07.05.07
The Others – vergessene Welt- und Europameister
 
Autor: Henning Hildebrandt

Fragt man nach den Spielern der Fast-Weltmeister-Mannschaft 2006, so wird vermutlich jeder Siebenjährige die Mannschaft von A-Z herunterbeten können. Omnipräsent waren alle Akteure dieses Sommermärchens im vergangenen Sommer. Dazu ein Film, eine aufzählende Lobhudelei in „Gesanges“-Format und Porträt über Porträt über alles und jeden. Fragt man nach den Spielern der WM-Mannschaft 2002 kommen Namen wie Ballack, Kahn, Metzelder und auch Schneider wie aus der Pistole geschossen. Stolpern werden aber schon viele über den Namen Lars Ricken. Der war auch dabei, hat aber nie gespielt. Und fragt man weiter, nach den Namen der vergangenen Europa- und Weltmeisterkader, so lauten die Antworten wahrscheinlich: 1954 – Rahn, Turek, Walter, 1972 – „Katsche“ Schwarzenbeck, Netzer, Grabowski, 1974 – Maier, Beckenbauer, Müller, 1980 – Schumacher, Schuster, Rummenigge, 1990 – Kohler, Matthäus, Völler und 1996 – Sammer, Klinsmann und Bierhoff. Aber die Kader der Meistermannschaften bestehen im Schnitt aus knapp 22 Spielern. Hut ab vor jedem, der alle 127 kennt. Wer also sind die vergessenen Meister-“Macher“? Wer sind diejenigen, die im Schatten der Protagonisten standen, deren Vita mit den gleichen Nationalmannschafts-Erfolgen geschmückt sind, die jedoch nicht ein einziges Mal eingesetzt wurden, dennoch den Pokal stemmten, und die wenigsten in die Riege der Gewinner zählen? Und was machen sie heute? Während die Kapitäne, Torschützenkönige, Abwehrikonen oder Mittelfeldstrategen – die Garanten der Erfolge – von Funktionärstätigkeiten über Trainerposten zu Fernsehexpertenjobs rotieren und auch heute noch so präsent sind wie damals auf Platz, sind die Vergessenen zumeist fern ab steter Medienpräsenz. Zeit für Erinnerungen. Zeit für die Anderen.

Weltmeister 1954 ist… auch:
Ulrich Biesinger. Damals Mittelstürmer vom Ballspiel-Club Augsburg in der Oberliga Süd, wurde im historischen WM-Erfolg 1954 jedoch kein einziges Mal von Trainer Sepp Herberger eingesetzt, spielte Zeit seiner Nationalmannschafts-Karriere von 1954 und 1959 achtmal für die A-Elf und debütierte erst nach dem Wunder von Bern in einem Freundschaftsspiel gegen Belgien an der Seite von Rahn und Morlok. Bei der WM 1958 wurde er gar nicht erst berücksichtigt und darf sich somit als Weltmeister schimpfen ohne je eine Minute während einer WM gespielt zu haben. Nach seiner aktiven Karriere mit 149 Toren in 265 Oberliga-Süd Spielen (Platz drei der ewigen Torschützenliste) – zu einem Einsatz in der 1963 etablierten Bundesliga kam er nicht – war der gelernte Mechaniker Trainer einzelner Amateurvereine und verdiente seinen Lebensunterhalt als Expediteur.

Europameister 1972:
Einsatzlos und dennoch Titelträger ist Johannes, besser bekannt als Hannes oder Hennes, Löhr. Wahrlich kein Unbekannter. Und sicher nicht vergesssen. Aber Europameister? Ja. Auch. Doch Helmut Schön vertraute dem Stürmer vom 1. FC Köln keine einzige Sekunde während des Turniers in Belgien. Der in Köln verehrte Spieler absolvierte 20 Länderspiele seit 1967 und schoss fünf Tore. In der Liga lief es besser: Denn mit 381 Einsätzen – alle für den FC –166 Toren und damit als ewiger Rekordhalter des Vereins wurde er Deutscher Meister, Pokalsieger und 1968 Torschützenkönig der Bundesliga. Löhr steht somit als Symbolfigur des Kölner Fußballs dieser Zeit. Nach seiner Zeit wurde er Trainer in Köln von 1983 bis 1986 und wechselte danach zum DFB, trainierte lange Zeit die U-21 Mannschaften und erzielte seinen größten Erfolg als Trainer 1988 mit dem Olympia-Sieg 1988 in Seoul.

Weltmeister 1974… and the winner are:
Helmut Kremers (FC Schalke 04) und Jupp Kapellmann (FC Bayern München). Beide saßen beim legendären Erfolg der Deutschen im eigenen Land zwar im Bus mit den ganz Großen wie dem „Kaiser“ und dem „Bomber der Nation“, doch als einzige Feldspieler auch immer neben Helmut Schön auf der Ersatzbank. Ersterer gehört mit seinem Bruder Erwin zur Schalker Prominenz, spielte 273 Mal für Mönchengladbach, Offenbach und Schalke in der Bundesliga, ist zweimaliger DFB-Pokal-Gewinner und erzielte als Defensivakteur unglaubliche 50 Tore in Deutschlands Eliteliga. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder schaffte es Helmut Kremers 1974 in die Hitparade und in die Charts mit ihrem Hit „Das Mädchen meiner Träume“.
Jupp Kapellmann ist wohl nur einigen Fußballfans noch ein Begriff. Fünf Einsätze in der A-Elf gelangen dem Mann, der im Vereinsfußball fast alles gewonnen hat. Landesmeisterpokale, Deutsche Meisterschaft und Weltpokalsieger mit Bayern München. Während der WM saß der „Streber“ immer vor seinen Büchern, wenn Hoeneß, Maier und Co mit Karten um Geld kloppten. Der etwas andere Jupp Kapellmann ist heute Doktor und als Orthopäde in Rosenheim im Einsatz. Anscheinend nicht die schlechteste Idee, statt nur Karten zum Blatt zu formen auch mal ein Buch zur Hand zu nehmen. Respekt, Herr Dr.

Fortsetzung: 1980, 1990, 1996



 
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