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13.11.07 Hohlspiegel Autor: Tim Sohr
Für Zeitreisen sollte immer Zeit sein. Dachten wir uns in der pokalo-Redaktion auch, als uns eine „historische“ Ausgabe des „Fachmagazins“ „Bravo Sport“ in die Hände fiel, Nr. 15 vom 17. Juli 1998, Heftpreis 3,50 DM. Gespannt begannen wir zu blättern, schließlich wussten wir: „Bravo Sport“, das ist das einzige Printmedium in Deutschland, das Backstreet-Boys-Berichterstattung mit dem Stil des BILD-Sportteils verknüpft und zu einer einzigartigen journalistischen Melange verschmelzen lässt. Das Cover der ersten Ausgabe nach der Fußball-WM in Frankreich ziert Ronaldo mitsamt Vermerk „Superstar der WM ’98“. Fröhlich lächelnd trabt uns der brasilianische Superstürmer auf Seite 1 entgegen, den Zusammenbruch vor seinem desaströsen Finale gegen Frankreich offensichtlich gut verdaut … das selbe Motiv ist auch auf einem der beiden „Megaposter“ im Heft zu finden (Poster Nr. 2: Michael Schumacher im Ferrari).
Aber auch die anderen Schlagzeilen der Titelseite machen Lust auf mehr: „Höhepunkte, Analysen, Interviews“ zur WM werden angekündigt, dazu die „Superstars Michael Owen, Oliver Bierhoff, Patrick Kluivert“ (welch krude Mischung!) und ein Hauch von Vor-Ort-Observation: „Im Trainigslager von Dortmund, FC Bayern, Hertha BSC“.
Perlen sind schnell getaucht in diesem aufregenden Magazin: Auf Seite 4 wird Weltmeistermacher Zinedine Zidane gefeiert. Zunächst enthüllen die Bravo-Reporter exklusiv den heißesten Gossip direkt vom WM-Finalrasen: „Vergessen hingegen waren in diesem Augenblick die bitteren Niederlagen im Leben des Zinedine Zidane. Er war bereits in drei Endspielen gestanden – und hatte alle drei verloren (…). Jetzt als Weltmeister lief Zidane sofort zu dem Brasilianer Roberto Carlos und grinste: „Das war heute meine Rache …“.“
Doch während solche Anekdoten freilich noch ein gewisses Charme-Minimalmaß einhalten, wird es in der zweiten Hälfte des Artikels grenzwertig: Ein abartiger Statistikregen prasselt aus heiterem Himmel auf den Leser nieder, der in folgenden Erkenntnissen gipfelt: „Die meisten Zweikämpfe bestritt Laurent Blanc: von 73 Duellen gewann er 60 – eine Rekordquote von 82,19 Prozent. Lilian Thuram brachte es auf 75,70 Prozent und Marcel Desailly auf 72,11 Prozent.“ Aha.
Wir überblättern die Lobhudelei auf Ronaldo (Seite 6/7) und landen auf Seite 8 direkt bei der deutschen Mannschaft. Mit einer Träne im Knopfloch versucht die Redaktion hier, das 0:3-Viertelfinal-Aus gegen Kroatien zu verarbeiten. Kostproben gefällig:
„Tränen flossen allerdings nur bei einem – bei Christian Wörns, der in der 44. Minute vom Platz gestellt wurde. Der ehemalige Leverkusener, der in der neuen Saison für Paris St. Germain spielt (Verrückt! – Anm. der pokalo-Red.), hatte sich die zweite Halbzeit in der Kabine auf dem Bildschirm angesehen. Christian stand so unter Schock, dass er nicht mehr in der Lage war, sich auf die Ersatzbank zu setzen!“ Was uns in der pokalo-Redaktion nicht verblüfft, denn schließlich war er vorher auf dem Platz schon nicht in der Lage, Fußball zu spielen.
Aber genug der Zoten, weiter im Text: Interessant wird es dann wieder auf den Seiten 11 und 12, wo „Bravo Sport“ die Einzelkritik der deutschen Spieler vornimmt. Das Urteil über „Uns Wörns“ lautet hier doch tatsächlich: „Wörns, der tragische Held dieser WM. Bis zum Platzverweis der vielleicht beste Verteidiger des Turniers. Kompromisslos, pfeilschnell, taktisch klug. Prognose: Wörns gehört die Zukunft. Stammplatz!“ Wow.
Ähnlich auf den Punkt kommt die BS-Redaktion bei der Prognose für Jörg Heinrich (28): „Kann mehr, wird neue Chance erhalten.“ Beides falsch.
Dass sich allerdings auch die Vorhersage für den weiteren Verlauf von Lothar Matthäus’ DFB-Karriere („Nach 129 Länderspielen ist wohl Schluss“) als Trugschluss entpuppen sollte, ist den Kollegen wirklich nicht vorzuwerfen. Wer rechnet schon mit so was?
Mit Matthäus spielt das Blatt dann auch auf Seite 14 noch ein wenig Zukunftsmusik: Armin Grasmuck leitet das Interview mit dem Rekordnationalspieler nicht nur mit den Worten „Viele sehen in Lothar Matthäus schon den Bundestrainer im Jahr 2002“ ein, Matthäus äußert sich auch dahingehend: „Und Boris Becker wird Bundeskanzler! Nein, über diesen Job habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich wünsche mir für den deutschen Fußball, dass Berti Vogts noch mindestens bis zur WM 2002 in Japan und Südkorea Bundestrainer bleibt.“
Highlight des Gesprächs ist allerdings Grasmucks Frage „Stimmt es, dass Andreas Möller am liebsten heimgefahren wäre, weil ihn einige deutsche Spieler als „Heulsuse“ und „Weichei“ bezeichnet haben sollen?“ und Matthäus’ Antwort „Es fallen unter 22 Männern manchmal derbe Sprüche. Aber diese Ausdrücke habe ich nie gehört“.
Endgültig zu einem mahnenden Zeitdokument wird diese Ausgabe der „Bravo Sport“ dann auf Seite 16, wo man den Blick in die Zukunft der Nationalelf wagt („Wie geht’s weiter?“) und unter der Unter-Überschrift „Wo sind die jungen Talente?“ folgende Gipfelstürmer in spe auflistete: Lars Ricken, Carsten Jancker, Marco Reich, Jens Nowottny, Carsten Ramelow, Oliver Neuville und Michael Ballack – abgesehen von den Karrieren von Ballack und – mit Abstrichen – Neuville sollte keiner der genannten Spieler jemals bleibenden Eindruck im Nationaltrikot hinterlassen. Mehr braucht man über den damaligen Zustand des deutschen Fußballs nicht zu wissen.
Da wendet man sich doch lieber der nächsten Seite zu: Steffen Freunds WM-Kolumne „WM intim“ trägt die Überschrift „Der Abschied war bitter!“. Gut, dass Freund als WM-Tourist damals genug Zeit hatte, sein Augenmerk auf die zwischenmenschlichen Nuancen innerhalb des deutschen Teams zu richten: „Olaf Thon und Jens Lehmann erwiesen sich als Außenseiter. Während alle anderen Spieler auf dem Feld waren und sich gegenseitig trösteten, saßen die beiden auf der Ersatzbank und flachsten. Olaf grinste sogar …“
Oder: „Jürgen Kohler prophezeite nur: Heute gebe ich mir einen Vollrausch!“.
Kohler war allerdings nicht der Einzige: „Später war Alkohol gegen die Enttäuschung angesagt: Lothar Matthäus kippte mehrere Weißbiere, Olaf Thon bestellte Pils und Oliver Bierhoff zog sich mit mehreren Weinflaschen allein auf die Terrasse zurück.“
Spätestens jetzt ist man bedient von diesem Magazin. Nur noch in Trance nimmt man den Rest des Heftes wahr, in dem Stefan Effenberg – „Ich bin bereit!“ – aus dem Bayern-Trainingslager seine Rückkehr in die Nationalelf erwägt, der neue BVB Trainer Michael Skibbe porträtiert wird („Ein Greenhorn als Chef!“), und man Hertha BSC zur Verpflichtung des „neuen Zauberzwergs“ Dariusz Wosz (1,68 m) gratuliert. Sportjournalistische Qualität in beispielloser Reinkultur. Darauf muss man sich erstmal „einen Vollrausch geben“.
Wer das alles noch genauer unter die Lupe nehmen und das Heft Wort für Wort auf eigene Faust durchkämmen will, dem helfen wir gerne: Auf Seite 4 behauptet „Bravo Sport“, dass Zinedine Zidane mit Girondins Bordeaux im Jahre 1995 das UEFA-Cup-Finale gegen Bayern München verlor. Wenn ihr wisst, in welchem Jahr Zidane diese Schlappe tatsächlich einstecken musste, müsst ihr die richtige Antwort einfach nur an redaktion@pokalo.de tippen. Unter allen Teilnehmern verlosen wir dann die Grundlage zu diesem Artikel, die original „Bravo Sport“-Ausgabe vom 17. Juli 1998. Viel Glück!
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