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06.04.07 Ein sattes Torkrokodil Autor: Tim Sohr
Natürlich ist das nicht lustig. Es entbehrt sogar nicht einer gewissen Tragik.Und doch kann man sich ein Schmunzeln kaum verkneifen, blickt man einmal nüchtern zurück auf die – ja, man merkt es ja seit Jahren kaum mehr – tatsächlich noch andauernde Karriere des Sean William Dundee. Eben jener Sean Dundee, der im Herbst 1995 in den Bundesligazirkus hineinexplodierte, um zweieinhalb Jahre später mit gleichsam gewaltiger Implosion, welche sich nun bereits seit einem Jahrzehnt fortsetzt, in eine – in der neueren deutschen Fußballgeschichte seinesgleichen suchende – Abwärtsspirale zu geraten.
Von Durban über Ditzingen nach Karlsruhe
Geboren am 7. Dezember 1972 in Durban, Südafrika, wechselte Dundee als Neunzehnjähriger in den deutschen Profifußball zum damaligen Zweitligisten Stuttgarter Kickers, wo er bis zu seinem Wechsel zum TSF Ditzingen 1994 Erfahrungen sammelte und vor allen Dingen Lehrgeld zahlte. In Ditzingen schließlich wurde der Karlsruher SC auf das viel versprechende Jungtalent aufmerksam und verpflichtete ihn zur Saison 1995/96. Nachdem ihn Trainer Winfried Schäfer behutsam in den harten Bundesligaalltag einführen wollte und ihn in den ersten acht Spielen sieben Mal für Kurzeinsätze einwechselte, folgte Dundees Durchbruch am 14. Oktober 1995, 9.Spieltag, im Heimspiel des KSC gegen Uerdingen. Zur Halbzeit eingewechselt sorgte Dundee mit seinen beiden Treffern innerhalb von zehn Minuten für den 2:0-Sieg seines Teams. Auch in den drei darauf folgenden Spielen traf Dundee, und erkämpfte sich so nicht nur einen Platz in der ersten Elf, sondern auch schnell den wenig originellen Spitznamen „Crocodile“, oder, leicht abgeleitet, „das Torkrokodil“. Dundees Ankunft in der Liga schlug hohe Wellen, erst der Durchbruch des Lukas Podolski knapp zehn Jahre später sollte wieder eine ähnlich starke Strahlkraft entwickeln. Und zu Beginn seiner Karriere wies Dundee durchaus ähnliche Qualitäten wie der heutige Nationalstürmer des FC Bayern auf: Er war antrittsstark, blitzschnell in seiner Reaktion, kühl im Abschluss und vor allen Dingen: unbekümmert. Daher beflügelten ihn die frühen, heftigen Lobeshymnen eher, als dass sie ihn lähmten. Mit 16 Ligatoren schoss er die Karlsruher am Ende der Saison auf einen mehr als respektablen Platz 7. Auch das DFB-Pokalfinale erreichten die Badener in jener Saison – und verloren es nur unglücklich mit 0:1 gegen den 1.FC Kaiserslautern.
Ein unrühmlicher Abschied
Nun stellte sich die Frage, ob er sich auch langfristig in der Liga etablieren können würde. Mit 17 Toren in der folgenden Saison ließ er die letzten Zweifler verstummen, Karlsruhe wurde gar Sechster, und aus Angst, das Ausnahmetalent an die südafrikanische Landesauswahl zu verlieren, wurde Dundee auf Initiative eines euphorischen Berti Vogts im Eiltempo eingebürgert. Schließlich rückte die WM in Frankreich schon in greifbare Nähe und Dundees jugendlicher Ungestüm sollte den alten Recken im deutschen Sturm – Klinsmann, Bierhoff und Kirsten – ein gerüttelt Maß an Feuer unterm Hintern bereiten. So zumindest hatte sich der Nationaltrainer aus Korschenbroich vorgestellt. Doch es sollte ganz anders kommen. Nachdem Dundee bereits durch einige Frauengeschichten negativ ins Visier der Boulevardpresse geraten war, suchten ihn fortan auch (teilweise mysteriöse) Verletzungen heim, die einen unfassbaren Formabstieg beim Neu-Deutschen beschleunigten. In der Saison 1997/98 absolvierte Dundee zwar 24 Spiele für den KSC, traf aber nur noch drei Mal. Zudem sorgte er mit öffentlich bekundeten Wechselabsichten ständig für Aufsehen und zog so den Zorn der Fans auf sich. Mit öffentlicher Kritik an Präsident Schmider, in der er vehement seine Freigabe forderte, verbaute sich Dundee schließlich jede Zukunft beim Klub, was er aber vielleicht sogar beabsichtigte. Ganz nebenbei kreierte der unrühmlich abhebende Jungstar in jenen unruhigen Zeiten auch eines der meistzitierten Fußballbonmots überhaupt, als er in einem wenig erfolgversprechenden Versuch, die Wogen zu glätten, konstatierte: „Ich bleibe auf jeden Fall wahrscheinlich beim KSC.“
Das englische Fiasko
Sein Weg führte ihn zum FC Liverpool, ein Wechsel, welchen als Irrtum zu bezeichnen eine kühne Untertreibung wäre. Dundee sollte in seiner einzigen Saison an der Anfield Road, ständig verletzt, ganze drei Premier League-Spiele als Einwechselspieler bestreiten und am Ende bestritten beide Liverpooler Trainer, sowohl Roy Evans als auch Gerard Houllier, die Einwilligung zu diesem 2-Millionen-Pfund-Transfer gegeben zu haben, der bis heute als größter Fehleinkauf in der Geschichte des ruhmreichen FC Liverpool gehandelt wird – auch eine Ehre. Der VfB Stuttgart hatte ein Einsehen, beendete Dundees peinlichen Kurzaufenthalt in der großen, weiten Fußballwelt und holte den Stürmer zurück nach Baden-Würtemberg. In der Nationalelf, obwohl sie in jener Zeit an der Grenze zumutbarer Leistungen angelangt war, wurde Dundee inzwischen auch nicht mehr gehandelt. Der so hastig Eingebürgerte bestritt kein einziges Länderspiel mit dem Adler auf der Brust, es stehen nur eine Nominierung (ohne Einwechslung) und ein Einsatz für das obskure B-Team für ihn zu Buche. Als Dundee schließlich in die Bundesliga zurückkehrte, war der sinkende Stern schon längst nicht mehr aufzuhalten. In seinen vier Jahren beim VfB Stuttgart verkörperte er nur noch solides Mittelmaß (nur seine erste Saison mit acht Toren und drei Vorlagen stellte das Umfeld wirklich zufrieden), und nachdem ihn in der Saison 2002/03 die jungen Wilden respektive Kevin Kuranyi endgültig aus der Stammmannschaft verdrängt hatten, zog es den gestrauchelten Ex-Star nach Österreich zu Austria Wien, wo er 2003/04 in 18 Spielen ohn Torerfolg blieb.
Neuer Wind an alter Wirkungsstätte
Nach nur einer Saison kehrte er zurück an den Ort, wo einst alles begann, nach Karlsruhe. Doch die Bedingungen waren andere als zehn Jahre zuvor. Dundee wirkte zunehmend unmotivierter und nicht einmal mehr wirklich fähig, den Konkurrenzkampf gegen Stürmerkollegen wie Giovanni Frederico oder Edmond Kallani aufzunehmen. Folgerichtig teilte Trainer Edmund Becker ihm im Mai 2006 mit, dass sein Vertrag nicht verlängert werden würde. Dundee, der fest mit einer Verlängerung gerechnet hatte, zeigte sich tief enttäuscht, kokettierte aber, wie es schon immer seine Art war, mit „mehreren Angeboten“ aus der zweiten Liga. Dennoch wird auch er sich bewusst gewesen sein, am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen zu sein, mit einem Talent, dass er irgendwo auf seinem Weg verschwendet hatte. Seine Wahlheimat empfing die Fußballelite der Welt und feierte sich selbst, während der einstige Hoffnungsträger der Nation (und war es auch nur für Warhol’sche „fünfzehn Minuten“) erhielt von seinem Heimatverein in Deutschland den Laufpass – im zwar reifen, aber durchaus noch höchstleistungsfähigen Fußballalter von 33 Jahren. Er nahm zur laufenden Saison schließlich eines seiner „mehreren“ Angebote und absolvierte so die Hinrunde 2006/07 bei Kickers Offenbach. Doch Trainer Wolfgang Frank zeigte sich konstant unzufrieden mit Dundees Fitness, so dass das inzwischen reichlich satte und träge Torkrokodil zwar 14 Einsätze auf der Habenseite verbuchen konnte, davon aber zwölf Mal nur eingewechselt wurde. In der Winterpause gab der OFC den gescheiterten Stürmer schließlich auf Leihbasis an den Regionalligisten Stuttgarter Kickers ab. Womit sich für Sean Dundee ein trauriger Kreis schließt. Nur ganz am Anfang seiner Karriere schien es, als könnte Dundee die Vorschußlorbeeren und an ihn geknüpften Erwartungen einlösen. Ein Trugschluss. Er sollte nie flächendeckend dazu in der Lage sein. Und so kann man Dundee nur als Musterbeispiel für den vielleicht ersten hochgejubelten Jungstar im Zeitalter der medialen Überhöhung sehen. Ein Status, dem er nie gerecht wurde. Dundee wurde in rasantem Tempo in den Himmel gelobt, nur um ganz langsam, schier endlos dem Boden entgegenzusteuern. Wo er inzwischen endgültig angekommen zu sein scheint. Nach ihm wurde übrigens nur noch ein einziger Spieler im erwachsenen Profialter zwecks Nationalmannschaftskarriere eingedeutscht. Ebenfalls ein Stürmer. Und das zweite und wahrscheinlich letzte Beispiel zur Sicherstellung, dass diese Taktik der Verstärkung nicht greift. Sein Name: Paulo Rink.
Auch das ist nicht lustig.
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