08.10.07
Interview: In Begleitung einer schwarz-gelben Dame
 


Dortmund, 25.09.07, 19:35 Uhr, das Wetter im Westen der Republik ist windig bis wolkig, die Frisur sitzt nicht bei allen, bei einigen jedoch schon. Vor allem bei denen, die sich der schicken Kurzhaarfrisur verschrieen haben. Der Fanansturm von den Parkplätzen und den Haltestellen in Richtung Signal Iduna Park befindet im Endstadium. Die meisten sind wohl schon innerhalb der Gemäuer des wohl traditionsreichsten deutschen Fußballtempels. Unzählige Biertische, geschätzte 25 Leergutsammler-Neubekanntschaften, gefühlte 300 Stufen und eine Abbiegung nach rechts später treffen wir Lena Klüh, 26 Jahre, Dortmund-Fan. Sie empfängt uns mit Dauerkarte, Volunteer-Ausweis und zwei Freibiercoupons. Die Bildschirme über dem Bierausschank zeigen schwarz-gelbe Schals, aus den Boxen dröhnt der Anfield Road-Klassiker „You’ll never walk alone“. Und mit einigem Wohlwollen hört man die Massen, dieses Lied aus dem Innenraum mitsingen.

L.K.: Hallo. Ihr seid spät dran. Es geht gleich los. Hier, ich hab noch einen Biercoupon für Euch. Die bekomme ich als Volunteer zugesteckt.

Pokalo.de: Hallo Lena Klüh. Vielen Dank.

L.K.: Bestellen wir schnell noch zwei Bierchen hier.

Die Dame im klassischen Catering-Outfit mit Baseball-Kappe reicht uns zwei 0,5-Liter-Becher. Das perfekte Geschenk für einen 9-Jährigen Borussen-Fan wird herübergereicht. Ein Hartplastikbehälter in schwarz-gelb mit dem siegessicheren Lächeln von Diego Klimowicz. „Jump“ von van Halen klingt mittlerweile aus den Lautsprechern, die Einmarschmusik der Dortmunder Borussia und Gladiatoren-Stimmung im modernen Show-Format breitet sich aus. Die Südtribüne zeigt sich erwartungsfroh ob der nun folgenden 90 Minuten.

L.K.: Wir sitzen dort oben.

Einige Stufen hoch, links entlang, und an ein paar Knien vorbeigeschlängelt erreichen wir unsere Plätze in Block 30, mittlere Höhe, mit optimaler Sicht auf das Feld. Rechts von uns toben die Massen der schwarz-gelben Fan-Wand. Die Spannung steigt. Endlich, mag man den gemeinen Gesichtausdruck der Wartenden deuten, 20:00 Uhr: Anpfiff zum Spiel Dortmund gegen den HSV. Mindestens ein 3:0 wie Tage zuvor gegen Bremen soll’s nach der Ansicht unserer direkten Sitznachbarn werden. Anspruchsdenken in Dortmund.

L.K.: Normalerweise sitze ich weiter unten, aber...

Der Satz findet kein Ende, denn direkt vor unserer Nase läuft Roman Weidenfeller auf der Torlinie umher.

L.K.(meckernd): Warum spielt der Ziegler denn nicht?!

Pokalo.de: Das klingt mehr nach einer Forderung, denn nach einer Frage. Du glaubst, er wäre statt Weidenfäller der bessere Torwart?

L.K.: Die letzten Mal waren nicht schlecht. Oder?! Null Gegentore in den letzten drei Spielen.

6. Minute, 0:1, Tor:Guerrero. Vorausgegangen: Ein Fehler von Dortmunds Nr. 1 nach einem Rückpass. Gefundenes Fressen für unsere Begleitung...

L.K.: Jetzt wisst Ihr warum.

Und die Menschen um uns herum scheinen, es auch zu wissen. Publikumslieblinge werden anders behandelt. Weidenfeller mag eine gute Saison in Dortmund gespielt haben, doch seine Leistungen der letzten Wochen und Monate haben nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Nicht nur bei Lena Klüh. Dennoch: Ihre Beine wippen nervös. Die Südtribüne versucht vieles, um diesen durchaus misslungenen Frühstart ins Konträre zu drehen. Und Lena Klüh wippt weiter ungeduldig mit. Eine gewisse innere Spannung bahnt sich ihren Weg nach draußen. Der Beruhigung wegen:

Pokalo.de: Ganz ausverkauft ist das Stadion heut nicht. Die Plätze schräg gegenüber an der Nordseite sind frei, trotz Flutlicht-Atmosphäre und einem HSV als direkten Konkurrenten und um die UEFA-Cup-Plätze.

Von links schallt es herüber: „Die Ecke drüben? Das ist die Geheimratsecke! Wenn’s nicht ausverkauft ist.“

L.K. ergänzt: Die wussten halt, dass es nicht ganz voll wird. Da werden die Karten nicht in den Verkauf gegeben. Bei Bayern und gegen Schalke wird die Ecke aufgemacht.V 12 Minuten eines ereignisarmen Spiels vorbehaltlich eines folgenschweren Torwartmalheurs sind vergangen, unterzählige HSV-Fans skandieren. Plötzlicher, spontaner Aufschrei von rechts, links, oben und unten. Freistoß Dortmund nach einem durchschnittlichen Foul 40 Meter vor dem Tor. Doch der anschließende Freistoß getarnt als Flanke geht ins Leere. Die Pfiffe werden lauter...

L.K.: Das Spiel ist beschissen. Noch ein Bier?

Pokalo.de: So eins in einem schicken Diego-Klimowicz-Becher?

L.K.: Ich hab noch’n paar alte Becher. So’n Weiderfeller-Ding. Ich hoffe, ich denk nächstes Mal dran und kann ihn endlich abgeben. Der steht bei mir zuhause rum. Den brauch ich nicht.

Pokalo.de: Es scheint bislang nicht dein schönster Abend mit der Borussia zu sein. An welchen Tag erinnerst du dich am Liebsten zurück?

L.K.: Die letzten Meisterschaften waren schon richtig schön. Vor allem die erste 1995 und zweite 1996 als ich live dabei war. Die dritte war dann schon wieder normal. Aber das schönste Erlebnis war eindeutig in München 1997, als ich mit meinen Eltern und zwei Freundinnen beim CL-Finale gegen Juventus dabei war. 16 Stunden haben meine Eltern damals angestanden, um die Karten zu kaufen.

Das Spiel entbehrt sich weiter jeglicher Erstklassigkeit. Die Hamburger stehen tief, den Dortmundern fehlen jegliche Mittel, die einen Ausgleich nur entfernt realistisch erscheinen lassen. Lena Klüh geht. Wortlos. Mit dem Diego-Becher unter ihrem Arm. Nicht nur Neunjährige freuen sich über derartiges Stadionsouvenir, auch 26-jährigen Frauen scheint der Becher zu gefallen.

Nach 41 Minuten fällt das 0:2, Torschütze van der Vaart nach Fehler von Wörns. Pfeifkonzert.

SMS von Lena geht ein: „Musste rüber zu Kollegen. Geh jetzt saufen. Treffen wir uns in der Halbzeit wieder.“

Halbzeit. Wir treffen Lena Klüh am Bierausschank. Ein zufriedenes Gesicht sieht anders aus.

Pokalo.de: Lena Klüh, hast du noch Hoffnung auf eine Besserung in der zweiten Hälfte?

L.K.: Wir kommen noch zurück. Tut mir leid, dass es bislang ein derart schlechtes Spiel ist.

Pokalo.de: Du hoffst, aus Erfahrung zu sprechen...

L.K.: Ich habe seit 13 Jahren meine Dauerkarte. Ich hab schon alles gesehen hier. Und ein 3:2 nach 0:2 gab’s schon öfters. Ich bin jedes Mal hier. Bei der Arbeit hängt sogar eine Postkarte mit der Aufschrift „Dortmund el mar“, mit kleinen Fotos und so. Wie man sie kennt von irgendwelchen Urlaubsorten. Das ist meine Stadt. Meine Mannschaft. Und die werden das noch schaffen. Glaubt mir.

Glauben wir. Sieht aber nicht so aus. Das Spiel hält seinem bisherigen Verlauf auch nach Wiederanpfiff die Treue. Anfängliche Aufmunterung von der Tribüne beugt sich anhaltender Tristesse, denn die Heimmannschaft zeigt weder ausreichend Kampf noch Moral, dieses Spiel doch noch einmal drehen zu können. Von Lena Klüh fehlt weiterhin jede Spur. Doch wir können es verstehen, Ärger und Wut entlädt sich besser unter Freunden als bei Besuchern, die dann auch noch Fragen stellen.

In Minute 51 sieht Kringe nach wiederholtem Foulspiel die Gelb-Rote Karte. Erbitterte Entrüstung ob dieser Entscheidung weicht schnell ausdiskutierter Einsicht ihrer Korrektheit und wandelt sich in Unmut gegenüber des schleichendes Davonschreitens des verwiesenen Publikumslieblings. Lena Klüh kommt zurück.

L.K.: Das kann doch wohl nicht wahr sein.

Noch bevor wir eine Frage stellen können, was von alledem sie exakt meint, fällt das 0:3, erneut nach einem Abwehrfehler. Diesmal erweist Brzenska sich die Ehre. Fünf Minuten später wechselt Hamburgs Trainer Huub Stevens Otto Addo für die Gäste ein. Sogar von der Südtribüne ertönt Beifall. Lena Klüh packt in Effenberg-gleicher Manier den Mittelfinger aus der Tasche.

L.K.(grundsätzlich Nichtraucher): Der Penner. Habt ihr eine Zigarette für mich?

Pokalo.de: Ja, gerne. Rauchen als Frustbewältigung? Eine Enttäuschung für dich, heute hier im Stadion...

L.K.: Da braucht Ihr gar nicht mehr hinzugucken. Das interessiert eh keinen mehr. So wie die spielen, das ist ja ein Witz.

SMS geht ein. Lena Klüh liest. Derweil pfeift Schiedsrichter Fandel die dürftige Partie ab. Auch im weiten Rund mag es keiner glauben. Kopfschütteln derer, die nicht gegangen sind. Fehleranalysen und abwinkende Handbewegungen regieren das Stadionbild. Auch der Herr neben uns hat seine gute Laune in die Tasche gepackt: „So ein Scheiß.“. 0:3 gegen einen selbsteingeschätzten „Mit“-Favoriten um die oberen Tabellenplätze gepaart mit Emotionen lässt dieses Resümee trefflich werden.

Pokalo.de: Zu erwarten war diese Heimniederlage nicht unbedingt. Wie verarbeitest Du diese 90 Minuten?

L.K.: Mal sehen. Eigentlich wollte ich noch’n paar Bierchen trinken. Hab ich jetzt trotzdem einen Grund zu feiern?

Pokalo.de: Womöglich, wenn der heutige Abend im Stadion nicht zu traurig gewesen ist...

L.K.: Heute ist es schon traurig. Aber das Traurigste...Ihr Arschlöcher (Richtung Mannschaft, die zur Ehrenrunde abdreht). Ihr Arschlöcher. (Richtung HSV-Fan-Block). Das Traurigste? Moment, ich muss telefonieren (darüber spricht Lena Klüh anscheinend nicht gern)...Ja. 1999. Das 0:4 gegen Schalke. Aber wisst ihr, was das Schönste ist, egal, wie Dortmund spielt? Das die (Schalker; Anm.d. Red.) sind seit 50 Jahren kein deutscher Meister mehr gewesen. Und das zählt mehr als jeder Sieg oder jede Niederlage.

Pokalo.de: Schalke hat heute jedoch gewonnen in Duisburg. Wahrhaft kein gelungener Fußballabend…

L.K.: Das war scheiße. Aber erst recht ein Grund, ordentlich was trinken zu gehen.

Pokalo.de: Dennoch, in zwei Wochen bist Du wieder hier?

L.K.: Ja. Natürlich!

Pokalo.de: Danke Lena Klüh, dass wir dich begleiten durften.

L.K.: Ja. Macht’s gut.

Das Handy klingelt. „Becher nicht vergessen. Als Erinnerung.“, ruft Lena Klüh uns hinterher. Komm Diego, sagen wir. „Rock Star“ von Nickelback läuft zum Abschied. Aus der Entfernung vernehmen wir noch: „Wo geht ihr hin?...Onkel Toms Hütte?“ Wir sind nicht gemeint. Ob sie gegangen ist, wissen wir nicht. Dortmund verliert. Schalke gewinnt. Wahrlich (k)ein Abend für eine Dortmunderin, feiern zu gehen.

 
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