Autor: Tim Sohr
03.11.06 Top 5ive... Zweite Sieger
Die Phrase, dass sich eine unglücklich unterlegene Mannschaft eigentlich als „zweiter Sieger“ fühlen könne, wird im Fußball gerne und häufig benutzt. Denn dieses Phänomen hat sein – je nach Betrachtungsweise – schönes oder hässliches Gesicht schon in allen möglichen Facetten gezeigt. Und eine Handvoll Ereignisse der jüngeren Vergangenheit wird denen, die dabei waren, für immer ins Gedächtnis gebrannt bleiben.
Die „Top 5ive“ der „zweiten Sieger“ – ob „erste Verlierer“ oder Unterlegene mit hoch erhobenem Haupt:
1. Meister der (gebrochenen) Herzen
Der FC Schalke 04 in der Saison 2000/01
Vier Minuten können eine Ewigkeit bedeuten. Insbesondere dann, wenn sie vorbei sind und das in den 240 vorherigen Sekunden geschaffene Weltbild schlagartig zerstört wird. Vier Minuten lang dachten alle, deren Herzblut die blau-weiße Färbung hat, an diesem sommerlichen 19.Mai 2001, dem 34. und letzten Spieltag der Saison, dass ihre Mannschaft mit dem vogelwilden 5:3-Heimsieg über die SpVgg Unterhaching tatsächlich den ersten nationalen Meistertitel seit 1958 errungen hätte. Doch dann pfiff FIFA-Schiedsrichter Dr. Markus Merk in Hamburg einen indirekten Freistoß für die Bayern im Strafraum des HSV…
Gerne wird jedoch vergessen, dass die Gelsenkirchener den Grundstein für den tragischsten Tag ihrer Vereinsgeschichte bereits am Wochenende zuvor legten: Den Schalker Angsthasenfußball im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion bestrafte Krassimir Balakov in der 90. Minute mit dem 1:0 für den VfB. Nur neun Sekunden später, Olympiastadion München: In der Nachspielzeit eines verkrampften Spiels der Bayern gegen den 1.FC Kaiserslautern erzielt Alexander Zickler ein sensationelles Volley-Traumtor, wie es ihm in seiner Karriere weder vorher noch nachher je gelang – 2:1 für die Münchner. Plötzlich hatten die Mannen von Ottmar Hitzfeld drei Punkte Vorsprung in der Tabelle, wenn auch das um drei Tore schlechtere Torverhältnis gegenüber Huub Stevens’ Team. Bayern-Dusel hin, Bayern-Abgezocktheit her, der FC Schalke 04 war traumatisiert. Und die Weichen waren gestellt auf das einzigartigste Meisterschaftsfinale in der Geschichte der Fußball-Bundesliga…
2. Das erfolgreichste Scheitern aller Zeiten
Dänemark in der EM-Qualifikation für Schweden 1992
Selten hatten die nackten Zahlen so gelogen: Jugoslawien führte die umkämpfte EM-Qualifikationsgruppe 4 für die Endrunde 1992 in Schweden am Ende mit 14:2 Punkten an, die Dänen landeten mit 13:3 Zählern knapp geschlagen dahinter. Nur die Gruppenersten waren damals teilnahmeberechtigt, Dänemark war – wie schon in der Qualifikation zur WM 1990 – gescheitert. Doch der eskalierende Bürgerkrieg zwang den auseinander brechenden Balkan-Staat zum Verzicht auf die EM, und weil es die simpelste Lösung bedeutete, die sich die UEFA ausdenken konnte, rückte Dänemark als Gruppenzweiter nach. Der Rest ist Geschichte: Der mythenreichste „Lucky Loser“ der Fußballhistorie, der sich während der Turniertage gerne das nicht wahrheitsgemäße Image einer Feierabendkickertruppe im prestigeträchtigen Urlaub anheften ließ, startete mit einem 0:0 gegen England, verlor 0:1 gegen den Gastgeber, um sich schließlich durch einen 2:1-Erfolg über die Franzosen doch noch fürs Halbfinale zu qualifizieren. Dort wurden die haushohen Favoriten aus Holland mit 5:4 n. E. bezwungen. Und dass die Dänen auch im Finale gegen den amtierenden Weltmeister nicht von unangebrachtem Respekt gelähmt wurden, braucht man dem deutschen Fan auch heute nicht zu erzählen. Das weiß er nämlich noch ganz genau.
3. Vizekusen
Bayer Leverkusen in der Saison 2001/02
Eine besondere Anhäufung von Vizetiteln sagt nicht zwangsläufig aus, dass eine Mannschaft sich erst recht als „zweiter Sieger“ fühlen muss, kann, darf oder will.
Man frage nur einmal nach bei Bayer Leverkusen in der Saison 2001/02. Nachdem man einen Fünf-Punkte-Rückstand in der Liga (drei Spieltage vor Schluss) mit Niederlagen gegen Bremen und in Nürnberg verspielt und damit Borussia Dortmund den Meistertitel geschenkt hatte, nachdem man das Champions-League-Finale in Glasgow gegen Real Madrid nach großem Spiel 1:2 verloren hatte, und nachdem man schlussendlich auch noch völlig konsterniert im DFB-Pokalfinale dem FC Schalke 04 mit 1:4 unterlegen war, fühlte sich beim Werksklub niemand mehr als heimlicher Gewinner. Der Begriff „Vizekusen“ war – auch in Zusammenhang mit der zwei Jahre zuvor, am letzten Spieltag an die Bayern verlorenen Meisterschaft – endgültig in den Sprachgebrauch des gemeinen deutschen Fußballbeobachters übergegangen.
Und dann frage man noch einmal genauer nach, bei Michael Ballack, Carsten Ramelow, Bernd Schneider und Oliver Neuville. Sie nahmen schließlich als Leverkusener Vertreter (abgesehen vom dritten Torwart Jörg Butt) ein paar Wochen später noch für Deutschland an der WM in Japan und Südkorea teil. Auf ihr Abschneiden bei diesem Turnier hätten sie in jenem Jahr wirklich wetten sollen.
4. Wie im Märchen
Deutschland bei der WM 2006
Es war einmal…Deutschland – Costa Rica 4:2. Erleichterung. Deutschland – Polen 1:0. Euphorie. Deutschland – Ecuador 3:0. Souveränität. Deutschland – Schweden 2:0. Glanz. Deutschland – Argentinien 5:3 (n. E.). Stolz. Deutschland – Italien 0:2. Größe. Deutschland – Portugal 3:1. Ausrufezeichen.
Erster Sieger: Italien. Erster Verlierer: Frankreich. Zweiter Sieger: Deutschland.
Weltmeister der Herzen.
5. Des Kaisers Fahrstuhlfahrt
Bayern München im Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United
Franz Beckenbauer hat diese Geschichte schon häufiger zum Besten gegeben. Es ist des Kaisers ganz persönliche Art der Vergangenheitsbewältigung, des Umgangs mit dem Trauma. Die reguläre Spielzeit hatte bereits reichlich Stoff zur bajuwarischen Legendenbildung geboten: Mario Baslers abgefälschter Freistoß zum 1:0. Cartsen Jancker trifft mit einem Fallrückzieher nur die Latte. Mehmet Scholl trifft mit einem Heber nur den Pfosten. Lothar Matthäus lässt sich auswechseln.
In der 89. Minute verlässt Beckenbauer die Ehrentribüne und betritt den Fahrstuhl des riesigen Stadion Nou Camp zu Barcelona, der zweitgrößten Fußballarena der Welt. Er möchte rechtzeitig zur Siegerehrung auf dem Platz sein. Dann, 90. Minute: Ecke Beckham, Tor Sheringham. Jubel. Verwirrte Bayern. Wiederanpfiff. 92. Minute: Noch einmal Ecke für ManU. Tor Solskjaer. Peter Schmeichel schlägt Räder über den Platz. Der Kaiser kommt unten an. Seine Mannschaft ist schon da.
|