18.12.07
Schon Störtebeker wusste es…
Ein Liga-Vergleich zwischen Nord, Süd, Ost und West
 
Autor: Henning Hildebrandt

Der Norden rockt. Als Anführer der Likedeeler kämpfte der Seeräuber gegen die hanseatischen „Pfeffersäcke“, die Oberschicht des Landes. Und im Fußball treten seine Nachfahren auf dem Land erfolgreich in seine Fußstapfen. Der Norden ist derzeit Deutschlands stärkste Region. Mit Bremen, Hamburg und Hannover spielen gleich drei Nordlichter eine Hauptrolle um die internationalen Tabellenplätze.

Das Geheimnis des kühlen Nordens trägt drei Namen: Thomas Schaaf, Huub Stevens und Dieter Hecking – die Likedeeler der Liga. Drei Kapitäne, die sich in ihren Persönlichkeiten ähneln. Ruhig, gelassen. Mit ausgeprägtem Fußballverstand. Konzeptfußball mit Kompass. Spielsysteme, die jedoch teilweise voneinander abweichen.

Besonders augenscheinlich ist die unterschiedliche Nadelstellung zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV. Backbord gegen Steuerbord. Während Bremen wie jedes Jahr das Heil in der Offensive sucht (Bestwert mit 42 geschossenen Toren), muss beim HSV zu allererst die berühmte Null stehen, um aus der kontrollierten Defensive die Spiele zu entscheiden (nur 13 Gegentore in 17 Spielen). Beide Teams profitieren dabei von überragenden Hauptdarstellern, Diego und van der Vaart, die völlig zu Recht allwöchentlich zu den beiden besten Spielern der Liga gekürt wurden. Ist Franck Ribéry spielerisch zwar unbestritten in gleichen Sphären unterwegs, so bestechen die zentralen Steuermänner des Nordens zusätzlich durch ihre unglaubliche Effizienz und Torgefahr, jeweils 9 Tore. Eine Eigenschaft, die Ribéry in München noch nicht, aber auch in seiner Zeit in Marseille nie entwickelt hatte.

Die Hannoveraner müssen zwar auf einen derartig überragenden Mann am Großsegel verzichten, beweisen mit einem Torverhältnis von 27:28 Toren dennoch eine ausgeprägte Lust zur Attacke. So erspielten sich die Niedersachsen gegen Teams von Platz 9 abwärts zahlreiche Tormöglichkeiten durch guten Kombinationsfußball. Zum anderen zeigen die 28 Gegentreffer aber auch, dass sie ähnlich wie Bremen am Heck nicht sicher stehen. Eine – noch – zu schwache Abwehr, vor allem gegen besonders manövrierfähige Mannschaften, brachte bislang denn auch sechs Niederlagen. Für einen erfolgreicheren Konterfußball aus einer kompakt stehenden Abwehr heraus erweist sich die Winterverpflichtung von Valerien Ismael als durchaus taktisch kluge Verstärkung der Defensive, die bereits vom Ex-Bremer Christian Schulz als Bindeglied zum Angriff profitiert. Heckingsches Handelsgeschick à la Schaaf/Allofs. Eine gewisse Nähe zur Bremer Schiffsbaukunst liegt dabei auf der Hand.

Nordische Systemtreue, die die Mannschaften aus dem Osten der Republik vermissen lassen. Ob anspruchsutopische Hauptstädter oder die beiden Abstiegsfavoriten aus Rostock und Cottbus. Bei allen drei Vereinen vermisst man Konstanz und taktisches Konzept. Den Letztgenannten muss man jedoch die Entschuldigung gewähren, aus lediglich spärlichen Finanzhaushalten wirtschaften zu müssen. Kampf-Fußball mit größtenteils technisch limitierten Spielern schreit geradezu nach einem Dauer-Abonnement auf die Abstiegsregion. In Berlin hingegen sehen die Vorzeichen anders aus. Alljährlich wird in scheinbar technisch starke Südamerikaner investiert, doch spielerisch und vor allem taktisch bewegen sich die Berliner nur im Weißwasser der Liga. Ein System Favre ist nicht erkennbar. Vor allem gegen Teams wie Leverkusen zeigt sich die mangelnde Klasse am Steuer eindrucksvoll.
Und so belegt der Osten im Regionenvergleich mit einem Quotienten von 4,33* weit abgeschlagen nur folgerichtig den letzten Rang. Angeführt wird diese Wertung von den Vereinen aus dem Norden trotz eines dahinpaddelnden VfL Wolfsburg (13,25). Gefolgt vom Süden (11) und dem Westen Deutschlands (8,33).

Der Süden profitiert dabei von einem Aufsteiger, den es jedes Jahr immer wieder in der Form gibt, der sich aber dieses Jahr – noch – durch eine beachtenswerte Knoten-Konstanz auszeichnet. Dabei setzt Ede Becker treu auf Konterfußball. Legitim in der ersten Bundesligasaison. Der KSC egalisiert so die Sorgenkinder aus Nürnberg und Stuttgart, obwohl bei diesen eher Verletzungspech als mangelndes Kartenlesegeschick der Trainer die Schuld an temporärer Erfolglosigkeit trägt. Dass die Süd-Flotte von München angeführt wird, ist an dieser Stelle müßig zu erwähnen.

Die meisten Vereine der Liga stellt wie gewohnt der Westen der Republik. Mit der derzeit vermutlich spielstärksten Mannschaft der Liga, Bayer Leverkusen (30:11 Tore), mental wieder erstarkten Schalkern, konzeptionell fragwürdigen Dortmundern und anscheinend boots- und führerlosen Teams aus Bielefeld und Duisburg ist diese Region in allen Gefilden der Bundesligatabelle wieder zu finden, wobei vor allem die letzten beiden das ausgeprägte Potenzial besitzen, dauerhafte Aufbauhilfe Ost zu leisten. Denn Systemfußball ist dort lediglich ein Fremdwort. Ein Vorwurf, der in Richtung Trainerstab gerichtet gilt. Ob Rudi Bommer Ernst Middendorp wird recht bald folgen müssen und Opfer einer Fan-Meuterei wird, darf an dieser Stelle berechtigterweise gefragt werden.

So wäre ein Trainerkarussell, indem Hecking, Schaaf und Stevens mit ihren Kollegen von ganz unten die Steuerräder tauschen, ein interessantes Experiment. Ob tatsächlich nur Geld Tore schießt, oder nicht vielmehr gute Trainer diese schießen lassen, würde dann wohl mit Letzterem beantwortet werden müssen. Denn auch Störtebeker hätte trotz Hochgeschwindigkeits-Dreimaster, jedoch ohne Arme und Beine, wohl kein Gold gefunden. (Noch mehr) Gute Trainer-Kapitäne braucht das Land, zumindest in so manchen Regionen Deutschlands, vor allem dort, wo kein Meer, aber auch kein Land in Sicht ist. Ahoi. Und der Funkspruch: Mach et Erich.



*Der Quotient berechnet sich aus der Summe der Tabellenplatzierungen der Mannschaften (Platz 1, 18 Punkte, Platz 18, 1 Punkt) geteilt durch die Anzahl der Mannschaft aus einer Region (Bsp: Berlin, Platz 12, 7 Punkte; Rosotck, 15, 4; Cottbus, 17, 2, geteilt durch 3 Mannschaften; Stand: 17.12.2007)

 
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