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05.01.07 Ich hasse Cristiano Ronaldo Autor: Tim Sohr
„Ich hasse Cristiano Ronaldo!“ Eine Aussage, die keine Fragen offen lässt. Eine Meinung, mit der ich mich trotz ihrer radikalen Subjektivität durchaus identifizieren kann. Ein Statement, das mich irgendwie sogar anspricht. Also klicke ich auf den roten Button, auf dem mir in weißen Lettern „Gruppe beitreten“ offeriert wird, und werde darauf aufmerksam gemacht, dass ein Moderator dieser Gruppe meiner Zugehörigkeit erst zustimmen muss. Was wenige Stunden später auch tatsächlich passiert. Ich bin jetzt Mitglied der Gemeinschaft „Ich hasse Cristiano Ronaldo“. Zusammen mit 334 anderen Studenten.
Der Antipathie-Verein gegen den portugiesischen Jungstar von Manchester United ist eine von unzähligen Gruppierungen mit Fußballbezug, die sich im boomenden Studentennetzwerk „Studiverzeichnis“ zusammengefunden haben. Das „StudiVZ“ ist eine dem US-Vorbild Facebook bis ins Detail entliehene Variante einer riesigen Studenten-Community, die – virtuell – zur Kontaktaufnahme, Kontaktwiederherstellung und zum Interessenaustausch einlädt. Zuletzt brachten einige kleinere Skandälchen um öffentliche Aussetzer eines Gründers das „StudiVZ“ ebenso ins Gerede wie eine Gruppe namens „*****“, deren 700 männliche Mitglieder, die die monatliche Kür einer „Miss Studiverzeichnis“ durchführten, sich plötzlich Vorwürfen ausgesetzt sahen, die um Sexismus und Voyeurismus kreisten. Stalking-Alarm im „StudiVZ“, angesichts des allgemeinen Profilstriptease im Netzwerk ein zumindest streitbarer Diskussionsansatz.
Negative Schlagzeilen haben dem Verzeichnis bis jetzt allerdings nicht geschadet, im Gegenteil: Über eine Million Mitglieder, die auch ohne die inzwischen verbannte „*****“-Gruppe in weit mehr als 200.000 Gruppen aktiv sind. Diese Gruppen, die als Interessensgemeinschaften zu sehen sind, können von jedem registrierten Mitglied der Community gegründet werden und verschiedenen Kategorien wie beispielsweise „Campus Leben“, „Spaß & Unsinn“ oder eben „Sport & Freizeit“ zugeordnet werden. Innerhalb der jeweiligen Foren diskutieren die angehenden Akademiker dann spezifische Neuigkeiten, preisen im Netz entdeckte Fotos an oder stellen entsprechende Links zur Verfügung, die der themeninternen Erweiterung des Horizonts zuträglich sind. Es scheint inzwischen gar, als gebe es keine Gruppe, die es noch nicht gibt. Ob „Ich glühe härter vor, als du Party machst“, „Borat for President“ oder „Angehende Pornostars“, von „Die besten Menschen der Welt“ über „Snowboarden – Ein Traum!!!“ bis hin zu diversen Party-Gästelisten – es ist die reine virtuelle Vereinsmeierei. Und im Verein ist Schwein bekanntlich am schönsten. Sagt der Volksmund. Und was der studentische Volksmund so in Sachen Fußball(vorlieben) zu sagen hat, wird deutlich, nimmt man einmal die zahllosen Gruppen unter die Lupe, deren Themen rund um die populärste Mannschaftssportart der Welt kreisen.
Mitgliederzahlen als Meinungsbarometer
Zunächst spricht die Anzahl der Mitglieder einer jeweiligen Gruppe eine deutliche Sprache, so dass jedes Meinungsforschungsinstitut einige Stelleneinsparungen ernsthaft in Erwägung ziehen könnte, würde es sich einfach etwas intensiver mit dem „StudiVZ“ auseinandersetzen. Welcher Bundesligaverein ist wohl der beliebteste, welche diesbezügliche Gruppe hat die meisten Mitglieder? Man rechnet mit Bayern oder Schalke, vielleicht sogar mit Bremen, und man liegt tatsächlich falsch: Deutlich vorne liegt die „Borussia Dortmund“-Gruppe mit knapp über 6000 Mitgliedern, gefolgt von Eintracht Frankfurt (!) und dem 1.FC Köln (!!)(beide über 5000). Es wird deutlich, dass bei den analysefreudigen Studenten mit Herz der Erfolg nicht über allem steht und auch Lokalpatriotismus keinesfalls ein zu unterschätzender Wert ist. Und weil er überall dasselbe gespaltene Bild abgibt, polarisiert der gute alte FC Bayern München auch im „StudiVZ“. So hat die Gruppe „Die bekennenden FC Bayern München Fans“ nur knapp über 1500, der „Anti-Bayern-München“-Club dagegen satte 2400 Sympathisanten. 35 StudiVZ-Mitglieder haben sich gar zu der Gruppe „Wir ficken Bayern München in den Arsch!“ formiert.
Es wird schnell deutlich, das neben diversen deutschen Profivereinen sowie dem einen oder anderen europäischen Spitzenklub wie Arsenal London oder dem FC Barcelona auch diverse unterklassige Vereine vertreten sind. Wichtig scheint hier nur die Existenz von Hardcore-Fans unter Deutschlands Studenten sowie eine zumindest gewisse ruhmreiche Vergangenheit: Ob die „Fans des 1.FC Saarbrücken 1903“ oder „Deutscher Meister 1912 - Holstein Kiel“, kaum ein traditionsreicher Amateurklub fehlt im „StudiVZ“ – den SC Pfullendorf oder den SV Wehen sucht man dagegen bis jetzt vergeblich.
Helden werden gepriesen, diskutiert oder verurteilt
Ein unerschöpflicher Quell für das kunterbunte Fußballuniversum des „StudiVZ“ ist selbstverständlich auch die gute, alte Heldenverehrung, genauso wie die Götterdämmerung. Hier fällt einmal mehr auf, wie sehr der Fußball doch inzwischen auch Popkultur geworden ist. Natürlich gibt es Gruppen, die Lukas Podolski gewidmet sind – die Populärste unter ihnen trägt den skurrilen Namen „Lukas (Poldi) Podolski Fanclub – ihr Vollidioten“, und trotz des irreführenden Namen wird dort im Forum die Karriere des Lukas Podolski und sein schwerer Stand bei den Bayern ausgesprochen liebevoll diskutiert. Studentendeutschland weiß, was es an seinem Poldi hat. Dessen Kumpel wird ebenfalls mit einigen (Fan-)Gruppen gewürdigt, eine von ihnen heißt „Bastian Schweinsteiger Fußballgott“, eine andere allerdings dann auch „Oje – mein Freund sieht aus wie Bastian Schweinsteiger“.
Besondere Ereignisse der jüngeren Fußballgeschichte werden natürlich ebenfalls kontrovers und mit angemessenem studentischen Chuzpe diskutiert. Zehn der 27 Gruppen, die Zinedine Zidane zu ihrem zentralen Thema auserkoren haben, ziert ein Titelbild des letzten Kopfstosses des Meisters. Auch ein Großteil der restlichen kultischen Heldenverehrung dürfte auf seinen spektakulären Abgang aus dem Berliner Olympiastadion basieren, und weniger aus Zidanes einzigartig erfolgreicher und von Geniestreichen gepflasterten Karriere resultieren. Über 500 Studenten haben sich demgegenüber in verschiedenen Marco-Materazzi-Gruppen zusammengefunden, wo vor allem Fotos und Videos von brutalen Fouls oder peinlichen Fehlern des italienischen Abwehrrecken ausgetauscht werden. Die knapp 400 Mitglieder der „Materazzi-Hasser“ sind hier in der Überzahl, mehr als hundert Mitglieder in der Gruppe „Marco Materazzi – Held des gesprochenen Wortes“ stehen aber durchaus überzeugt auf Seiten des italienschen WM-Finalhelden. Jeder, der je studiert hat, weiß, dass auf dem Campus jede Meinung absolut zwangsläufig immer eine Gegenmeinung provoziert, und sei es nur aus Prinzip. Diese Tatsache kommt in den Fußballgruppen des „StudiVZ“ so unverblümt wie selten zum Tragen.
Wie vergänglich aber Ruhm und Anerkennung speziell im – Achtung, drei(hundert) Euro ins Phrasenschwein! - „schnelllebigen Fußballgeschäft“ sein können, zeigt eine simple Gegenüberstellung: Man nehme die deutsche Lichtgestalt des Vizeweltmeisterjahres 2002, Rudi Völler, und vergleiche seine „StudiVZ“-Präsenz mit der von Sommermärchenonkel Jürgen Klinsmann. Ergebnis: Rudi Völler erweist die Community mit sieben Gruppen die Ehre, deren Mitgliederstärke zwischen höchstens einem und maximal zehn (10!) variiert. Dagegen Jürgen Klinsmann: Mit acht Gruppen wird er zwar ähnlich häufig explizit gewürdigt, nur hat die teilnehmerschwächste der klinsmannschen Vereinigungen immer noch elf Mitglieder (alle anderen gar deutlich mehr) – und die Gruppe „DANKE JÜRGEN KLINSMANN“ kann gar satte 4849 Jünger präsentieren. Da kann auch im außersportlichen Bereich des „StudiVZ“ kaum eine Gruppe mithalten, abgesehen vielleicht von der extrem beliebten Spaßgruppe „Schakke-Line, komm wech von die Regale, du Arsch!“, in der skurrile Alltagserlebnisse ausgetauscht werden.
Die großartigste Gruppe des gesamten Netzwerkes
Insgesamt sind die Fußballgruppen im „StudiVZ“ eine, in ihrer ganzen Sinn- und Meinungsfreiheit, ziemlich amüsante Angelegenheit, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Man kann sich mit Fachsimpeleien und „Propaganda“, Lobhudeleien und Hasstiraden auseinandersetzen – in dieser oder jener Form findet man alles, was das palavernde Fußballherz oder – hirn begehrt.
Zu dieser Erkenntnis gelangt, stelle ich fest, inzwischen - aus „Recherchegründen“ – Mitglied in über fünfzig Gruppen zu sein, deren Interessen oder Meinungen ich maximal halbwegs teile. Daher werde ich nach der Fertigstellung dieses Textes alle Fußballgruppen auf der Stelle wieder verlassen. Bis auf „Ich hasse Cristiano Ronaldo“, vielleicht...
Ach ja, und bis auf diese andere, fachlich einwandfreie Gruppe, die ebenfalls im StudiVZ zu finden ist. Sie heißt, soviel ich weiß, „pokalo.de“…
(Stand der Angaben über Mitgliederzahlen der StudiVZ-Gruppen: 03.01.2007)
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