10.06.07
Teil 2: Lokalpatrioten
 
Autor: Henning Hildebrandt

Soviel Verbundenheit verbindet man in Dortmund mit dem Namen Michael Zorc. Heute ist der Rekordspieler und langjährige Kapitän Manager des Vereins und so verwundert es nicht, dass er im Laufe der jüngst vergangenen Saison seinen Spielern eine „scheiß Mentalität“ zusprach, denn eine seiner Identität entsprechenden Identifikation mit dem Verein suchte er in der momentanen Mannschaft vergebens. Das ist es wohl auch, was Pelé seit der WM 1986 bei den heutigen Spielern zu vermissen scheint. Den sportlichen Erfolg nicht nur für sich selbst, sondern eben auch für ein und dieselbe Mannschaft anzustreben. Und das eben trotz möglicher Erfolglosigkeit der Mannschaft, dafür aber der Stadt, des Vereins und der Fans wegen.

Über die Grenzen geschaut finden sich weitere namhafte Beispiele für die vom Aussterben bedrohte Spezies der Lokalpatrioten. So ist unbedingt der Engländer Tony Adams, der seine 22-jährige Profikarriere beim FC Arsenal verbrachte, zu nennen. Er wurde mit 21 Jahren jüngster Kapitän der Mannschaft und behielt diesen Status weitere 14 Jahre bei den Gunners. Der Engländer war der erste Spieler, der mit seiner Mannschaft als Kapitän in drei verschiedenen Jahrzehnten die Meisterschaft gewinnen konnte (89, 91, 98 und 02). Im Grunde verdiene seine Karriere ein ganz eigenes Kapitel, denn Adams bekannte sich 1996 öffentlich zu seiner Alkoholabhängigkeit und ging in die Rehabilitation, was er 1998 in seiner Autobiographie „Addicted“ niederschrieb. Nach 668 Spielen beendete „Mr. Arsenal“ seine aktive Karriere mit dem Double-Gewinn 2002. Seine Trikotnummer 6 wurde erst zur Saison 06/07 wieder vergeben, an Philippe Senderos. Adams dient damit als Gegenbeweis Pelés These, dass es so etwas nicht mehr gebe. Wobei Pelé womöglich wohl wissend auch nur von einem „mehr oder weniger“-Aussterben sprach.

Aber nicht nur in England, natürlich auch im restlichen Ausland, findet man Beispiele ausgeprägten Lokalpatriotismus’. Solche, die auch noch gegenwärtig bestehen. Raùl Gonzalez Blanco von Real Madrid. Der gebürtige Madrilene kam zunächst in die Jugend des Stadtrivalen Atletico, vermutlich weil die Sympathien des Vaters in diese Richtung der Stadt tendierten. Mit 15 wechselte Raùl zu Real und wurde mit 17 das erste Mal im Profiteam aufgestellt. Seit 1994 spielt er ununterbrochen mit der Trikot-Nummer 7 für die Königlichen und wird bezeichnet als „El ángel de Madrid“ (Der Engel aus Madrid).
Ähnlichen Status hält Paolo Madini in Mailand. Seit seinem 10. Lebensjahr spielt Maldini für den AC und verlängerte jüngst zu Freude aller Rossoneri seinen Vertrag um ein weiteres Jahr. Diesen Lokalpatriotismus würdigte der Verein mit der Zusage, man werde die „3“ niemals an einen anderen Spieler weitergeben.

Weitere Spieler, ehemalige und aktuelle, ließen sich anführen. Nur sind letztere tatsächlich rarer gesät. Denn Voraussetzung für einen lebenslangen Verbleib bei einem Klub ist wohl, zumindest für die prominenten Beispiele, also solcher Spieler, die ihrem Leistungsvermögen entsprechend auch den Verein wechseln könnten, dass die Mannschaft erfolgreich ist und bleibt. So kann man zwar von einem lokalen Helden sprechen, wenn man Lukas Podolski dieser Spieler-Zunft zuordnen möchte. Auch seine Bekundungen, stets Köln als Heimat angeben zu werden, passt dazu. Wie auch sein zwischenzeitlicher Gang in die zweite Liga aus Dankbarkeit gegenüber dem FC. Dem gesunden Egoismus folgend, ist ein Wechsel zu einem anderen Verein, durchaus berechtigt. So auch seiner zu den Bayern. Vor allem auch in Zeiten, in denen mit dem mannschaftssportlichen Erfolg einzelkommerzielle Gewinne einhergehen. Und nicht nur diese, sondern auch Titel und Teilnahmen an internationalen Turnieren wie Championsleague und Welt- und Europameisterschaften. Das meint Pelé wohl, wenn er die Wechselwirklichkeit seit der WM 1986 analysieren möchte und die Vereinstreue als bloße Sekundärtugend von Spielern diagnostiziert, die dem Spieler auf Pelés „finanziellen Fragen“ des Fußballs nicht als erste zur Antwortfindung verhilft. Ausnahmen vorbehalten.

Teil 1



 
Kontakt Impressum Nutzungsbedingungen