05.01.07
Fans - eine vom Aussterben bedrohte Masse?
 
Autor: Henning Hildebrandt

U 75, Haltestelle Messe/LTU-Arena. Straßenbahnlinie 6, Haltestelle easy-credit-Stadion, U-Bahn-Linie 3, Haltestelle St. Pauli. Dichtes Gedränge im Wagon. Und wer nicht wippen will, der ist erst mal gar nichts. Auf jeden Fall ist er kein Fan. Denn der wippt. Trinkt Flaschenbier und läuft über das halbe Stadiongelände zum Eingang West, Süd-West oder wo auch immer der Fan-Block der Heimmannschaft zu finden ist. Jede zweite Woche steigt er in die Regionalexpresse, Fanbusse oder in die Mietwagen Deutschlands, nimmt mehrere Stunden Fahrt in Kauf, um seine Mannschaft auf der Reise durch das Land in die Städte und Dörfer zu begleiten. Fandasein eben.
Ist die Frage, ob Fans vom Aussterben bedroht sind, in Anbetracht stetig steigender Zuschauerzahlen überhaupt zulässig? Nein, das schließt einander aus. Oder doch, und gerade deswegen? Der Blick ins weite oder manchmal auch weniger weite Rund zeigt eines sehr deutlich: Fußball ist gesellschaftliches Großereignis, massenbegeisterndes Phänomen und werbeträchtige Medienplattform. Dies ist alles nicht neu. Volkssport eben. Doch ist Fan-Sein mehr als bloßes Aufstehen, Hinfahren und Zugucken. Anteilnahmsloses Dabeisein oder Vereinszugehörigkeit? In den VIP-Logen tummeln sich diejenigen, die Champagner nippen, im Pelz antreten und während des Spiels das Buffet aufsuchen. Auf der Gegengeraden wundert sich der dauernde Sitzplatzkarteninhaber über die Fluktuation auf den Nebenplätzen und vernimmt Gespräche wie diese, dass man bei „so einem Spiel“ doch dabei sein „muss“. Dabei sein müssen! „Dürfen“ wäre an dieser Steller wohl respektvoller. Ein Muss ist es nämlich vielmehr für diejenigen, die jedes Spiel sehen wollen. Und dies nicht aufgrund irgendeines gesellschaftlichen Zwanges aus Trend und Show, sondern des Spieles und vor allem des Vereines wegen, deren Zugehörigkeit er sich mit Herz über Erfolg und Leid hart erarbeitet hat. „Wir (?) haben zwar verloren, aber das drum herum war toll.“ Ein Satz, der wie ein Schlag in die Gesichter jedes einzelnen des „Wirs“ trifft. Das „Wir“ sind nicht „Sie“ und das Spektakel interessiert schon einmal überhaupt nicht. Doch dieses Klientel bestimmt immer mehr die Gruppe der Stadionbesucher. Herzlich willkommen sind natürlich auch solche Menschen - Eltern mit ihren Kindern, Männer sowie Frauen, die einfach mal ein Spiel sehen wollen - doch sollte der Fußball immer noch bestimmender Protagonist und der Fan sein Adressat sein. Eine WM, bei der der Fan mangels Losglück vor den Toren verharren muss, und ein Saisoneröffnungsspiel, das mit Raemon-Gesangeskunst zu glänzen versucht, lassen an der Integrität der Sportpolitik zweifeln. 15 Euro für einen Stehplatz in einem Regionalliga-Spiel wirken dabei ähnlich mehr profit-, denn Fan-orientiert.
In der Kurve schallen die Gesänge, es trommelt, es trötet und die Fahnen werden geschwungen. „Ach, und jetzt singen die wieder so schön.“, mag man es kaum hören. Die Identifikation fällt schwer bei soviel unsentimentaler Gleichgültigkeit. Marcel Reif, Fußballkommentator und wohl als solcher ehemaliges Mitglied der Geldmaschine Champions League, benannte mal, dass er so ein Gefühl habe, dass man sich solche Leute aus den Fankurven inzwischen halte, dass man sie brauche, um ein gewisses Kolorit nicht zu verlieren, dass diese es aber merken, nicht mehr der Mittelpunkt zu seien. Und völlig Unrecht hat er damit wohl nicht.
Vom Aussterben bedroht? Nein, nur tatsächlich nicht mehr die Hauptzielgruppe kommerzorientierter Stadienbetreiber, und nicht mehr alleiniger Identitätsträger des Vereins. Unorganisierte und auch organisierte Fans wird es immer geben. Nur sollte Nani Ballisrtrino mit seiner Textpassage in „Il Furiosi – Die Wütenden“ nicht in Zukunft bloße Vergangenheit beschreiben, wenn er schreibt: „Die wenigen Male, wenn die Zeitungen Gutes über uns berichten, schreiben sie, dass wir der zwölfte Mann sind, wegen der Unterstützung, die wir der Mannschaft geben, aber in Wirklichkeit sind wir der Milan. Wer den Rhythmus aufhält sind wir, nicht die Spieler.“ Er spricht dabei von der Brigate rossonere Milan, der Roten Brigade, den sogenannten Ultràs. Eine organisierte Form der Fans, die sich durch ihre Organisation von den anderen Fans unterscheidet und deren Unterstützung des Vereins bedingungslos, gar fanatisch ist. Aus dem Italien der 50er und 60er Jahre schwappte die Fankultur durch Europa und auch nach Deutschland. Im Grunde unpolitisch vereinsorientiert – Ausnahmen gibt es sowohl nach links als auch nach rechts – wird in der Öffentlichkeit zumeist unter Aussprache des Generalverdachts diese Fanszene in die der Hooligans polemisiert. Szenen wie solche, an denen die Ultràs mit übereifrigen und uninformierten Polizeieinheiten zusammenprallen wie jene in Hamburg-St. Pauli im November 2006, wo der friedliche Marsch zum Fanlager als Stürmung derselbigen missverstanden wurde, sind keine Seltenheit und Ausdruck einer latenten Unverhältnismäßigkeit behördlichen Handelns, angetrieben von Gewaltszenen der jüngeren Bundes- und Regionalligavorkommnisse. In München wird zum Fanprotest aufgerufen wegen vorschnell ausgesprochener Stadionverbote. Und dabei sind Beckstein und Stoiber dort doch seit jeher an der Tagesordnung, so dass konservative Politik eigentlich nicht mehr viel Protest hervorrufen dürfte und wenn doch, dann scheint der Wind des Sicherheitswahns mittlerweile auch die Vereine als Hausherren der Stadien ordentlich durchgeschüttelt zu haben.
Ob organisiert oder nicht, Fans haben einiges zu ertragen und dabei sollten die Vereinsbosse nicht vergessen, wer nach einem Abstieg oder einer Negativserie die Überrollfahne im Fanblock hochhält. Pelzträger oder Schönwetter-Besucher sind es jedenfalls nicht. Also, ab in die Kurve, Männer. Steht auf , wenn ihr Fans seid. Denn sitzen ist bekanntlich für’n Arsch.



 
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