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07.05.07 Die falschen Fans Autor: Tim Sohr
Es ist an der Zeit, eine Plage an den Pranger zu stellen, die schon seit langer Zeit mit stolz geschwellter Brust und aufgestelltem Kamm durch die Fankultur des Fußballs gockelt, einem Millieu, in dem sie eigentlich nichts zu suchen hat. Die Rede ist von „überregionalen“ Fans, sozusagen, Fans also, die eigentlich „fremd in ihrem Verein“ sind. Ein Beispiel: Mein Cousin Frank. Frank wohnt und arbeitet in Köln, er ist sogar – was am allerwichtigsten ist – in Köln geboren. Frank ist Fan. Allerdings nicht vom FC, auch nicht von Fortuna Köln, oder wenigstens von irgendeinem Stadtteilverein, nein, Frank ist seit einigen Jahren selbst ernannter Anhänger des VfB Stuttgart. Und immer, wenn ich ihn treffe – was, zum Glück, nicht allzu häufig der Fall ist – will er mit mir über Fußball reden, und über Fußball reden heißt für ihn: Über den VfB reden. Unablässig prasselt sein Sermon dann auf mich ein, er müllt mich voll mit aktuellen Wechselgerichten, Einzelkritiken der Spieler oder der aktuellen Tabellensituation. Und alles, was in der Fußballwelt sonst noch aktuell und von (meist natürlich weitaus größerer) Relevanz ist, vergleicht er dann zu allem Überfluss auch noch mit „seinem“ Verein. So kann es durchaus passieren, dass er Cacau auf eine Stufe mit Didier Drogba stellt, oder dass er bei der WM 2002 ob des genialen brasilianischen Trios Rivaldo-Ronaldo-Ronaldinho immer wieder wehmütig an das „magische Dreieck“ Balakov-Bobic-Elber zurückdenken musste. Ja, und einmal sogar, vor einigen Jahren, behauptete er, dass Aleksandar Hleb ein begnadeterer Fußballer als Zinedine Zidane sei. Gegen eine solche Leidenschaft und Hingabe ist natürlich grundsätzlich nichts einzuwenden, im Gegenteil, sie ist ehrenhaft. Das Problem ist jedoch das bereits Erwähnte: Frank ist kein Stuttgarter, er hat überhaupt keinen direkten Bezug zur Stadt oder zum Verein, er hat einst einfach nur aus einer pubertären Laune heraus beschlossen, Fan des VfB zu werden.
Und ebenjener Virus der willkürlich verschenkten Vereinszugehörigkeit verbreitet sich – in Zeiten, in denen sich Hinz und Kunz zum Champions-League-Viertelfinale im Biergarten treffen, um sich beim Anstoß zu fragen, welche Funktion eigentlich der Anstoßkreis in der Spielmitte hat – wie eine Epidemie. Denn Fußball ist ja nun mal inzwischen en vogue, der Massensport für die „cool people“, ausgerichtet auf eine Zielgruppe, die dafür verantwortlich ist, dass – vom Bökelberg bis zur Anfield Road – alle legendären Spielstätten in diesen Tagen und Jahren nach und nach einer anonymen Multifunktionsarena weichen müssen. Diese Leute scheren sich nicht um Traditionen und Geschichte des Fußballsports, sie wollen feiern oder trauern, ausschließlich um sich selbst darzustellen, und ganz bestimmt nicht, weil ihr Herz an ihrem Wahl-Verein hängt, denn sein Herz verliert man schnell auf dem Sprung von Trittbrett zu Trittbrett. Und nichts anderes tun diese Spastis ja, die allesamt genauso gut in Berlin-Mitte oder –Friedrichshain wohnen könnten, um dort ihre abgewetzten Lederjacken spazieren zu tragen und Billy Talent für Punkrock zu halten.
Man kann auch als Nicht-Bremer große Sympathien für den SV Werder hegen, keine Frage. Man kann sich auch als Norddeutscher für den FC Bayern und seine Erfolge freuen. Aber nicht als „Fan“ dieser Vereine im eng gefassten Sinn, denn es gehört nun einmal mehr dazu, als die bloße Behauptung aufzustellen: Ich bin ein Fan vom TuS Unterammergau-Nord. Denn um Fan des TuS Unterammergau-Nord zu sein, sollte man im besten Fall in Unterammergau-Nord geboren sein, im schlechtesten Fall zumindest schon einige Zeit dort wohnen. Die Vereinstreue sollte verbrieft zurückreichen bis in das Alter, in dem man sich noch nicht für Mädels interessierte und sich stattdessen täglich im Dunstkreis des Unterammergauerer Vereinsheim aufhielt. Und der Besitz einer Dauerkarte des TuS, regelmäßige Besuche der Auswärtsspiele und eine wasserdichte – statistische wie emotionale – Vertrautheit mit der Historie des Vereins sind hier ohnehin selbstverständliche Voraussetzung.
Sind diese Bedingungen beim so genannten „Fan“ nicht gegeben, wird die Sache lächerlich. Weil unglaubwürdig. Man sucht sich seinen Verein nicht einfach aus, wie man sich vielleicht eine Rockband aussucht, die gerade ein hervorragendes Album auf den Markt gebracht hat. Man wird in ein solches Umfeld reingeboren, man saugt es mit der Muttermilch auf, oder man lebt sich von frühester Kindheit an in die Sphären dieses einen Vereins hinein, der sich direkt vor der eigenen Haustür befindet.
Alles andere ist eine seltsame Form des Mitläufertums. Frank, zum Beispiel, hat ein VfB-Trikot, kann das Stuttgarter Auf und Ab der letzten Jahre recht lückenlos herunterbeten, und er ist sogar manchmal ein paar Minuten lang angepisst, wenn der VfB seine, also Franks, hohe Erwartungen einmal mehr nicht zur vollsten Zufriedenheit erfüllt hat. In dieser Saison hat er aber natürlich verhältnismäßig viel zu lachen, und wenn es Grund zur Stuttgarter Freude gibt, dann macht er dabei aber auch mit, als sei er Manager und Präsident in Personalunion, mit anderen Worten, als hänge beinahe seine Existenz daran. Zumindest für ein paar Minuten. Frank war sogar schon einmal im Gottlieb-Daimler-Stadion. Auf einem Herbert-Grönemeyer-Konzert.
Die falschen Fans gab es sicherlich schon immer, keine Frage, sie sind kein völlig neuartiges Phänomen, denn sonst hätte der FC Schalke 04 ja auch nicht viel mehr Mitglieder als Gelsenkirchen Einwohner hat. Dennoch scheinen sie inzwischen überall zu lauern. Und sie scheinen nicht zu wissen, dass es früher in den meisten Stadien noch Stehplätze oder gar komplette Stehplatztribünen gab.
So wird mir wohl auch in Zukunft so manch überflüssige Begegnung nicht erspart bleiben. Wie jene im letzten Jahr, als ich auf dem „Southside“-Festival diesen Typen mit dem „Weltpokalsiegerbesieger“-T-Shirt traf. Ich fragte ihn, ob er schon lange ein St.Pauli-Fan sei. Er antwortete sinngemäß so etwas wie: „Seit ich denken kann“.
Im folgenden Gespräch offenbarte er dann, aus Nürnberg zu kommen, noch nie am Millerntor gewesen zu sein und auch nicht genau zu wissen, ob St.Pauli gerade in der Regional- oder in der Oberliga kicke. Als er daraufhin meine stetig wachsende Skepsis ihm und seinem Fandasein gegenüber bemerkte, sagte er schließlich: „Aber ich hab mir in letzter Zeit sowieso schon öfter überlegt, aufzuhören. Ob es nicht ein bisschen proletenhaft ist, sich überhaupt für Fußball zu interessieren…“
Meine Gesichtszüge entgleisten mir jetzt endgültig, doch das bemerkte der Trottel nicht.
„…nein, wirklich“, fuhr er fort, „ also ich glaube nicht, dass das so gut ankommt, wenn man sagt, dass man Fußballfan ist. Also bei den Mädels. Und überhaupt. Weißt du, was ich meine?“
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