Da rauchten die jugoslawischen Spieler während einer Autogrammstunde eine Zigarette nach der anderen, und das Fernsehen durfte alles mitfilmen. So weit muss es nun auch wieder nicht (mehr) kommen, gerade in unseren Zeiten organisierter Raucherdämonisierung. Die Mönchskutte könnte das Gros der Herren Fußballprofis dennoch ganz getrost mal ablegen. Mönche leben heutzutage ja ohnehin recht gefährlich.



 
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