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10.06.07 Lokalpatrioten
Autor: Henning Hildebrandt
Ewige Treue zum Verein. Aushängeschild einer ganzen Ära. Sohn der Stadt. Und Liebling der Massen. Lokalpatrioten genießen einen ganz besonderen Stellenwert im Fußball. Heute genauso wie früher. Nur gab es früher mehr als heute. Und einer von Ihnen erklärt auch warum: „Bis zur WM 1986 gab es diese Treue zum Klub noch, danach verschwand sie mehr oder weniger. Finanzielle Fragen waren auf einmal wichtiger […].“ Pelé im Interview mit dem Magazin zur Fußball-Kultur „11Freunde“ auf die Frage, ob er diese besondere Art der Treue heute vermisse.
Pelé war selbst einer von ihnen. Deswegen darf er dazu auch was sagen. Denn der weltbeste Fußballer aller Zeiten, möchte man sich der offiziellen Wahl der FIFA anschließen, spielte nicht nur in der brasilianischen Nationalmannschaft auf einem anderen Stern und wurde damit zu einem Idol einer ganzen Nation, sondern auch zum Aushängeschild eines einzigen Vereins. Im Gegensatz zu seinen Nachfahren absolvierte Pelé, ungeachtet des Wechsels in die USA zu Cosmos New York 1974, seit 1958 sechzehn Jahre bei demselben Verein. Dem FC Santos. In dieser Zeit schoss er 1088 Tore in 1114 Spielen. Makellos und auf Lebzeiten einzigartig. Als er sein 1.000 Tor im Maracana-Stadion erzielte, läuteten in ganz Brasilien die Glocken. Besonders gefreut haben werden sich aber vor allem die Anhänger des FC Santos, denn der globale Fußballheld aus dem benachbarten Bundesstaat Minas Gerais war längst Lokalheld in Santos, Sao Paulo. Es war wohl der damaligen Zeit zu verdanken, dass Pelé nicht den heute alltäglichen Weg eingeschlagen und wie die Ronaldos und Kakas die Zelte in Europa aufgeschlagen hatte. Daher sind diese heute aber auch „nur“ Weltstars und eben kein „local hero“ wie ihr Vorbild Edson Arantes do Nascimento vom FC Santos.
Pelés in etwa zeitgemäßes Pendant in Deutschland findet man in Hamburg. Uwe Seeler. Nicht nur die Gemeinsamkeit, als einziger bislang bei allen vier WM-Teilnahmen auch getroffen zu haben, verbindet diese beiden, sondern auch die langjährige Zusammenarbeit mit einem Verein. Keine Name wird hierzulande so sehr mit einem Klub im gleichen Atemzug genannt wie „Uns Uwe“ mit dem Hamburger SV. Zeit seiner Karriere spielte er für die Norddeutschen. Ist zudem ein echter Sohn Stadt und noch heute der erfolgreichste Torschütze des HSV. 1953 bestritt er sein erstes Spiel bei der ersten Mannschaft des Klubs, damals in der Oberliga, und hielt seinen Verein trotz eines millionenschweren Angebots aus Mailand 1961 die Treue. So erhielt Uwe Seeler als bislang einziger Sportler 2003 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Hamburg und wurde Ehrenkommissar der Hamburger Polizei.
In die gleiche Zeit fällt der Name, der in Schalke vor allem den Alten das Herz höher schlagen lässt. Und auch noch heute sieht man seinen Namen als Druck auf etlichen T-Shirts und Fahnen im Stadion. Stan Libuda. Und es gibt wohl keinen Schalker, der diesen Spieler, der mit richtigem Namen Reinhard hieß und der nach dem englischen Rechtsaußen Stanley Matthews umgetauft wurde, weil er dessen Trick links-antäuschen-rechts-vorbeiziehen auf seiner Seite perfektionierte, nicht kennt. „Keiner kommt an Gott vorbei“, hieß es auf einem Prediger-Plakat, „…außer“, durch einen Fan handschriftlich ergänzt, „Stan Libuda“. Diesen Spruch kennt jeder. Vor allem im Kohlenpott, denn diesen prägte er zwischen 1962 bis 1976 insgesamt 14 Jahre. Und auch die drei zwischenzeitlichen Jahre beim Erzrivalen Borussia Dortmund können den Kultstatus des an der Lippe geborenen Adoptivsohns der Knigsblauen auf Schalke nicht erschüttern. Stan Libuda verstarb 1996.
Auch Franz Beckenbauer, der zeitgleich 15 Jahre bei den Bayern spielte und erst zum Karriereende nach New York und später für zwei Jahre zum HSV wechselte, ist zu nennen als einer derjenigen, die in dieser Zeit den Begriff der Vereinstreue personifizierten. So ist der „Kaiser“ neben Deutschlands auch Münchens Aushängeschild Nummer eins. So wie er, ebenfalls lokalpatriotisch: Egon Köhnen in den sechziger und siebziger Jahren. Der Abwehrspieler bestritt in 15 Jahren 243 Bundesligaspiele für Fortuna Düsseldorf. Und auch: Der Niederländer Willi „Ente“ Lippens, der den Spitznamen seines watschelartigen Laufstils zu verdanken hatte. Auch er ist heute noch das Aushängeschild seines Vereins Rot Weiß Essen. Mit kurzer Unterbrechung spielte er seit 1965 dreizehn Jahre in der Stadt, ist Rekordspieler und -torschütze von RWE in der Bundesliga und gilt als Symbolfigur für die Sehnsüchte um Anerkennung und Erfolg der Ruhrgebietler. Ein einziges Spiel in der Nationalauswahl der Niederlande absolvierte er; viele mehr wären es vermutlich geworden, wäre er Helmut Schöns Ruf in die deutsche Nationalmannschaft gefolgt. Doch die sportliche Rivalität zwischen Holland und Deutschland verstellte den Weg über die Grenze. Über die aktive Zeit hielt Lippens der Region dennoch die Treue und unterhält heute zusammen mit seiner Familie einen Gastronomiebetrieb in Bottrop.
Teil 2
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