28.09.06
Top 5ive...
Denkürdige Momente der WM 2006

 
Wiederholt wird behauptet, die WM 2006 in Deutschland habe neben aller Euphorie im Lande und einer bemerkenswerten deutschen Mannschaft lediglich Fußballspiele auf mittelklassigem Niveau, arm an technischen Höhepunkten, dafür reich an taktischer Disziplin, hervorgebracht. Spektakulär sei diese WM nicht gewesen. Keine Szenen, an die sich der Sport noch in Jahren erinnern wird. Keine Hand Gottes, kein schauspielernder Carlos Valderama und kein symbolischer Akt der Missachtung gegenüber den Zuschauern durch Hervorhebens des bekanntesten deutschen Fingers seit der WM 1994 in den USA. Doch bei aller berechtigten Kritik an spielzerstörendem systematischen Defensivfußball, liegt gerade in der hohen Kunst der Vollendung des berühmten Catenaccio der WM-Erfolg begründet, obwohl sicherlich jeder, zumindest im Gastgeberland, lieber eine Ehrenrunde in Fabelweltrekordzeit von David Odonkor in Berlin gesehen hätte als einen geschulterten Cannavaro. Seineszeichen – natürlich – Abwehrchef der Squadra Azzura.
Und die kuriosen Szenen der WM gab es auch – wie alle vier Jahre – auch diesmal wieder.
Die „TOP 5ive“ der erinnerungswürdigen Momente aus einer Welt zu Gast bei Freunden:

1. Die Mutter aller Kopfstöße

Vermutlich einer der meistdiskutierten Szenen des Fußballs seit Beginn der WM-Geschichte. Einzureihen in die Klassiker von Wembleytor über Hölzenbeins Geburt der Schwalbe bis hin zum bereits erwähnten Gott des Fußballs und seiner filigranen Kopfballkunst. Im Unterschied dazu erzielte Zinedine Zidane – „wohl (?) einer der besten (?) Fußballer der letzten 10 Jahre (?)“ (Reinhold Beckmann) – keinen Treffer, obwohl er es doch tat, der keiner war.
In Minute 110, beim Spielstand von 1:1, im Laufe einer zähen Verlängerung, in der die französische Nr. 10 selbst die 2:1 Führung auf der langen Stirn hatte, hatte dieser endgültig die Nase voll von der italienischen Pöbelei im Stile eines jeden guten Bezirksligaspielers. Als Sohn einer terroristischen Hure, wie es brasilianische Wissenschaftler herausbekommen wollten, beschimpft, sollte sein Abgang ehrerhaltend erfolgen. Die nachfolgenden Sekunden werden jedes Cover von zu erwartenden WM-Highlights-Büchern schmücken. Der rammende Kopfstoß in die Brust des schimpfenden Verteidigers Materazzi, ließ nicht nur den Getroffenen selbst, sondern auch Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt den Atemvorgang aussetzen, um dann Entsetzen und Kopfschütteln hervorzurufen. Es war eben kein Kopfstoß, unauffällig wie jener von Figo gegen Boulahrouz oder provozierend wie der von Norbert Meier gegen Albert Streit. Es war die ehrlichste Form der Missachtung des Gegners, aus Frustration über eine vergebene Torchance und dem bevorstehenden Ende der eigenen Karriere. Die Mutter aller Kopfstöße. Vorbei an Fair-Play, hin in die Analen des Sports. Schön wird’s, wenn er irgendwann Reinhold Beckmanns Beleidigung hört...

2. Elf Meter zur Zweiten

Im Grunde immer das Gleiche: Foul. Pfiff. Fingerzeig auf den Punkt. Pfiff. Schuss. Tor oder nicht. Nur nicht in Ghana. Dort wird noch vor dem Pfiff geschossen. Oder doch nach dem Pfiff. Irgendeinem Pfiff. Von irgendwem, nur nicht vom Schiedsrichter. Wo ist der überhaupt, wird sich Asamoah Gyan beim Anlauf gedacht haben. Egal. Das Ding muss rein, das ganze Stadion ist Ghana. Elf Meter zum zweiten, vermutlich spielentscheidenden, Tor gegen Tschechien.
Der Ball landet tatsächlich im Tor, das von Petr Cech in dem Moment nicht gehütet wurde. Der Referee Elizondo war noch nicht da. Dann kommt er aber doch, rekonstruiert die vergangenen Sekunden, kombiniert: Ball wegschlagen – immerhin 11 Meter weit – gleich Unsportlichkeit, und zieht in seiner Konsequenz den gelben Karton. Dass ein Pfiff vermutlich aus den Zuschauerrängen für Irritationen des WM-Neulings sorgte, darf keine Bewandtnis haben, die Regularien der FIFA sind streng und daran wird sich gehalten. Traurigerweise ist es die zweite gellbe Karte für Asamoah Gyan. Sperre im letzten Gruppenspiel. Dann wird wieder geschossen. Nach dem Pfiff. Vom Schiedsrichter. An den Pfosten. Das Spiel endet letztlich dennoch 2:0 für Ghana. Ghana erreicht gar das Achtelfinale. Und einer hat’s sich besonders verdient.

3. Der Titan menschelt

Zumindest in Deutschland ist dies der Moment der WM. Das gesamte Elfmeterschießen gegen Argentinien. Der Spickzettel von Andreas Köpke und der völlig losgelöste Wahnsinn auf dem Spielfeld und im weiten Berliner Rund. Deutschland gewinnt 6:5 in einem dramatischen Viertelfinale. Und mittendrin die designierte Nr. 2 des deutschen Torwartkarussels. Dass er zur WM mitgefahren ist, war schon eine menschelnde Geste des Oliver Kahns, das er seinen Platz im deutschen Kader vorbildlich ausführt eine Nächste. Endgültig zum Mensch wurde er jedoch mit seinen warmherzigen Glückwünschen an seinen Konkurrenten Jens Lehmann. Vorher war er eigentlich auch schon ein Mensch, aber jetzt sogar einer mit menschlichen Zügen. Im Dunstkreis der Mittellinie beugte sich der Titan über Jens Lehmann, gab ihm die Hand und redete ein, zwei Sätze auf ihn ein. Das Foto sollte fortan jede deutsche Tageszeitung zieren, denn es war der Moment, an dem Oliver Kahn, seineszeichen Kung-Fu-Kämpfer, Halsbeißer und Nasenbohrer, endgültig das Licht der Welt erblickte. Als Torwart stets fehlerfrei, mit fast allen sportlichen Titeln gesegnet, nun auch noch Mensch geworden. Glückwunsch zum Geburtstag, Oliver.

4. Dreimal Gelb, einmal Rot

Urs Meier konnte es nicht glauben, als Johannes B. Kerner ihm diese Szenen aus dem Spiel Kroatien gegen Australien vorspielte und mit den Worten: „Erste Gelbe. Zweite Gelbe. Dritte Gelbe. Gelb-Rot“ kommentierte. „Das kann nur ein Witz sein“ entgegnete ihm der Schiedsrichtersympathisant Urs, der bis dahin und auch danach jede noch so fragwürdige Entscheidung seiner ehemaligen Berufskollegen zu rechtfertigen wusste. Selbst einem Streit mit dem Kaiser, dem Gottvater der WM 2006, scheute er nicht, als mal wieder um eine völlig überzogene gelbe Karte diskutiert wurde. Regeln sind Regeln und die Spieler wurden darauf hingewiesen. Aber diesmal gab’s keine Entschuldigung. Schiedsrichter Poll zeigte Josip Simunic binnen 90 Minuten gleich dreimal die gelbe Karte bevor er sich entschied, den Kroaten des Feldes zu verweisen. Glücklicherweise hatte dieser englische Faux-Pas keine Relevanz im Endergebnis, Kroatien schied trotz verspäteter Unterzahl dennoch aus.
Und im Grunde war der Spieler vermutlich selbst schuld, er hätte wohl auf seine Gelben hinweisen müssen. Nochmal gelb wegen Verletzung des Fair-Play-Gedanken, bitte. Ein weiteres Spiel pfiff Mr. Poll im Folgenden nicht mehr. Das wäre dem Urs auch wirklich nicht zuzumuten gewesen.

5. Klose-Salto einmal anders

Und nocheinmal Deutschland. Eine Szene, die traurigerweise von keiner Fernsehkamera festgehalten wurde, deswegen auch wenig Beachtung fand und nur den Privilegierten im Stadion vorbehalten war. Miroslav Klose, der Kanonier der WM, freut sich bekanntlich über besonders wichtige oder einfach schöne Tore gerne mit einer akrobatischen Einlage. Der Klose-Salto. Doch diesmal hatte er gar nicht getroffen, es war Publikumsliebling und Jungprofi Lukas Podolski, der gerade das 2:0 gegen Schweden im Achtelfinale im Münchener (Allianz)-WM-Stadion markiert hatte. Nach einer wahrhaft gelungenen, gar aus der WM herausragenden, Kombination zwischen den beiden Sturmspitzen, in der Klose drei Schweden zum Tanz gebeten hatte, blieb Poldi eiskalt und Miro setzte zum Spurt an. Salto an der Eckfahne, wo keiner war, nur er, die Fahne und die freudetaumelnden Fans. Da altruistischer ein Jubel gar nicht sein kann, trotz unterbliebenem Videobeweis, der eh noch nicht erlaubt ist, ist dieser Klose-Salto ebenfalls ein erinnerungswürdiger Moment dieser Welt zu Gast bei Freunden.

                                                                             Henning Hildebrandt

 
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