07.03.07
Eine Ode an Lukas Podolski
 
Autor: Tim Sohr

Dieser kleine Text ist einem großartigen Fußballer gewidmet, doch er möchte nicht speziell den sportlichen Qualitäten – obschon sie die Grundlage für alles im Folgenden zu Erwähnende bietet – huldigen, sondern vor allem dem Gesamtkunstwerk Lukas Podolski den angebrachten Respekt zollen.
Vielleicht ist es nur eine Verallgemeinerung, aber eigentlich will doch jeder kleine Junge Fußballprofi werden, wenn er groß ist. Die Wenigsten schaffen das natürlich, und stattdessen schreiben sie später dann über Fußballprofis, werden Juristen oder machen eine Lehre bei der Bank. Die meisten Jungs sind in ihren heldenhaften Wunschvorstellungen zudem Stürmer und schießen eine Menge Tore für die Nationalmannschaft. Klar, es gibt Ausnahmen, die wollen zum Beispiel Torwart werden, aber das sind dann Leute wie Oliver Kahn. In diesen Träumen geht es den Jungs nur um Fußball und um nichts, aber auch absolut GAR NICHTS anderes. Es geht nicht primär um Ruhm, wenngleich der Jubel der Fans in den Köpfen jedes kleinen Bolzplatzprotagonisten mithallt, und es geht nicht um Geld, es geht nur darum, Spaß zu haben und Tore zu schießen.
Seit Lukas Podolski zu Beginn des Jahres 2004 erstmals auf der Bühne der Bundesliga für Furore sorgte, damals im Trikot des 1.FC Köln, hat der deutsche Fußball diesbezüglich die vielleicht konsequenteste Personifikation seiner Geschichte. Und das ausgerechnet in der Generation der verwöhnten Fußballmultimillionäre.
„Heilige Einfalt!“, schreien auch heute noch viele, wenn sie eines der schon legendären (Kurz-)Interviews mit „Prinz Poldi“ hören. Sie haben das Phänomen nicht verstanden. Podolski redet, wie er Fußball spielt, aber das ist wiederum keine besondere Erkenntnis, denn er kann gar nicht anders. Er kann sich nicht verstellen. Viele fragen sich, ob seine entwaffnenden Antworten, die auf jegliche dämlichen Reporterfragen standesgemäß folgen, gut kalkuliert oder ein Zeichen seiner Geistesschlichtheit sind. Beide Theorien sind falsch, und zudem befassen sie sich mit Nichtigkeiten, die Podolski niemals interessieren würden. Das sind Dinge, die er nicht analysieren kann, weil er nicht will und es nicht nötig hat – nicht, weil er „Isch“ statt „Ich“ sagt, nicht, weil er dumm ist. Dumm ist, wenn man von sich ausschließlich in der dritten Person redet und in jedem Interview eine ekelhafte Selbstüberzeugung an den Tag legt. Man frage nach bei Ailton oder Lothar Matthäus.
Lukas Podolski ist das, was man im heutigen Neudeutsch „real“ nennt, er ist das, was der „kicker“ als „unverstellt“ bezeichnen würde, und er ist der, den man im Fanblock auch gerne „einen von uns“ schimpft, was den größten anzunehmenden Ritterschlag bedeutet. Würde Lukas Podolski Musik machen, wäre er eine englische Punkband der späten 70er Jahre. Oder auch eine deutsche HipHop-Formation der mittelspäten 90er. Er wäre die „Absoluten Beginner“, oder „The Clash“. Das Entscheidende und Einende ist die Kompromisslosigkeit im künstlerischen Handwerk.
Lukas Podolski war während der WM der „Piff-Paff-Poldi“ für die „BILD“-Zeitung, und schon mehr als einmal haben ihn sämtliche Boulevards schon zum Heilsbringer des deutschen Fußballs hochgejazzt. Es hat ihn nicht abheben lassen. Weil es ihm einfach nicht passieren kann, abzuheben. Er hat keinerlei Veranlagung dazu. Einem kleinen Jungen kann man den Kopf schließlich auch nicht völlig verdrehen. Was ihn selbstverständlich nicht vor persönlichen Krisen feit. Sein Einstand bei den Bayern in dieser Saison war reichlich verkorkst, man hat ihm förmlich angesehen, dass ihm der Spaß verloren gegangen war. Und er wäre nicht der Instinktfußballer, der er ist, hätte sich das nicht auf seine Leistung niedergeschlagen. Aber im Alter von 21 Jahren brauchen auch die größten Ausnahmetalente den richtigen Trainer – und Felix Magaths Überforderung mit der Führung von Podolski war für jeden Fußballfan traurig zu beobachten. Denn mehr als eine gewisse Portion an Spaß und Vertrauen braucht man ihm nicht entgegenzubringen. Denn die Persönlichkeitsstruktur Podolskis ist eigentlich der Wunschtraum eines jeden Fußballlehrers. Private Eskapaden hat er sich bisher nicht geleistet und man kann sich beim besten Willen auch nicht vorstellen, wie eine derartige Skandalmeldung aussehen soll...„Podolski rauchend in der Disco“? „Poldi schwängert Bayern-Sekretärin auf der Weihnachtsfeier“? „Lukas und seine Freundin Monika verprügeln Penner vor ihrem Garagentor?“ Wohl kaum. Während das andere sommermärchenhafte Talent der deutschen Nationalmannschaft, Bastian Schweinsteiger, in letzter Zeit verstärkt die Nähe der Münchner Schickeria sucht und seine Leistungen auf dem Platz dementsprechend sind, wird man Lukas Podolski wohl erst und nur dann im P1 sehen, wenn dort die offizielle Meisterfeier des FC Bayern stattfinden würde. Und erscheint er doch einmal auf der Titelseite der Zeitschrift „GQ“ oder lässt sich für so fachferne Publikationen wie der Jubiläumsausgabe der Zeitschrift „Tempo“ von Bryan Adams fotografieren, dann hat mit Sicherheit sein Berater etwas mehr Lust darauf als er selbst.
Ottmar Hitzfeld scheint die richtigen Worte für Podolski gefunden haben. Der Jungstar hat noch einen langen Weg vor sich. Über verfrühte Vorschusslorbeeren braucht man sich in seinem Fall jedoch keine Sorgen zu machen. Er ist nicht Michael Sternkopf. Oder Marco Haber. Oder Marco Reich. Oder Marco, äh, Sean Dundee. Er ist Lukas Podolski. Der Lukas Podolski, der am Ende seiner Laufbahn einmal als einer der größten deutschen Stürmer aller Zeiten abtreten wird. Weil er so spielt, wie er redet. Weil er ist, wie er ist. Real. Unverstellt. Und deswegen möchte dieser Text auch schließen, indem er einen der unzähligen Prototypen seiner Interviews zitiert. Denn besser lässt sich das „Phänomen Podolski“ nicht erklären.
Journalist: „Was hat sich für sie verändert, seit sie eine Person des öffentlichen Lebens geworden sind?“
Poldi: „Isch kann nicht mehr in die Stadt.“
Journalist: „Und was machen sie stattdessen?“
Poldi: „Isch geh trotzdem.“
ENDE



 
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