Autor: Tim Sohr

04.12.06

Beide Daddeldaumen hoch!
Die Fußball-Simulation „Pro Evolution Soccer 6“ für PS2, PC, Xbox 360, PSP, DS

 
Alle Jahre wieder geraten bestimmte Videospiele in Verruf. Immer dann, wenn Politiker, Eltern oder andere aufgebrachte Lautsprecher scheinheilig die Political-Correctness-Polizei alarmieren und – zugegebenermaßen - brutale Simulationen dazu missbrauchen, mit ihnen Missstände zu (v)erklären. Dann geht es um „Counterstrike“, und es geht um verschüttete Motivationen für jeden gepflegten Amoklauf. Role Models heißen dann „ResistantX“ aus Emsdetten oder Robert Steinhäuser aus Erfurt, wie Paten aus den Untiefen ihrer eigenen Seelenunterwelt steigen sie aus dem Nichts ins öffentliche Interesse auf und bringen – neben Musikgeschmäckern, die um Slipknot oder Marilyn Manson kreisen – vor allen Dingen die Videospielindustrie in die Bredouille. Die berechtigte Frage ist, ob der letzte Auslöser, bei dem alle Tassen aus dem Schrank fallen, verhindert werden könnte, würden die Täter nicht regelmäßig virtuell ihre Bomben so taktisch geschickt wie möglich platzieren müssen, sondern stattdessen mit den Merseyside Blues (alias FC Chelsea) gegen den FC Barcelona um Punkte, Pokale und Prestige spielen würden, so ganz ohne den blutigen Bildschirm. Erst dann wären die Unterschiede zwischen Motiven, Auslösern und Irrelevanz wohl endgültig geklärt. Die pokalo-Redaktion favorisiert jedenfalls die letztgenannte Variante der Videospielkultur und räumt ein, von Ballerblutrunst-Shoot’em’ups wenig zu halten.
Von Fußball-Simulationen dafür umso mehr. Und was in der realen Welt Deutschland gegen Holland, Real gegen Barca oder Boca Juniors gegen River Plate heißt, bedeutet im Soccer-Zockermilieu FIFA-Serie gegen PES-Reihe. Und ein paar Wochen nach „FIFA 07“, in Deutschland mal wieder standesgemäß mit Lukas Podolski auf Cover und Werbeplakaten sowie als Game gewohnt spektakulär im Gesamteindruck, erschienen, ist nun auch das langersehnte „Pro Evolution Soccer 6“ (dessen Package übrigens von Roque Santa Cruz und Adriano geziert wird) endlich erhältlich. Und es zeigt sich gegenüber seinem Vorgänger im Detail tatsächlich deutlich verbessert.
Das größte Manko von „PES 5“ wurde komplett ausgemerzt, denn der zwangsläufige Körperkontakt mit dem Gegenspieler auf dem virtuellen Rasen ist endlich wieder möglich, ohne dass sofort ein Foul gepfiffen wird. Wir sind ja hier schließlich nicht beim Basketball! Auch an den offensiven Feinheiten wurde gefeilt: Freistöße und Ecken sind genauer zu justieren und daher allgemein Erfolg versprechender als zuvor, bei Weitschüssen verhält es sich ähnlich. Eine weitere Neuerung: Passive Mitspieler suchen nun verstärkt und automatisch den freien Raum. Zudem wurde die Ballbehandlung stark verbessert und es ist wieder möglich, das eine oder andere Dribbling zu starten. Vielfältige Möglichkeiten an Körpertäuschungen und Übersteigern ergänzen das insgesamt wendigere Angebot, und ein reibungsloser Online-Modus rundet ein rundum gelungenes Update höchst zufrieden stellend ab.
„PES 6“ bleibt gegenüber „FIFA 07“ die etwas realistischere Variante, hinkt aber in Sachen fernsehtauglichen Spektakels ebenso minimal hinterher wie in Sachen Lizenzierung, denn bei Konami gibt in der deutschen Nationalmannschaft ein gewisser Kruger den Michael Ballack und steht dabei noch nicht einmal in der Startformation. Stattdessen zieht der hauseigene Tim Borowski namens Botanaski die Fäden. Wie im WM-Eröffnungsspiel…immerhin wenigstens nicht komplett realitätsfern… Dafür gibt es nun die unglaubliche Möglichkeit, ein Team aus Hundeköpfen zu editieren. Man darf hier aus zwölf Rassen wählen. Was soll man da noch hinzufügen? Elf Hunde müsst ihr sein. Und: Beide Daddeldaumen hoch – „Pro Evolution Soccer 6“ macht Spaß, vom Intro bis zum Bonus-Menü!