03.11.06 Das Ordner-Interview
Es ist Samstag, der 21. Oktober, 18.30 Uhr. Pokalo.de trifft Philip Neiseke am Eingang-West der Veltins-Arena auf Schalke. Gerade ist die Bundesliga-Partie Schalke 04 gegen Hannover 96 beendet worden und so langsam verabschieden sich auch die letzten Zuschauer. Philip Neiseke steht vor uns mit einer Flasche Mineralwasser . Er trägt schwarze Lederhandschuhe und eine Ordnerjacke der Sicherheitsfirma “Wachdienst Bremen“, die für die Ordnung auf dem Stadiongelände auf Schalke verantwortlich ist.
Pokalo.de: Herr Neiseke, irgendwelche besonderen Vorkommnisse heute Abend?
Philip Neiseke: Hallo. Nein, alles sehr ruhig heute. Das Übliche eben: Leibeskontrollen am Eingang, ein paar Bierflaschen, die konfisziert werden mussten, und ein paar Fahnenstangen, die sich der Zuschauer am Ende der Partie wieder abholen kann. Im Großen und Ganzen jedoch war alles sehr friedlich.
Pokalo.de: Herr Neiseke, sie sind Fußball-Ordner. Wie sind sie an diese Tätigkeit eigentlich gekommen?
Philip Neiseke: Vor ca. einem Jahr über meine Freundin, die schon zu Zeiten des Park-Stadions für die Sicherheit in Gelsenkirchen gesorgt hat.
Pokalo.de: Welchen Moment würden Sie aus diesem Jahr aus Ordnersicht hervorheben?
Philip Neiseke: Ganz klar den einmonatigen Moment der Weltmeisterschaft.
Pokalo.de: Also bei der Weltmeisterschaft waren Sie auch dabei. Nur in Gelsenkirchen oder auch in anderen Städten?
Philip Neiseke: Ich war in erster Linie in der Arena, aber auch jeweils einmal in Köln und Dortmund im Einsatz, da die Sicherheitsfirma weitere Aufträge bekam.
Pokalo.de: Dem Dortmunder Stadion eilt der Ruf voraus, die Stimmung der Zuschauer besonders auf das Spielfeld projizieren zu können. Würden sie dem Stadion im Vergleich zu den beiden anderen ebenfalls eine besondere Atmosphäre attestieren?
Philip Neiseke: Nein, bezüglich der Atmosphäre würde ich das Dortmunder Stadion nicht hervorheben. Die Stimmung bei dem von mir gesehenen Spiel Brasilien - Japan war eher durchschnittlich. Zum einen lag das an den vergleichsweise wenigen brasilianischen Fans und zum anderen an den sehr statisch wirkenden Japanern. Ein Vergleich mit der typischen Stimmung bei Bundesligaspielen scheitert aber auch daran, dass auf die sonst so zahlreichen Stehplätze, Sitze montiert werden mussten.
Pokalo.de: Gab es ein Pendant zu den statisch wirkenden japanischen Fans. Haben sie Fans erlebt, die das genaue Gegenstück verkörpert haben?
Philip Neiseke: Nein, ein Pendant lässt sich im Fußball schwer finden. Die japanischen Fans waren auf ihre Art und Weise einzigartig. So viel Anstand und Zurückhaltung findet man in Deutschland vielleicht nur in der Oper oder im Theater.
Ein krasses Gegenstück stellen hingegen sämtliche südamerikanischen Fans dar. In der Art und Weise wie sie ihre Emotionen ausdrücken, sind sie kaum zu überbieten. Als Paradebeispiel für einen südamerikanischen Fan dient Diego Maradona, der, wohlgemerkt in eigenem Trikot, keine Sekunde auf seinem Logenplatz saß und zwischenzeitlich auch mal auf einer 10m hohen Brüstung getanzt hat.
Pokalo.de: Nicht alle Fans üben sich in Anstand und Zurückhaltung. Beispiel englische Anhänger, die zu Hundettausenden nach Deutschland kamen, worüber im Vorfeld der WM viel diskutiert wurde. Wurden sie für solche Situationen besonders ausgebildet, von dem Hausherr der Stadien, also der FIFA?
Philip Neiseke: Natürlich hat man als Ordner eine gewisse Vorahnung bei bestimmten Fans. Auch den englischen Fans gegenüber. Aber im Stadion waren auch diese friedlich. Außerhalb des Stadions gab es kleinere Ausschreitungen. Das liegt jedoch außerhalb unseres Verantwortungsbereichs. Alle Ordner wurden von der FIFA in einem dreistündigen Seminar geschult. Darin ging es aber weniger um Konfliktbewältigung, als um eine Vermittlung des hohen Sicherheitsstandarts und eine Vergegenwärtigung des Mottos "Die Welt zu Gast bei Freunden".
Pokalo.de: In der aktuellen Debatte um Gewalt in den deutschen Stadien werden vermehrt höhere Sicherheitsstandards gefordert. Sind sie zu Beginn ihrer Ordner-Tätigkeit in der Bundesliga hinsichtlich Konfliktbewältigung besonders ausgebildet worden?
Philip Neiseke: Meine Ordner-Tätigkeit beschränkt sich auf eine Ticket- und Personenkontrolle vor den einzelnen Spielen. Sollte es zu Konflikten kommen, sind speziell ausgebildete Ordner zusammen mit der Polizei für eine Deeskalation zuständig.
Pokalo.de: Sind sie schon mal in Situationen gekommen, in denen sie auf die Hilfe dieser speziell ausgebildeten Ordner angewiesen waren?
Philip Neiseke: Ich habe erst einmal meine Art der Konfliktlösung an den Tag legen müssen. Meine Freundin ist vor ca. einem halben Jahr einmal von drei sehr besoffenen Fans bedrängt worden. Da ich mit Höflichkeit nicht sehr weit kam, hab ich dem ersten den Pulli über den Kopf gezogen und eine Treppe herunter geschmissen, den Kopf des Zweiten in den des Dritten gesteckt und mir anschließend die Eheringe als Souvenir mitgenommen. Nein im Ernst, die Stimmung war immer sehr friedlich. Ich habe eine solche Situation auch noch nie beobachten können. Dieses momentane Problem ist wohl eher ein Phänomen der unteren Klassen, dort wo der Fußball nicht professionell gespielt wird. Die Ordner in solchen Stadien, in den Fanblöcken und am Spielfeldrand sehen schon zum Teil Gewalt und Aggressionen. Nur kann es nicht die Aufgabe der Ordner sein, diesen entgegenzuwirken. Da bedarf es größerer behördlicher Präsenz oder strikteren Stadienverboten Einzelner, denke ich.
Pokalo.de: Zum Schluss noch eine allgemeine Frage: Ordner werden oft bemitleidet, sie stünden meist nur mit dem Rücken zum Spielfeld, wenn sie überhaupt das Glück haben, in den Innenraum des Stadions zu kommen. Für einen Fan kaum vorstellbar. Wie ist ihr Verhältnis zum Fußball. Würden sie sich als Fan bezeichnen?
Philip Neiseke: Ich bin Fußballfan, aber kein Fan einer bestimmten Mannschaft und ich habe das Glück bei Spielen, bei denen ich als Ordner tätig bin nicht nur dabei zu sein, sondern die Spiele tatsächlich auch sehen zu können.
Pokalo.de: Herr Neiseke, wir bedanken uns für dieses Gespräch.
Philip Neiseke: Danke auch. Und, wisst Ihr was Jungs, Ihr seid mir sympathisch. Sollen wir uns nicht duzen?
Pokalo.de: Gerne. Also dank‘ dir, Philip.
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