06.04.07
Mein Freund ist Ausländer
 
Autor: Henning Hildebrandt

Oder Amateur. Jedenfalls wechsle ich ihn ein. Und das Spiel wird statt auf dem grünen Rasen später am runden Tisch entschieden. Aus Sieg wird Niederlage und der Trainer ist mindestens ein Spieltag lang der Depp der Bundesliga. Wechselfehler. Ein beinahe vergessener Fußballbegriff vergangener Tage. Seit der Bosman-Entscheidung des europäischen Gerichtshofes aus dem Jahre 1995 und der Feststellung der europarechtswidrigen Ausländerdiskriminierung der UEFA-Statuten zum Transfersystem sind Ausländer nicht gleich Ausländer, EU-Bürger überall zuhause und dürfen in unbegrenzter Anzahl vom Trainer auf den Platz geschickt werden. Dies ist bekannt, und so spielte nicht nur Cottbus einst mit elf Nichtdeutschen, sondern auch Arsenal komplett ohne Engländer. Einzig Nicht-EU-Ausländer konnten somit dem Trainer die schwierige Frage stellen: Darf ich rein oder nicht? Aber auch dies ist seit dieser Saison passé, denn mit der Einführung der “Local Player”-Regelung der DFL entsprechend des UEFA-Statuts sind auch Chinesen, Südamerikaner und Togolesen Quasi-Inländer. Überall. So muss zwar jeder Verein vier lokal ausgebildete Lizenzspieler (mindestens zwei im Verein ausgebildete) nachweisen, 2007 sechs (drei im Verein ausgebildete) und 2008 acht (vier vom Klub ausgebildete), egal ob deutsch, nicht-deutsch, EU oder Nicht-EU.
Dass dies nicht immer so war, wissen einige Trainer ganz genau, nur damals wussten sie es nicht immer. Und so geschah es früher des Häufigeren, dass Trainerfüchse sich ihrer Cleverness zeitweilig entledigten und fleißig wechselten. Rüttgers propagierte: (deutsche) “Kinder statt Inder“. Trainer dachten da mitunter politisch korrekter: Ausländer rein. Und es war trotzdem nicht immer richtig. Wechselfehler. Die prominentesten Vertreter dieser Trainergilde sind gute bekannte Namen des deutschen Fußballs. Die folgenden Beispiele sollen erinnern an eine fast vergessene Vergangenheit:

Vermutlich der Faux-Pas mit den größten Spätfolgen unterlief dem damaligen Meister-Trainer Christoph Daum 1992. In der Champions-League-Qualifikation gegen Leeds United wechselte er mit Jovica Simanic den vierten Ausländer in die Stuttgarter Mannschaft. Das Spiel endete auf dem englischen Rasen 4:1. Dank des Auswärtstores hätte das 3:0 aus dem Hinspiel genügt, doch dem Lapsus des Trainers folgte die Annullierung des Rückspielergebnisses. Am Tisch wurde das Spiel mit 3:0 für Leeds gewertet und neun Tage später folgte das Entscheidungsspiel, welches der VfB 1:2 verlor. Fazit: Qualifikation verpasst und baldiger Rauswurf des Trainers Daum. Doch Christoph Daum war nicht der einzige, der der Dyskalkulie zum Opfer fiel.

Denn selbst der große Hennes Weisweiler verlor zeitweilig die Übersicht in der Saison 76/77 im Spiel seines 1. FC Köln bei Eintracht Frankfurt. An diesem 20. Spieltag wechselte der Namensgeber des Geißbocks in Minute 73 im Zuge eines Doppelwechsels mit Roger van Gool den damals unerlaubten dritten Ausländer in die Mannschaft ein. Da das Spiel jedoch durch vier Tore von Rüdiger Wenzel mit 4:0 für Frankfurt entschieden wurde, blieb ein nachträglicher Protest der Hessen aus und Wenzel konnte seine Tore in der Statistik behalten.

Es scheint wohl vor allem den großen und erfolgreichen Trainern vorbehalten zu sein, vorübergehend dem Regelwerk Adieu zu sagen. Denn mit Otto Rehhagel findet der dritte Prominente Einlass in die Zunft der ausländerfreundlichsten Fußballlehrer. In der Saison 98/99 war Rehhagel, der “alte Fuchs” (Rehhagel über Rehhagel), von der schweren Verletzung seines Abwehrspielers Michael Schjöneberg dermaßen geschockt, dass er für den Dänen den Nigerianer Pascal Ojigwe auf das Feld schickte. Blöd nur, dass Nigeria zweifellos nicht der Europäischen Union angehörte und somit mit zwei Ägyptern, einem Brasilianer und eben jenem Ojigwe vier statt der zulässigen drei Nicht-EU-Ausländer auf dem Platz standen. Drei Minuten lang, denn König Otto raufte sich nach dem Wechsel(fehler) zwei Minuten die Haare, signalisierte Hany Ramzy das Missgeschick, so dass dieser sich “verletzt” auf dem Boden krümmte und sich auswechseln ließ. Zu spät, denn Klaus Toppmöller beobachtete den Denkausfall seines Kollegen prompt, klärte Schiedsrichter Franz-Xaver Wack in der Halbzeitpause auf, womit trotz der 1:0-Führung der Roten der Sieg der Bochumer bereits feststand. Das Spiel endete schließlich 2:3 für Bochum. Und kurzzeitige Überlegungen des Protests von VfL-Manager Klaus Hilpert zu einem offiziellen 0:2 fanden wenig Anerkennung bei Trainer und Verein, womit dem Zuschauer lediglich die Schauspielerei von Trainer und Spieler - dank der sagenhaft schlechten Fernsehdokumentation von Sat.1 - in Erinnerung bleiben, jedoch keine klassische DFB-Funktionärsrunde am Stammtisch.

Am 13. Spieltag der Saison 95/96 ereilte Winnie Schäfer das gleiche Schicksal: Zur zweiten Hälfte stellte sich Sergej Kirjakow, der für Gunther Metz eingewechselt wurde, neben Sean Dundee in den Sturm. Sean Dundee war damals aber noch kein deutscher Hoffnungsträger, sondern einfach nur schlechter Südafrikaner und so ließ Winnie seinen KSC mit vier Nicht-EU-Ausländern den Rückstand gegen Leverkusen aufholen. Wer es damals als erster bemerkte, war der Stadionsprecher in Karlsruhe. So hörte man leise eine Stimme im Wildpark flüstern: „Winnie, zähl‘ deine Ausländer!“. Er zählte nicht, der Winnie, und wie er später sagte, habe er diese Warnung seines Souffleurs auch gar nicht gehört, denn sein Weg auf die Trainerbank erfolgte erst kurz nach Wiederanpfiff. Aber auch hier fand der Fußballgott Gerechtigkeit außerhalb des DFB-Gemachs, denn Kirjakow blieb ähnlich erfolglos wie das Krokodil neben ihm und das Spiel endete schiedlich friedlich mit 1:4.

Ganz klassisch, Horst Heese: Gesiegt und doch verloren. Aus einem 5:2 für Frankfurt wird nachträglich ein 2:0 für Bayer 05 Uerdingen. Die Krefelder waren nicht nur zeitweise in der 1. Bundesliga, früher sogar gar nicht schlecht, sondern 1993 auch glücklicher Statist in der Begegnung, die im Frankfurter Trainer Horst Heese ihren alleinigen Protagonisten fand. In der Saison 92/93 trat dieser Mann wenige Monate nach dem Spiel Stuttgart gegen Leeds das Erbe von Christoph Daum an und entschied sich am 32. Spieltag für die Einwechslung von Marek Penksa. Vier Minuten später entschied er sich für dessen Auswechselung, wusste er doch durch Daum von der Schwere eines solchen spielunberechtigten vierten Ausländers. Aller Dominanz zum Trotz, die in vier Toren durch Anthony Yeboah ihren spielerischen Ausdruck fand, stellte Heese durch seinen Wechsel frühzeitig die Weichen auf Niederlage und stahl seinem ghanaischen Sturmtank die Show. Zieren doch Bein und Yeboah die Front des “Mein Freund ist Ausänder”-T-Shirts, so hat Heese in diesem Spiel eher einen ausländischen Freund verloren als in Penksa einen dazu gewonnen.

“Ausländer rein und Punktverlust” ist die eine Variante des Wechselfehlers. Amateur rein und dumm dastehen die andere Alternative des Trainer-Missgeschicks. Giovanni Trapattoni leitete in seiner Karriere zweimal die Geschicke des FC Bayern München. Während seines ersten Gastspiels an der Säbenerstraße unterlief ihm - regelunkundig - das Missgeschick, mit Dietmar Hamann einen vierten Amateur ins Spielgeschehen zu schicken. Neben ihm als Co-Trainer saß Klaus Augenthaler, dem diese Regelwidrigkeit jedoch ebenso wenig auffiel. Im Spiel der Münchner gegen Eintracht Frankfurt am 26. Spieltag 94/95 beim Stand von 3:2 für die Gäste aus München sollte Hamann in der Defensive für mehr Stabilität sorgen und sorgte, nachdem das Spiel souverän mit 5:2 gewonnen wurde, unfreiwillig für eine 0:2-Niederlage der Bayern. Denn ein vierter Amateur steht einem vierten Ausländer in Nichts nach. Eigentlich ist diese Regel nicht so schwierig, doch für Trap und Auge bereits zuviel gewesen. Mit einem mäßigen 5. Platz verabschiedete sich der Italiener aus München. Für Augenthaler sollte die Stunde ein Jahr später noch mal so richtig schlagen…

In der folgenden Spielzeit 95/96 erhielt nämlich jener Augenthaler, der seinen Trainerschein mit der Note 1,7 erworben hatte, das Vertrauen des Kaisers zugesprochen. Nachdem Franz Beckenbauer pünktlich zum UEFA-Cup-Finale die Trainerbank für den glücklosen Otto Rehhagel besetzte und nicht nur vom Weizenglas in die ZDF-Torwand traf, sondern auch das Finale gewonnen hatte, durfte Augenthaler am letzten Spieltag gegen Fortuna Düsseldorf ran. Der theoretische Einserkandidat sollte in der Praxis den vielleicht fragwürdigsten Wechselfehler vollbringen. Lässt sich die Regel des vierten Ausländers noch in eine Zeit der Prä-EU-Politik einordnen, und sind Nicht-EU-Ausländer erst seit kurzem nicht mehr Ausländer zweiter Klasse, so bleibt dieser Augenthaler’sche Griff in die Trickkiste wohl zeitlos: Halbzeit. Ergebnis belanglos. Und ganz Bayern vermutlich völlig voll vom UEFA-Cup-Triumph Tage zuvor. Augenthaler wechselt. Keinen vierten Amateur, dafür aber auf einen Schlag vier Spieler. Probst, Herzog, Witeczek und Zickler verstärken die Mannschaft. Definitiv einer zuviel. "Macht nichts", meinte Kapitän Lothar Matthäus; Mehmet Scholl und Thomas Strunz war's "wurscht". Und der (Co-)Trainer Augenthaler sagte: “Das ist halt das Problem, wenn man keinen Co-Trainer hat.” So einen wie ihn, der dann aber auch nichts besser weiß? Wie er vor einem Jahr neben Trapattoni? Fortuna Düsseldorf verzichtete auf einen offiziellen Einspruch gegen die Spielwertung und so endete das Spiel 2:2. Klaus Augenthaler, der damals bereits mit einem Chefposten in Mönchengladbach, Nürnberg oder Kaiserslautern geliebäugelt hatte, “freute” sich nach dem Spiel dann doch erstmal auf ein Widersehen als Co mit seinem Freund Trapattoni, da er von ihm als Assistent noch viel werde lernen können…

Wechselfehler sind mittlerweile der integrativen Neuzeit gewichen. Doch falls sich die DFL dazu entschließen sollte, eine “7 und 4”- oder “6 und 5”-Regelung zu schaffen, können sie bald wieder zum Thema sportlicher Berichterstattung und außersportlicher Spielentscheidungen werden und die Liga böte die ausländerfreundlichsten Trainer wieder zu Tisch.

 
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