19.12.06
"They don’t wait"
 
Autorin: Barbara Geier

Für die künftig auf pokalo.de erscheinende Rubrik "Gästeblock" schreibt Gastautorin Barbara Geier über Londoner Pressekonferenzen mit “Meikel Bälläck”,inbrünstiges Gegröle mit Jose Mourinho und Wetterstrapazen rund um den King’s Pavilion.

Er spricht zwar noch nicht viel Englisch. Etwas Wesentliches über das Leben in London hat Michael Ballack dennoch schon verstanden: Wer in dieser Stadt lebt, muss weite Wege zurücklegen, gekoppelt mit meist maximaler Planungsunsicherheit bezüglich des Zeitpunkts, wann man letztendlich an seinem Ziel angelangt.

Als er letzten Freitag bei der Pressekonferenz im Vorfeld des Derbys gegen Arsenal von einer deutschen Journalistin gefragt wird, ob er denn auch in Kontakt mit Jens Lehmann stehe und ihn hin und wieder treffe, gibt es daher auch nur eine Antwort: “Nein, und ausserdem ist das ja auch schwierig, allein wegen der Entfernung. Er lebt im Norden Londons, ich im Süden. Und das habe ich ja schon gemerkt, wenn ich mal in die Stadt rein will. Dauert mindestens eine Stunde. Oder auch zwei. Weiss man nie so genau.” Genau, weiss man nie so genau. Und warum sollte es dem Capitano auch anders gehen, als uns Normalo Londonern? Fussballmillionär hin oder her.

Garantiert muss “Meikel Bälläck”, wie ihn die Briten nennen, aber nicht durch den Schlamm schlurfen, wenn er zu den Chelsea Training Grounds in Cobham, einer kleinen Stadt Süden Londons, gelangen will. Anders ich, als ich mich für die Pressekonferenz auf den Weg dorthin mache. Die Bahnfahrt bis Cobham, eine gute halbe Stunde, verlief noch ohne Zwischenfälle. Das Trainingsgelände liegt direkt hinter dem Bahnhof, wo ein kleiner Pfad verläuft. Gemainsam mit einem BBC Radioreporter mache ich mich im Nieselregen auf den Weg. Erst gehen wir in die falsche Richtung und werden von einem Security Typen, der blaue Plastiktüten um die Schuhe trägt zurückgepfiffen. Eine Minute später beneide ich ihn um seine eigenwillige Schuhdeko. Denn der Weg wird richtig schön schlammig. Es regnet, hatte ich das schon erwähnt?

Der BBC Mann bleibt englisch-höflich: “Oh, dear.” Ich versinke mit meinen Lederschuhen im Schlamm und überlege, ob ich meine bis dato sauberen und jetzt schlammbespritzten Hosen zur Reinigung direkt an Jose Mourinho schicken soll. Wie auch immer, es bleibt trotz allem noch Zeit dem Reporter von der BBC auf die Sprünge zu helfen, als er wissen will, bei welchem Verein Ballack vor München gespielt hat und bei welchem davor und wer denn der grosse Rivale von Bayern München ist. Weiss ich natürlich alles: Leverkusen, Kaiserslautern und Bremen. Stimmt doch, oder?!

Nach zehn Minuten Fussmarsch kommen wir an unserem Ziel, dem King’s Pavilion an, einem leicht windschiefen Häuschen umgeben von diversen Fussballfeldern. Wie ich später erfahre, die Überreste einer Schule, die hier einst war. In dem Raum, in dem die Pressekonferenz stattfindet (und wo alle anwesenden Journalisten festes Schuhwerk anhaben; waren wohl schon öfters da), befindet sich neben einer Art Theke, hinter der ein freundlicher weisshaariger Herr steht und Tee und Kaffee ausschenkt, auch ein altes Klavier. Kann mir richtig gut vorstellen, wie hier früher die Kinder die Schulhymne geträllert haben. Wer weiss, vielleicht versammelt Mourinho hier auch heute noch seine Mannen und dann wird gemeinsam das Chelsea Lied gegrölt: “Blue is the colour” ….?

Wie auch immer, das Ganze strahlt eine gewisse typische britische Shabbiness und nonchanlante Verranztheit aus. Die Millionen werden eben in Spielern angelegt und nicht für irgendwelche Renovierungen verschwendet. Die Besuchertoilette (Ladies & Gentlemen zusammen) hat dementsprechend auch schon bessere Tage gesehen und erinnert spontan an alte Schulklos, die sich ja bekanntlich selten durch übertriebene Hygiene auszeichnen.

Ich gehe wiederum davon aus, dass die sanitären Anlagen für die Spieler etwas mehr up to date sind. Vielleicht sind die Duschen ja so heimelig, dass Michael Ballack glatt die Zeit vergessen hat, denn er taucht rund eine Stunde nach dem eigentlich angekündigten Beginn um 12 Uhr auf. Dann redet er freundlich und höflich und auf Deutsch, scheint aber das Meiste auf Englisch zu verstehen, da er seinen Übersetzer kaum um Hilfe fragen muss: Ja, er habe sich gut eingelebt. Sei ja auch einfach, da er jeden Tag mit den Jungs trainiere, viel unterwegs sei etc., was das anbelangt habe er es da auch einfacher als seine Familie. Und das Derby gegen Arsenal sei natürlich sehr wichtig, ein Unentschieden nicht genug und … Ach, naja, eben noch so Fussballzeugs, das würde jetzt zu weit führen. (Das Spiel gegen Arsenal geht dann ja doch Unentschieden aus und wird von der britischen Presse als das beste und spannendste Premier League Spiel seit – mindestens – Menschengedenken gepriesen.)

Für die Schreiberlinge von der Tagespresse gibt es dann zum Schluss noch mal zehn Minuten extra im Nebenraum, was sich als die ehemalige Bar entpuppt: Michael Ballack vorm Tresen und den Lagerzapfhähnen. So ist Fussball in England. Irgendwann sagt der Übersetzer dann, dass es genug sei, denn Michael müsse seine Kinder abholen. Und dann spricht der Kapitano mit einem entschuldigenden Lächeln seine einzigen englischen Worte des Tages: “They don’t wait.” Und da die Wege in London, siehe oben, so lang sind, muss er dann ganz schnell los, damit die Kinder nicht warten müssen.

 
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