Interview "Auf Schalke"
Mittwoch, der 16. August 2006, Ort Gelsenkirchen-Schalke. Im blau-weißen Haus Nr. 119 der Kurt-Schumacher-Straße trifft pokalo.de den Gastwirt der Traditionskneipe „Auf Schalke“. Eins wird deutlich: Fußball ist hier das wahre Leben, die Identifikation zum Verein grenzenlos. Und so prangert in jeder Ecke des Lokals das Emblem des FC Schalke 04. An den Wänden hängen Plakate von Mannschaft, Spielern und Spielen. Schals und Wappen schmücken die holzverkleidete Inneneinrichtung. Die Projektionswand steht bereit für den nächsten Auftritt der Knappen. An der Theke philosophieren die Alten und die Jungen über Erfolg und Misserfolg. Hier wird der Fußball gelebt und die Welt erklärt. Die Welt von Schalke. Und über allem liegt die Liebe zum Verein in der Luft. Noch ein kühles Blondes, bitte, und die Zigarette auf den Zahn gelegt. Das Interview auf Schalke an der Basis des Vereins über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Clubs, über Fankultur und – natürlich - Emotionen.
Wirt: Hier noch zwei Pils, dann könnt Ihr schneller laufen. Die haben mich gefragt, wie weit sie bis zur Arena laufen müssen
Kellnerin: Wenn ihr bis dahin lauft, dann habt ihr ja das ganze Bier ausgeschwitzt.
Wirt: Was schätzte, ne halbe Stunde wirste bis dahin laufen.
Kellnerin: Ja.
Wirt: Eher mehr, ne.
Kellnerin: Eher 35 oder 40 Minuten.
Pokalo.de: Über der Jahreszahl 2005 blinkt ein Stern. Welche Bedeutung hat der Stern neben den anderen Jahreszahlen ?
Wirt: Das T-Shirt ist aus dem Jahr 2005. Zu dem Zeitpunkt stand Schalke sehr weit oben. Und der Stern war eben die Hoffnung, dass sie Meister werden. Weil alles andere als die Meisterschaft wär nämlich scheiße.
Pokalo.de: Das war ne gute Saison. Die Saison als Schalke zweimal gegen Bayern gewonnen hat zum Beispiel.
Wirt: Ja, zum Beispiel. Und da haben se irgendwann mal gehofft, dass se Meister werden und da haben se das T-Shirt rausgebracht. Und hier: 2001, das Herz, war als se Meister der Herzen geworden sind. Und das andere sind halt die Meisterschaften von früher.
Und 2001: Als Meister der Herzen, das war ein Traum.
Pokalo.de (irritiert): Traurig oder Traum?
Wirt: Nein, ein Traum. Ich sach ma, die erste Stunde war so und dann kippte die Stimmung so’n bisschen und dann wurde irgendwann: Meister der Herzen. Da war die Stimmung, die ganze Nacht.
Pokalo.de: Und die 4 Minuten, als man dachte, dass das Spiel in Hamburg schon vorbei war?
Wirt: Das war grausam. Aber dann die Momente im Stadion. Das war schön.
Pokalo.de: Aber sie haben gehört, das Spiel in Hamburg ist vorbei...
Wirt: Alles jubelte. Die Tore wurden aufgemacht. Alle konnten in den Innenraum rein. Und dann standen wir ganz allein da. Dann wär’s besser gewesen, das Spiel in Hamburg wär 0:0 ausgegangen, der Babarez hätte nie das Tor geschossen. Dann wären wir von Anfang an Zweiter gewesen und dann wär gut gewesen.
Pokalo.de: Haben sie es denn verstanden als das Spiel live auf der Leinwand gezeigt wurde, das da noch etwas passiert oder dachten sie, dass dort irgendeine Widerholung gezeigt wird?
Wirt:Nee, das habe ich alles mitgekriegt. Das hab ich alles registrtiert.
Pokalo.de: Und das dieser Freistoß dann auch noch verwandelt wird...
Wirt: Das ist Bayern. Oder?! In der Nachspielzeit schießen se das Siegtor, das ist immer wieder und wieder.
Rivalität.und Fankultur
Pokalo.de: Ist den durch solche Ereignisse die Rivalität zu den Bayern größer als zu Dortmund mittlerweile?
Wirt: Nein. Zu keinem.
Pokalo.de: Inwiefern? Zu keinem?
Wirt: Nee, zu beiden eigentlich so...So wie du gerade Dortmund gesagt hast - normalerweise würd ich das Wort gar nicht in den Mund nehmen - das ist die verbotene Stadt, Vorort Lüdenscheid, schwarz-gelbe Zecken. Egal wat. Eigentlich steht hier ne Spardose auf dem Tisch und wehe, es fällt das Wort, dann bisse mit 3 EURO fällig.
Pokalo.de: So eine Art Phrasenschwein.
Wirt: Ja, in der Art. Aber ich sach ma, es gibt die alte Linie, dass mitten aufm Walde die Fans vernünftig miteinander umgehen. Du kannst dich unterhalten, du redest miteinander. Alles. Viele Jahre zurück, wenn dann am Bahnhof die ankamen, dann standen die dann da. Das war schlimm. Aber mittlerweile, toi, toi, toi, ist das nicht mehr. Gott sei Dank. Man geht miteinander um.
Pokalo.de: Und wenn hier mal Dortmunder einkehren?
Pokalo.de: Das sind dann wohl 3 EURO.
Wirt: Also ich sach ma, die haben uns besucht. Hin und wieder mal. Wir haben bei jedem Spiel Gästefans hier drin. Ob de das von Bayern nimmst, Berlin, Köln. Is egal, woher. Es geht auch nur so. Aber Stunk gab’s nie.
1997 (Schalker Erfolge)
Pokalo.de: 2001 und die Meisterschaft der Herzen war natürlich ein ganz besonderer Moment. Das war der Gewinn des UEFA-Cups 1997 doch auch...
Wirt: Das war gut, aber auch die beiden Pokalsiege waren gut. 97 war ich Mailand und bei beiden Finals war ich in Berlin. Das war toll. Da hatten wir 3 Tage nacheinander rund um die Uhr auf. Die Mannschaft ist hier vorbeigezogen. Das war gut. Das war toll.
Pokalo.de: Und dieses Jahr?
Wirt: Jeder hofft es. Aber...das es möglich ist.
Identifikation (Die Liebe zum Verein damals und heute)
Pokalo.de: Ist denn die Identifikation in Gelsenkirchen mit dem Verein Schalke 04 noch genau so wie früher?
Wirt: Da behaupte ich einfach mal: Nein. Is nicht mehr dat. Ich sach ma, ich hör das immer so von unseren Alten, unseren Rentnern. Früher waren viele halt aus Schalker Umgebung, Gelsenkirchen, die gespielt haben. Nach’m Spiel sind se noch in die Kneipe gegangen, haben nen Bier getrunken. Das gibt’s ja heut nicht mehr. Die fahren in alle Himmelsrichtungen. Drei fahren dahin. Drei fahren dahin. Der fährt dahin und der fährt dahin. So in dem Sinne, sind es einige wenige, wo’t so gewesen ist. So’n Ebbe Sand und so Leute. Das waren eben so Leute, die hier reinpassten, die hier hin gehörten.
Pokalo.de: Und ein Kevin Kuranyi?
Wirt: Jaa. Ist schwierig einzuordnen. Ich weiß es nicht.
Pokalo.de: Aber man hofft noch.
Wirt: Natürlich hoffst du. Ja. Aber da stehen dann irgendwo irgendwelche Sachen...
Assauer (Ende eine Ära)
Pokalo.de: Und jetzt nachdem der Assauer weg ist. Meinen Sie, dass ist gut?
Wirt: Das wird sich erst nächstes Jahr herausstellen. Oder in 2 Jahren. Das weiß man jetzt nicht. Aber ich denke mal, der ganze Aufsichtsrat hat gegen Assauer gestimmt. Irgendetwas muss vorgefallen sein. Was auch immer. Ich weiß es nicht. Das ist nie irgendwo an die Öffentlichkeit gelangt. Aber ich sach ma, wenn ich Theater mit meinem Chef hab, müssen das nicht meine Kunden wissen. Und so sach ich ma, wenn die intern Krach haben, muss das nicht Deutschland und die ganze Welt wissen. Und so fand ich das eigentlich gut. Ob das jetzt gut ist, das wird sich erst in den nächsten 2, 3 Jahren zeigen.
Pokalo.de: Aber würden Sie nicht sagen, dass es schade ist, denn der Assauer hat schon einiges aufgebaut. Und er war ja die Figur...
Wirt: Ohne Assauer wär Schalke tot. Gerade in der Phase, da waren sie ja so gut wie am Ende. Kurz vor der Insolvenz gestanden. Nein, der Assauer hat den Verein richtig hoch gebracht. Auch mit der ganzen Anlage, das Stadion, das Hotel. Alles, was dazu gehört.
Pokalo.de: Vermissen Sie denn nicht das Parkstadion?
Wirt: Nein. Im Parkstadion waren zweimal im Jahr 70.000, das war gegen Schwarz-gelb und gegen die Bayern und sonst hatten wir da bei 30.000 gestanden. Bei Scheißwetter hatten wir so 15, 20.000 da drin. Und nun ist’s jedes Mal ausverkauft. Lass da mal 2, 300 fehlen. Das sind dann meistens die Gästefans. Nein, aber sonst, nochmal, wenn da die Stimmung ist bei internationalen Spielen. Is schon toll.
Pokalo.de: Haben Sie denn auch eine Dauerkarte?
Wirt: Was soll ich damit? Wenn ich eine haben wollte, dann würde ich eine kriegen. Aber ich hab keine Chance dazu.
Pokalo.de: Wegen der Arbeit.
Wirt: Wenn ich dreimal im Jahr im Stadion bin, bin ich froh. Wie gesagt, Samstag ist hier die Hölle los. Wir haben dann auch unter der Decke, seht Ihr vielleicht auch, ne Großbildleinwand hängen. Dann haben wir auch bei Heimspielen 20, 30 Fanclubs sitzen, die hier Fußball gucken. Bei Auswärtsspielen 70 oder 80. Das hängt immer davon ab, wie Schalke so spielt und wo sie stehen.
Pokalo.de: Und in dem Raum nebenan, der vollständig eingerichtet ist mit Schals, Wimpeln und Trikots von Schalke 04 und anderen inländischen und ausländischen Vereinsmannschaften - beliebt ist der Verein Schalke 04 schon sehr...
Wirt: Ja. Wie gesagt, da kommen immer mehr dazu. Die Plakate, die jetzt auch noch teilweise da hängen, ist nur ne Notlösung. Das ist alles noch Platz für die nächsten Sache, die abgegeben werden. Weil es kommen immer Sachen. Immer wieder. Um ihn in den Stand zu setzen oder die Sache zu waschen. Ich sach ma, der Schal vom Fanclub Mühlheim, der hing jetzt hier und der hängt jetzt vielleicht hier. Wenn die hier reinkommen am nächsten Spieltag, dann glaub mir, schon in der Tür schreien die schon: Wo ist mein Schal??? Und sehen nicht, dass der jetzt woanders hängt. Und das schöne ist einfach da geht auch keiner dran an nem Spieltag. Da verschwindet kein Trikot und kein Schal. Das ist einfach toll. Das is ne Gemeinschaft. Jeder ist stolz auf dat Ding.
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