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05.01.07 Die Leiden des jungen Deisler Autor: Henning Hildebrandt
Für die einen: Basti Fantasti. Für die gleichen: Deutschlands größtes Talent. Für die anderen: Dauerpatient. Und für die Unwissenden: Ein Weichei. Sebastian Deisler ist Protagonist einer fußballerischen Lebens- und Leidensgeschichte, die ihresgleichen sucht. Und doch ist sie nicht ganz neu:
Was ich von der Geschichte des Deisler nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, dass ihr es mir dankend werdet. Ihr könnt seinem (Spiel-)Geiste und seinem Charakter eure Bewunderung, seinem Schicksal eure Tränen nicht versagen.
Den Spitznamen wollte er selbst nicht, versuchte verzweifelt gegen den fremdgelenkten Berliner Image-Aufbau anzutreten und sah sich diesem dann doch hoffnungslos gegenüber. Als Deutschlands größtes Talent galt Sebastian Deisler bereits nach seinem ersten Bundesliga-Tor am 24. Spieltag in der Saison 1998/99 als er ein 60-Meter-Solo sensationell abschloss. Es war sein elftes Spiel bei den Profis in Mönchengladbach. Vier Spiele bei der deutschen U21, hoch zu den Profis und dann zur Nationalmannschaft im Februar 2000. Betrachtet man die Zeitspanne, in der der Mittelfeldspieler zu Deutschlands Hoffnung Nr. 1 statuiert wurde, ist der Medien-Superlativ rasch verständlich: zunächst 1998 das deutsche WM-Aus im Viertelfinale, danach ein Nationaltrainer namens Erich Ribbeck und Talente wie Zoltan Sebescen. Da konnte der Strohhalm noch so dünn und der Spieler noch so jung sein. Deisler war in einer vollends talentfreien Zeit nun mal der Einzige, der einen Schimmer ins Dunkle zu bringen vermochte. Technisch versiert, den feinen Pass spielend und dazu eine Schussfähigkeit, die sowohl bei Freistößen als auch bei Flanken Gefahr versprach. Daher war er es auch, das Talent, nach dem alle suchten. Sein damaliger Vereinstrainer Friedel Rausch sagte, dass Deisler „einmal im selben Atemzug wie Walter, Seeler und Beckenbauer genannt werde“ – schwierig als Ausdruck behutsamen Talent-Aufbaus zu werten, berücksichtigt man, dass er bereits zu Beginn seiner Profi-Karriere das erste Mal aufgrund eines Kreuzbandrisses im rechten Knie operiert werden musste.
1999 sicherte sich Hertha BSC Berlin seine Dienste. Im Dezember des Jahres dann erneut: Kreuzbandriss und Meniskusschaden im rechten Knie. Im März 2000 folgte eine Leistenoperation. Dennoch kam er in zwei Spielzeiten auf 45 Einsätze, als Leistungsträger, auch in der Championsleague, und war doch nicht rundum glücklich in der Hauptstadt. Rückblickend würde er den Wechsel dorthin nicht wiederholen, sondern sich sofort nach München begeben, denn das Los als 19-Jähriger alleiniger Star auf dem Platz und vor allem außerhalb dessen zu sein, sei nicht die einfachste Situation gewesen. Da sei München doch die ruhigere Umgebung.
Die Bayern sollten dann später sein Arbeitgeber werden. Früh in der Saison 01/02 wurde der Wechsel der Öffentlichkeit kundgetan, so dass der Rest der Saison eine erste echte Leidenszeit wurde. Fünfmonatige Pause nach einem Kapselriss, wieder einmal, das lädierten rechte Knie, Tribünenplatz und nachtragende Berliner-Fans als Sitznachbarn. Nach erfolgreicher Rehabilitation und wachsender Zuversicht, die WM 2002 spielen zu können, kam es in der Leverkusener BayArena zum allgemeinen Luftanhalten. Circa fünfminütige Stille begleitete Deisler nach einem Zusammenstoß mit dem Gegner. Knorpelschaden, rechts. Erneut. Ein letztes Testspiel gegen Österreich beendete jede Hoffnung auf die WM-Teilnahme. Leid und Mitleid allenthalben.
Es ist Nacht! – ich bin allein, verloren auf dem stürmischen Hügel. Der Wind saust im Gebirge. Der Strom heult den Felsen hinab. Keine Hütte schützt mich vor dem Regen. Mich Verlassne auf dem stürmischen Hügel. (Goethe, Die Leiden des jungen Werther, S. 134)
Es folgte die Zuschauerrolle bei der WM in Japan und Korea. Im September 2002 der nächste Schock: In einer Kontroll-OP wurde der Schaden als noch schlimmer als befürchtet diagnostiziert. Die Sehne an der Kniescheibe wurde versetzt. Für Fachleute ein Alarmsignal und der Verweis auf den Fall Steffi Graf - sie musste ihre Karriere beenden. Ob er denn je wiederkommen würde? Karriereende mit 22?
Das Fehlen Deislers zur Hinrunde der Saison 02/03 bei den Bayern sollte nach Ansicht der Vereinsführung der DFB finanziell kompensieren. Begründet wurde dies damit, dass sich Deisler letztlich während eines Länderspiels verletzt habe, zu einem Zeitpunkt, an dem der Spieler wegen des Wechsels nicht mehr versichert war und die Bayern trotz Gehaltszahlung keine sportliche Gegenleistung erhielten. Im Ergebnis zahlte der DFB eine einmalige Summe an den Verein und Deislers Weg führte einmal mehr zur Reha, die er, wie später sagte, wie in Trance erlebt habe. Erst im Februar 2003 konnte er bei den Bayern eingesetzt werden. Es folgte eine Weites gehend leidensfreie Zeit, die jedoch Ende 2003 nach elf Bundesligaeinsätzen und einem Muskelfaserriss darin uferte, dass Deisler öffentlich bekannte, unter Depressionen zu leiden. Der Profi-Fußball wurde an den Pranger gestellt und der stete Erfolgsdruck und der Wirbel um die früh als solche stilisierte Kunstfigur Basti Fantasti als Schuldige ausgewiesen. Deisler selbst benannte die Verletzungen, den Medienrummel in Berlin und die verpasste WM als Auslöser. Und verdenken kann ihm diesen seelischen Einbruch nach allen physischen und psychischen Niederschlägen nicht.
Ich knirsche mit den Zähnen! Teufel! er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid [...]schuld daran, die ihr mich sporntet und triebt und quältet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht in meinem Sinne war. Nun hab ich's! nun habt ihr's! (Goethe, Die Leiden des jungen Werther, S. 81)
In der Rückrunde spielte der Deisler in der zweiten Mannschaft des FC Bayern und zur EM 2004 wurde ernsthaft erwogen, ihn wegen unterirdischen Vorbereitungsspielen des DFB-Teams als erneuten Hoffnungsträger einzuladen. Dies blieb jedoch aus. Deutschland blamierte sich in Portugal und Rudi Völler trat sein Amt ab. Sein zweites erstes Länderspiel folgte unter Klinsmann gegen Brasilien in Berlin. Ausgerechnet Berlin, hieß es damals. Für die Bayern-Verantwortlichen zu früh, für den DFB ein richtiges Signal an den Spieler, dass man an ihn glaube. Für Deisler, mit guten Leistungen in der ersten Mannschaft Münchens etabliert, noch nicht ganz das Ende seelischen Leidens. Nochmalige psychologische Behandlung Ende 2004. Und so mancher fühlte sich berufen, nachzutreten, ihn als Weichei oder fußballerischen "T3", des (Fußball-)Dienstes untauglich, zu beschimpfen. Dieselben, die noch vor sechs Jahren "Basti Fantasti" riefen, die gleichen, die ihn als Fußball-Helden beschwuren. Eben jene, die vergessen, dass Kreuzbandrisse schon bei ganz anderen gar das sportliche Todesurteil gesprochen haben. Nach kurzer Abstinenz kam Deisler mit mittelmäßigen Leistungen in der Liga, der Teilnahme am Confed-Cup 2005 und der Zuversicht, mit der Vergangenheit im Reinen zu sein zurück. Im März 2006 verriet er dem Magazin „11Freunde“, dass er sich jeden Tag freue, auf den Platz zu gehen, seine Schuhe anzuziehen, den Geruch des frisch gemähten Rasens zu riechen, den Ball zu fühlen. Eine Woche später, am 14. März 2006 zog er sich dann die nächste schwere Verletzung zu. Knorpelschaden. Natürlich im rechten Knie. Und das Ende des WM-Traumes mit einem Finale im Berliner Olympiastadion. Wieder kein Großereignis für das Ausnahmetalent. Das werther‘sche Fußball-Aus wurde es dennoch nicht. Emotionale Rückkehr für 15 Sekunden gegen Stuttgart. Und die gesamte Mannschaft des FC Bayern umarmte den am 2:1 Sieg völlig unbeteiligten Spieler, wohl wissend, dass er der wohl leidensfähigste unter ihnen ist. Eine herausragende Leistung dann im nächsten Spiel gegen den HSV mit zwei Torvorlagen und schon riefen sie wieder - alle: Basti Fantasti! Das Talent ist zurück. Nur wie lange? Hoffentlich für immer, denn auch Deisler weiß, dass er mit 26 nicht mehr nur Talent sein kann, möchte er kein ewiges bleiben. Dass zwei Wochen später ein Muskelfaserriss im Training folgte, erschrak, dass es eine völlig alltägliche Sportverletzung ist, sollte ermuntern. Dass es aber Deisler ist, macht wiederum betroffen. Hoffentlich nicht ihn, denn einen Karriere-Abschiedsbrief sollte es bitte nach EM- und WM-Titel mit Deisler frühestens nach 2010 geben.
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