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06.04.07 Wie ich Michel Platini von der Champions League überzeugen konnte Autor: Tim Sohr
Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Einen eher ungewöhnlichen Traum. Ich war Angestellter der UEFA, und offensichtlich sogar ein ziemlich hohes Tier. Meine Position in der biederen Altherrenorganisation war jedenfalls von so umfassender Bedeutung, dass ein recht aufgebrachter Michel Platini, seines Zeichens immerhin seit kurzem der Präsident des ganzen Ladens, in mein Büro platzte, als ich gerade im Internet unterwegs war und mir das Fußball-Online-Magazin pokalo.de ansah. Platini war aufgeregt, denn er hatte eine Idee: Er wollte mit seiner ersten großen Amtshandlung eine Revolution auslösen: „Ich schaffe die Champions League ab!“, teilte er mir mit leuchtenden Augen mit, und warum er völlig akzentfrei auf deutsch zu mir sprach, bleibt eines dieser eigenartigen Geheimnisse, die nur den nächtlichen Träumen vorbehalten sind.
Ich sah ihn mit einem ungläubigen Staunen an.
„Geht es dir nicht gut, Michel?“ fragte ich dann, ehrlich besorgt.
„Ich schaffe sie ab“, fuhr er fort, „und stattdessen führe ich eine Europameisterschaft für Vereinsmannschaften ein, welche in jedem Jahr zwischen den Welt- und Europameisterschaften der Ländermannschaften stattfindet. In den langweiligen Jahren halt.“
„Michel, ich glaube nicht, dass...“, versuchte ich zu intervenieren, doch er unterbrach mich sofort wieder und redete sich in Rage, geradezu verzückt von seiner eigenen Idee.
„Die Vereine qualifizieren sich aufgrund ihrer Platzierung der jeweiligen zwei Vorsaisons, die Bedeutung des Turniers wird immens sein, die Einnahmen werden die von einer EM oder WM bei weitem übersteigen, das Gleiche gilt für das spielerische Niveau, schließlich wird nirgendwo so qualitativ hochwertiger Fußball gespielt wie in unserem europäischen Vereinsfußball.“
Warum die Einnahmen größer, gar „bei weitem“ größer als bei EM und WM sein sollten, blieb mir zwar spontan verborgen, ebenso warum die ganze Sache lukrativer sein sollte als die jetzige Geldmaschine Champions League, dennoch schien es mir adäquater, dieser weltfremden Idee mit romantischeren Argumenten entgegenzusteuern. Zunächst hatte der gute Michel jedoch noch etwas hinzuzufügen.
„Die Champions League langweilt mich“, sagte er, „sie ist omnipräsent und das ist früher oder später der Tode alles Guten. Egal, wie gut das Gute ist. Was wäre das für eine Aufwertung: Ein riesiges Turnier...alle zwei Jahre...Wahnsinn!“
„Ja, genau“, entgegne ich bemüht sarkastisch, „und dann hat dein Turnier genau das selbe Problem wie eine Welt- oder Europameisterschaft: Kurz vorher verletzen sich mit unschöner Häufigkeit die größten Spieler und Persönlichkeiten und können nicht teilnehmen...“
„Verletzen können sie sich auch innerhalb des gegenwärtigen Modus der Champions League!“
„Langweilt dich die Champions League nicht? Ich meine, immerhin haben sie diese unsägliche zweite Gruppenphase vor ein paar Jahren abgeschafft, aber trotzdem...“
Er meinte das wirklich ernst. Und ich hatte langsam genug von seinen weltfremden Vorstellungen.
„Jetzt hör mir mal zu“, ich versuchte so bestimmt wie möglich zu klingen und wirken, aber immerhin hatte ich es hier mit dem UEFA-Präsidenten zu tun, „die Champions League ist einer der größten und großartigsten Sportwettbewerbe der Welt! Dein Vorgänger Lennart Johansson hat sie 1992 in die Welt gerufen. Und nur weil du nun sein Nachfolger bist, hast du noch lange nicht das Recht, diese visionäre Arbeit durch eine offensichtliche Laune zu torpedieren.“
„1992 war das? Wirklich? So lange ist das schon her? Ich fühle mich plötzlich so alt...Wer war eigentlich nochmal der erste Titelträger?“
„Eine französische Mannschaft, Monsieur Platini. Olympique Marseille mit meinem Landsmann Rudi Völler.“
„Ach ja, ich erinnere mich“, seine Augen begannen zu leuchten, „das Endspiel war dürftig, aber es war ein toller Triumph.“
Er schaute nun nachdenklich aus dem Fenster.
„Seitdem hat es nur noch ein französischer Verein ins Finale geschafft...“
„Monaco 2004. Und verloren. Ebenfalls in einem der qualitativ schlechteren Finals der Geschichte, wie ich finde.“
„Das stimmt“, sagte er, „dafür hatten sie zuvor in der Gruppenphase mit einem 8:3 gegen Deportivo La Coruna alle verzückt. Und ansonsten waren die Endspiele doch auch meistens gutklassig und häufig höchst dramatisch. Man erinnere sich nur an Manchester United gegen Bayern München 1999.“
„Ja, das ist unvergessen“, nickte ich und versuchte den Pfad, den das Gespräch nun einschlug, beizubehalten, „genauso wie Liverpool gegen den AC Mailand 2005. 3:3 nach 0:3 und dann der unfassbare Sieg der Engländer im Elfmeterschießen.“
„Was mir auch gut gefällt“, fügte er hinzu, „sind die anderen kleinen und großen legendären Begebenheiten, die die Champions League uns bereits beschert hat. Die dramatischen Duelle zwischen Chelsea und Barcelona zum Beispiel, 2005 und 2006. Auch das Elfmeterschießen zwischen Valencia und Bayern im Finale 2001 kann man getrost als eines der dramatischsten der Fußballgeschichte einordnen. Oder Zinedine Zidanes Siegtor für Real Madrid im Finale 2002. So schön wie ein Gemälde, hat Oliver Kahn zu diesem Treffer mal gesagt.“
„Genau“, ich stimmte begeistert ein, „und auch die verschiedenen großartigen Mannschaften, welche in der Champions League geboren wurden. Der AC Mailand 1994 mit dem sagenhaften 4:0 im Finale gegen den FC Barcelona. Oder Ajax Amsterdam 1995. Manchester United, wie schon erwähnt, die sich 1999 mit dem Titel gekrönt haben. Eine lange Liste fantastischer Kollektive, die sich erst durch die Champions League in die Geschichtsbücher eingeschrieben haben. Genau wie einige Spieler, deren Ruhm fast ganz und gar auf ihren Leistungen in der Champions League basiert. Raul, zum Beispiel, der Rekordtorschütze. Oder auch David Beckham.“
„Stefan Effenberg bezeichnete die Champions League für ihn persönlich als ein wichtigeres Ereignis als eine Weltmeisterschaft und den Titel daher als wertvoller.“
„Siehst du“, lachte ich, „obwohl das dann vielleicht doch eine reichlich zweifelhafte Einschätzung ist. Dennoch passt sie in das Gesamtbild, das die Champions League seit jeher abgibt. Sie ist eine Institution. Und zwar ausschließlich eine saisonbegleitende Institution, Michel.“
„Ja, das sind wirklich wertvolle Erinnerungen...“, er sprach nun ganz andächtig.
„...die durch einen Turniermodus, wie du ihn vorschlägst, in dieser Form nie zustande gekommen wären“, unterbreche ich ihn mahnend.
„Meinst du wirklich?“ fragte er sichtlich unsicher.
„Solche Mannschaften können sich nicht innerhalb eines Sommerturniers so dermaßen perfekt entwickeln, das sollte dir doch klar sein“, führte ich meine Bedenken eindringlich fort, weil ich wusste, ihn nun von seiner Idee abbringen zu können, „man sollte den Fußballfans das nicht vorenthalten. Dienstag oder Mittwoch abends, das ist Champions-League-Zeit, das ist die Zeit für den weltweit besten Fußball. Und der wird, wie du schon ganz richtig gesagt hast, im europäischen Vereinsfußball gespielt. In zeitnahen, regelmäßigen Abständen: Denn die ganz großen Mythen entstehen in der Champions League auch aus den Möglichkeiten zur Weiterentwicklung, zur Revanche, zur Wiedergutmachung. Aus dem Hin- und Rückspielmodus innerhalb von ein bis zwei Wochen. Trümpfe, um die du dich nicht bringen solltest. Es geht hier einfach um ein unverzichtbares Spektakel, das noch viel größer ist als es der schlichte Europapokal der Landesmeister zu deiner aktiven Zeit war. Die Champions League ist einfach eine gelungene Verbindung aus zeitgemäßem Spektakel und begeisterndem Hochleistungssport.“
„Jaja, du hast ja recht“, lenkte er schließlich genervt ein, „danke, dass du mir die Augen geöffnet hast. Obwohl es mich ja eigentlich nervt, dass du zu allen möglichen Dingen deinen Senf dazu geben musst.“
Er lachte. Dann verließ er den Raum, ohne den bescheuerten Plan, mit dem er ihn Minuten zuvor betreten hatte. Er ist halt neu im Amt. Da muss man ihn manchmal bremsen, dachte ich mir in diesem Moment.
Dann bin ich, relativ erleichtert, aufgewacht.
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