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08.10.07 „Mon dieu, Rümmenisch!“
Autor: Tim Sohr
Man muss nicht um den heißen Brei herumreden: Die Bayern sind Arschlöcher! Zumindest legen sie es gerne genüsslich darauf an, als solche angesehen zu werden. Erst kürzlich bereicherte Manager Uli Hoeneß diese unendliche Geschichte des Großkotztums und der Diffamierung Nicht-so-Mächtiger höchst peinlich, als er nach einem gelungenen Spiel seines Reservetorwarts Michael Rensing polterte, dass man einen Robert „Enke und wie sie alle heißen“ (Enke wird in der großen „kicker“-Umfrage immerhin seit Jahren ununterbrochen von seinen Profikollegen zum besten Torwart der Bundesliga gekürt) getrost vergessen könne, denn nach Lehmanns Rücktritt 2008 käme sowieso nur Rensing (oder Adler oder Neuer, welch objektiver Einwand) in Frage. Aber so sind sie an der Säbener Straße: Wie eine verbale Dampfwalze überrollen sie alles und jeden, der nicht ansatzweise die Interessen des großen FC Bayern vertritt. Wie im Fall Enke passiert dies leider allzu häufig in einer impotent anmutenden Respektlosigkeit gegenüber Branchenkollegen, die einem deutschen Rekordmeister eigentlich unwürdig sein sollte. Ein leider etwas unterschätztes, aber umso übleres Beispiel eines Großmauls à la FCB sollte in diesem Zusammenhang allerdings auch einmal angemessen gewürdigt werden: Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge.
„Der ehemalige Weltklassestürmer“
Seine Profikarriere begann Karl-Heinz Rummenigge 1974 mit seinem Wechsel von Borussia Lippstadt zum FC Bayern München, damalige Abösesumme: 17.500 DM. Dort machten ihm die frisch gebackenen Weltmeister wie Sepp Maier oder Franz Beckenbauer schnell deutlich, was der damals knapp 19 Jahre alte Hoffnungsträger in derart hochdekorierter Gesellschaft zu sagen hat: Nichts. Auch von Rummenigges Talent waren anfangs noch nicht alle seiner Mitspieler überzeugt. „Aus dem wird nie was“, prophezeite Franz Beckenbauer gewohnt weitsichtig. Nun, aus Rummenigge wurde doch was, nämlich einer der erfolgreichsten Mittelstürmer der deutschen Fußballgeschichte. Rummenigge steht bis heute auf dem 10.Rang der ewigen Torschützenliste der Bundesliga (162 Tore) und traf zudem in 95 Länderspielen 45mal für Deutschland. Auch seine Titelsammlung beeindruckt: Je zwei Mal gewann er den deutschen Meistertitel, den DFB-Pokal sowie den Europapokal der Landesmeister mit Bayern München. Er wurde 1980 in Rom Europameister und 1982 und 1986 jeweils Vizeweltmeister. Das es zwei Mal so knapp nicht zum Titel reichte, wird auch auf Rummenigges beschränkte Einsatzfähigkeit zurückgeführt, der verletzt in beide Endturniere ging. Dennoch nahm er Einfluss auf den Turnierverlauf: Im Jahrhunderthalbfinale von Sevilla gegen Frankreich 1982 wurde er eingewechselt und schoss den wichtigen 2:3-Anschlusstreffer, ehe Klaus Fischers Fallrückziehertor die Deutschen ins letztendlich siegreiche Elfmeterschießen führte. Schon bei Rummenigges Einwechslung ahnte Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand auf der Tribüne nichts Gutes. Sein überlieferter Aufschrei des Entsetzens, „Mon dieu, Rümmenisch!“, ist legendär. Auch im WM-Finale gegen Argentinien 1986 erzielte Rummenigge den 1:2-Anschlusstreffer. Am Ende stand ein 2:3.
Zwei Mal wurde Rummenigge zu „Europas Fußballer des Jahres“ gewählt, drei Mal war er Torschützenkönig der Bundesliga, ehe er 1984 für die damals unglaubliche Summe von 10 Millionen Euro zu Inter Mailand wechselte. Er wurde der am zweitbesten bezahlte Spieler der Serie A nach Diego Maradona und blieb drei Jahre in Italien, ehe er seine Karriere von 1987 bis 1989 bei Servette Genf ausklingen ließ. Keinem ehemaligen Profi wird heutzutage so häufig das Etikett „Der ehemalige Weltklassestürmer“ auf die Stirn geklebt. Ob das aus Respekt vor seinen früheren Leistungen geschieht, oder um daran zu erinnern, dass Rummenigge vor seiner Laufbahn als unsympathischer Machtmensch auch mal in der Lage war, großartige Leistungen zu vollbringen, ist einerlei. Seine Laufbahn wird einem „ehemaligen Weltklassestürmer“ jedenfalls gerecht.
Von Rubenbauer bis zur Bundesversammlung
Auch nach seiner aktiven Laufbahn blieb „Kalle“ Rummenigge erfolgsverwöhnt und umtriebig: Er kommentierte im Duo mit Gerd Rubenbauer zunächst vier Jahre lang (1990-94) Länderspiele für die ARD, war Initiator der medial viel beachteten Kampagne „Keine Macht den Drogen!“ und wurde zusammen mit Franz Beckenbauer im November 1991 zum Vizepräsidenten des FC Bayern ernannt. Seit 2002 ist Rummenigge Vorstandsvorsitzender der Bayern. Bei der Bundespräsidentenwahl 2004 war „Kalle“ zudem als Abgesandter der CSU ein Mitglied der Bundesversammlung.
Auch kulturelle Werke wurden ihm gewidmet: Bereits 1982 veröffentlichte der heutige SportBild-Hans-Dampf-in-allen-Bayerngassen Raimund Hinko die Biografie „Karl-Heinz Rummenigge“. Im gleichen Jahr schoss Rummenigge die deutsche Nationalmannschaft mit zwei Toren zum 2:1-Erfolg über England in Wembley, was das britische Popduo Alan & Denise zur Hymne „Rummenigge, what a man!“ inspirierte, einem Song, der bis auf Platz 43 der deutschen Charts kletterte.
Leider war der Ausruf „Mon dieu, Rümmenisch!“ auch in den letzten Jahren immer wieder angebracht, allerdings häufiger aus zweifelhaft rühmlichen Anlässen. Immer wieder schießt Rummenigge in seinem Amt als herrschsüchtiger Interessenvertreter des FC Bayern über sein Ziel hinaus. Mal möchte er YouTube verklagen, weil dort rechtlich geschütztes Bayern-Material zur Ansicht bereit steht, nur um ein halbes Jahr später mit großem Brimborium eine Kooperation mit dem Internet-Portal einzugehen. Anderntags moniert Rummenigge mangelhafte TV-Gelder für die Großklubs wie den seinen. Und manchmal zielt er auch scharf in Richtung Nationalmannschaft, deren Interessenvertreter er zu Rudi Völlers Zeiten selbst noch war. Dann macht er sich über die Beweihräucherungen der Löw-Truppe lächerlich, beklagt die „breite Brust“, mit der seine Jungstars Podolski und Schweinsteiger nach Länderspielen umherlaufen, oder beschimpft Oliver Bierhoff als „Ich-AG vom Starnberger See“.
Wer die eigentliche Ich-AG im gehobenen deutschen Profifußball ist, wird der clevere Rummenigge selber ganz genau wissen. Ebenso macht er um seine Außenwirkung keinen Hehl. Schon vor Jahren sagte „der ehemalige Weltklassestürmer“ in wowereit’scher Selbstberuhigung: „Ich bin bieder – und ich bin stolz darauf.“ Gib einem Menschen Macht und er zeigt dir sein wahres Gesicht: Rummenigge, what a man!
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