Autor: Daniel Wehner
05.10.06 Sönke Wortmanns "Deutschland ein Sommermärchen."
„Eine mächtige Flamme entsteht aus einem winzigen Funken.“
Für gewöhnlich enden Märchen mit einem Happy End. Der Igel linkt den Hasen. Locken- und Vielfraß-Hobbit behaupten sich gegen "Mein Schatz"-Gollum. Deutschland gewinnt gegen Italien. So weit zur Theorie.
Dass die Pointe bei Sönke Wortmanns „Deutschland. Ein Sommermärchen“ nicht so offensichtlich in einem Gebrüder-Grimm-Hollywood-Happy-End zu finden ist, wird gleich in den ersten Szenen der Dokumentation deutlich. Es sind die Momente nach dem Italien-Spiel: Durch einen Türspalt sieht man Philipp Lahm völlig paralysiert auf einer Massagebank sitzen, den Blick starr auf den Boden gerichtet. In der Kabine herrscht Totenstille. Der Kameraschwenk offenbart leere Blicke, versteinerte Mienen und gläserne Augen. Der Traum geplatzt, aus, vorbei.
Deutschland war nicht der Name, der 2006 in den grüngoldenen Fuß des Fifa Weltpokals eingraviert werden sollte.
Und doch gab es ein Sommermärchen zu feiern. Denn gegen Italien war nicht etwa der Top-Favorit gescheitert, sondern eine Mannschaft, der man im Vorfeld kaum das Achtelfinale zutraute.
Was sich zwischen dem 9. Juni und dem 9. Juli an Euphorie, neuer Fußballphilosophie und positiver Denkweise in Deutschland entfachte, fängt Sönke Wortmann ein. Er fängt ein, wie der deutsche Mannschaftsbus an tausenden Fans vorbeifährt, deren Laola-Welle ihn bis zum Ziel zu begleiten scheint, wie Oliver Bierhoff über den viel zu horizontal spielenden deutschen Vereinsfußball schwadroniert, und wie Jürgen Klinsmann sich als Meister der Motivationskunst schlägt. Als kleine Kostprobe schwenkt die Kamera auf ein Zitat auf der Taktiktafel: „Eine mächtige Flamme entsteht aus einem winzigen Funken.“
„Coole Elferschützen“
Neben dem nervenaufreibenden Weg bishin zur drittbesten Nationalmannschaft der Welt, zeigt der Film vor allem Randgeschichten. So ist sich Jürgen Klinsmann sicher, dass er „coole Elferschützen“ in seinen Reihen hat. Als wollte er den Beweis antreten, stellt sich Tim Borowski beim Elfmetertraining an den Punkt. Im Tor steht Timo Hildebrand, der sich im psychologischen Zermürben des Schützen übt, indem er rund 30 Zentimeter Freiraum zwischen sich und dem linken Pfosten lässt, um die rechte Torhälfte pseudo-sträflich frei zu lassen. Die vorgezogene Schadenfreude in Timo Hildebrands Gesicht ähnelt der eines Roberto Carlos, wenn er gerade das entscheidende Tor durch einen Oli Kahn-Patzer geschossen hat. Doch Borowski fackelt nicht lange, nimmt Anlauf, sieht noch einmal nach oben und versenkt die Kugel zwischen Timo Hildebrand und 30 Zentimetern Freiraum. Der Keeper schaut ungläubig neben – und danach hinter – sich. Gelächter und spitzbübige Freude bricht aus. Ein cooler Elferschütze eben.
Lahms Lungenspiel
Es ist das Spiel gegen Argentinien. Die vereinte Nation liegt sich in den Armen und zittert vor Fußball-Gigant Argentinien, dem vermeintlich stärksten Team der Endrunde.
Es ist vor dem Spiel gegen Argentinien, als Philipp Lahm am Treppenaufgang zum Spielfeld steht und darauf wartet, dass es losgeht. Neben ihm: Weltstars wie Riquelme, Sorin und Crespo. Sie alle machten deutlich keinerlei Angst vor der Mannschaft zu haben, die noch keinen ernst zu nehmenden Härtetest bestand. Tevez kündigte sogar an, Jens Lehman vom Elfmeterpunkt den Kopf wegzuschießen.
Und Phillip Lahm, der bescheidene und erfrischend natürliche Links-Außen, schien kaum Notiz zu nehmen, von den argentinischen Volkshelden direkt an seiner Rechten.
Stattdessen entschied er sich, die aus dem Stadion in den Gang hineingetragene Hymne Herbert Grönemeyers, mitzupfeifen. Der Kameralauf zeigte also 21 Spieler, die scheinbar angespannt und meist wortlos auf den Startschuss warteten und Phillip Lahm, pfeifend und völlig entspannt, als würde er gerade freihändig auf dem Fahrrad zum Bäcker fahren.
„Die Gruppe lebt brutal“
Diese Szenen sind es, die den stechenden Schmerz der Halbfinal-Niederlage, zu lindern verstehen. Er vergeht, wenn Robert Huth in einen Van des DFB-Konvois steigt und in Richtung Harald Steger (Pressesprecher) bemerkt: „Ach ne, hab ich den Dicken wieder im Auto.“
Er vergeht, wenn Klinsmann in einer seiner packenden Ansprachen, sichtlich fasziniert und mit vollster Authentizität resümiert: „Die Gruppe lebt, sie lebt brutal.“, und mit seiner Rhetorik jeden einzelnen des 22er-Kaders zu erreichen scheint.
Und er vergeht, wenn Torsten Frings zu einer WM-Quartier-internen Rede von Angela Merkel fünf Minuten zu spät kommt, mit nassen Haaren lässig in ihre Richtung schlurft, um ein kurzes „Hallo“ und „Schuldigung“ loszuwerden, und amüsiert Platz zu nehmen.
Wir sind ein... Team
Sönke Wortmanns Film bietet einen detaillierten Blick hinter die Kulissen – soweit das für einen 110-Minüter möglich ist. Er zeigt Nebenschauplätze wie Fifa-Sitzungen, Dopingtests und Mannschaftsansprachen. Doch was er vor allem macht: Er porträtiert eine Mannschaft, ein Team, und verdeutlicht, wie aus einem winzigen Funken eine mächtige Flamme entsteht.
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