18.12.07
Der-pokalo-10-Punkte-Plan
 
Autor: Henning Hildebrandt

Oliver Bierhoff meinte es doch nur gut mit dem deutschen Fußball, als er den ultimativen 10-Punkte-Plan, der alles und jeden besser werden lassen sollte, erstellte. Einheitliche Spielsystematik auf dem Platz für früh- bis spätpubertäre Jugendliche. Gezielte Förderung ahnungsloser Jungtalente in ihren Vereinen. Und eine neunmonatige Eliteschulung deutscher A-Lizenz-Trainer unter Direks Erich Rutemöller als Hebamme kommender Fußballprofessoren. Wir sind – eine Philosophie. Wir sind – eine Philosophie. Wir sind – eine Philosophie.

Holger Stanislawski, Trainer des FC St. Pauli wird einer der ersten sein, der diese Worte im ersten Fußball-Mommsen-Gymnasium auf der Wiese hinter den Toren der Schule seinen Mitschülern in die staunenden Gesichter brüllen wird. Und exakt eine Schwangerschaft später soll der erste Kaiser-Kurs ohne Schnitt seine persönliche Reifeprüfung ablegen, um in die Stapfen großer Trainergrößen zu treten. Trainer einig Vaterland. Mit Konzept zum Erfolg. Und alle machen mit. Alle? Nein, ungefähr keiner der geladenen Manager und Sportdirektoren des Landes freute sich über Bierhoffs Einladung zum Runden Tisch. Frei formuliert könnte die Reaktion der Geladenen so gedeutet werden: „Fresse halten, Oli.“ Die Liga will keinen Möchtegern-Über-Manager. Zeit für neue Pläne für den mittelfristigen gesamtdeutschen Fußballerfolg.


1. Reise nach Jerusalem

Die Manager-Einladung bleibt. Nur der Tisch und ein Stuhl müssen weg. Zu brasilianischen Klängen rennen Rudi, Uli und Kollegen umher. Das Ziel: ein Stuhl. Der Weg: an Bierhoff vorbei. Ellbogenstöße und Grätschen von hinten sind erlaubt. Immer schön auf die Malta-Füße des Studierten bis dieser als einziger steht und damit die Runde verlassen muss. So sieht Ligapolitik aus. Ohne Verbandsobrigkeit zum persönlichen Vereins-Erfolg.


2. Jogis vorgetäuschter Suizidversuch

Da an Zusammenhalt nicht mehr zu denken ist, muss ein Alternativplan her. Zeit für Jogi Löws Freigeist. Poldi auf links, passte nur einmal, Lahm auf die Sechs, war auch schon. Spielerisch funktionierte der Vertikal-Fußball zwar bisweilen, doch der „One-Touch“-Fußball von der Insel wird in Deutschlands oberster Spielklasse nur allzu selten geboten. Wer nicht lernen will, muss begreifen. Und so erschüttert Tage später ein Foto die Medienlandschaft: Löw baumelt am horizontalen Balken seiner Dachgeschosswohnung, stranguliert am eigenen Cashmeere-Schal. Der Aufschrei ist groß. Hitzfeld winkt ab. Schaaf will auch nicht. Und Thomas Doll redet sich um Kopf und Kragen, denn in Dortmund entstehe gerade irgendetwas, was möglicherweise mit Fußball zu tun haben könnte.


3. Die Reinkarnation von Erich Ribbeck

Doch auf einen ist immer Verlass. Der Gentleman des Fußballs, der selbsternannte „Sir“ des Geschäfts betritt die PK neben Wolfgang Niersbach und Harald Stenger. Mit den Worten: „Das habt ihr nun davon“, kündigt Erich seinen Amtsantritt an. Er werde alles noch einmal so machen wie 2000. Lothar als Libero. Paulo Rink in den Sturm und einen Treffer gegen Rumänien. Bei einem Wohltätigkeitsturnier anlässlich der geforderten Freilassung seines nach dem Vorrunden-Aus der Elfenbeinküste beim Afrika-Cup inhaftierten Freundes Uli Stielike.


4. FC Poldi United

Das Entsetzen ist groß und so fasst sich Deutschlands größtes Jungtalent ein angel-sächsisches Herz. Er kauft sich seinen Verein nach dem Vorbild englischer Fans und lädt alle ein, die in ihren Vereinen wahlweise auf der Bank oder der Tribüne der Dinge verharren. Lehmann ins Tor. Schweinsteiger auf links, Odonkor auf rechts, Ballack zentral und er selbst in die Spitze. Spielpraxis ist das Credo des Vereins. Denn nur wer spielt, werde geladen, sagte Löw.


5. Komm back

Nach dem torlosen Scheitern der Ribbeck-Elf gegen Malta, Aserbaidschan und Rumänien muss der „Sir“ seinen Platz wieder räumen. Stielike sitzt derweil weiter in politischer Isolationshaft und Fußballdeutschlands Herz blutet anlässlich der bevorstehenden drei Wochen im Juni aus allen erweiterten Gefäßen. Wie Phoenix aus der Asche taucht Jogi Löw im DFB-Quartier in Frankfurt auf. An seiner Seite der lächelnde Malta-Fuß. Die gesamte Liga kündet ihre Bereitschaft an, an einem Strang zu ziehen. Uli und Rudi geloben Besserung. Konzeptfußball à la Sammer werde die Maxime sein. Podolski spielt fortan neben Klose im Sturm. Schweinsteiger darf Altintop die Hacken zeigen. Und Felix Magath kauft neben Lehmann auch noch Timo Hildebrand, damit die Nr. 1 und sein Vertreter Freunde für einen Sommer werden können.


6. Ein Cordoba im Frühjahr

Der erste Schachzug des wiederauferstandenen Löw ist eine Pleite im Vorbereitungsspiel gegen Hickersbergers Österreich. Die Schande von Cordoba, viel zitiertes Moment der alpinen Fußballgeschichte zum Zeitpunkt der EM-Gruppenauslosung, hat ihre vorzeitige Renaissance erfahren. In einem gänzlich unbekannten Gefühl des Erfolges sehen sich die Gastgeber bereits auf Augenhöhe mit dem großen Nachbarn und ein Weiterkommen im eigenen Land als logische Konsequenz gesichert.


7. Matze Sammers Kroaten-Analyse von Urs Siegenthaler

Nachdem Österreich somit im Gefühl der Sicherheit in einer Wage von links nach rechts pendelt, gilt es nunmehr Deutschlands zweiten EM-Gegner zu positionieren. Urs Siegenthaler, Chef-Analytiker, und sein neuestes Werk. Der Name: Sammer. Ein Porträt im 21. Jahrhundert. Die gebannten Blicke verfolgen jede Bewegung von Matthias Sammer aus der Begegnung Deutschland-Kroatien bei der EM 1996. 15 Kameras, die 90 Minuten nur einen Spieler verfolgen. Alle geschätzten 150 Schritte von Fünfmeterraum bis Fünfmeterraum zum viel umjubelten Siegtreffer gegen pöbelnde Kroaten werden unter Beifall welt-uraufgeführt. Innovativ ist zwar anders, aber dieser Lauf brennt sich in die Köpfe der Spieler. Einem Sieg gegen Kroatien steht nichts mehr im Wege.


8. Polnische Paarvermittlung

Auf dem Handy eines jeden Nationalspielers gehen minütlich Fotos von polnischen paarungswilligen Damen ein. Marzena, 20 Jahre, Magdalena, 19 Jahre, Daczinka, ungefähr 22 Jahre schmücken den Bildschirmschoner neumodischer Slim-Handys der Spieler. Besuche deutscher Männer in tschechischen Vorort-Edelbordellen waren gestern. Auch die Vermittlung gescheiterter Fruchtsaft-Techniker vom Land mit Frauen aus Russland ist nicht mehr en vogue. Deutschlands Elitekicker werden an polnische Gepflogenheiten gewöhnt, erfahren das Glück der Liebe und wollen vieles, nur nicht die Frau an der Seite mit einer Niederlage gegen Polen enttäuschen.


9. Leben und Sterben lassen

Nachdem die Vorrunde in den Köpfen gemeistert ist, muss Löw den erweiterten Kader von 36 Spielern auf 23 dezimieren. Auch eine einseitige Unterschriftenaktion aus Leverkusen kann Paul Freier nicht ins Boot der Reisenden hieven. Mike Hanke muss sich der Routine Neuvilles beugen und zu jedermanns Verwunderung wird Toni Kroos statt David Odonkor nach Österreich geladen. Lothar, Didi Hamann und Fredi Bobic, Träger der Hoffnung aus alten Zeiten warten ebenso sehnlich wie unerfüllt auf eine Rekonvaleszenz in der Nationalmannschaft. Wäre der Erich doch nur geblieben.


10. Verlängerung am Tresen

Sechs Wochen vor dem Turnier stehen die Auswahlspieler am Tresen der Hotelbar am Lago Maggiore und kippen einen Jagertee nach dem anderen in sich hinein. Michael Ballack singt sein Lied aus Londoner Anfangstagen „Resi, i hol di mi’m Traktor ab“, Bierhoff und Löw liegen sich lallend in den Armen, selbst die Manager der Vereine schießen Schnappschüsse vor der Herrentoilette. Deutschland einig Fußballland. Und der ganze Verein singt: „Sind wir im Wald hier?“ Und der Held, der diesen Plan schmiedete, sitzt derweil am Stammtisch und philosophiert mit Michael Palme darüber, dass sich die Welt von heute von der Welt vor 30 Jahren letztlich doch nicht unterscheidet.
„Noch zwei Halbe, Köbes! Auf den Turniersieg!“



 
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