07.03.07
Die mediale Fußball-Rettung
 
Autor: Daniel Wehner

Nach immer wiederkehrenden Gewaltekstasen in Leipzig und Hooligan-Attacken auf Dynamo Dresden-Spieler rückt die „dritte Halbzeit“ innerhalb und außerhalb der Stadien einmal mehr ins öffentliche Interesse. So fragte Erich Böhme in „Menschen bei Maischberger“: „Wer schützt uns vor der Jugend?“ Geladen war unter anderem Steffen A., Ex-Hooligan, der es sich nicht nehmen ließ, den Sportgeist und die Fairness der Hooligan-Szene beinahe nostalgisch zu betonen.
Zum vermeintlich medialen Krisengipfel kam es beim „Dresdner Gespräch“ im MDR, zum Brennpunkt Sachsen. Thema: „Prügel und Hass – Ist der Fußball noch zu retten? Als prominente konfliktbereite Redner traten unter anderem Hermann Winkler, Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Thomas Mulansky, Aufsichtsratschef von Dynamo Dresden, Torsten Rudolph, Fanprojekt Dresden, und Bert Eberlein, Dresdener Bereitschaftspolizist, an. Sie diskutierten über finanzielle Beteiligungen der Vereine an polizeilichen Einsatzkosten, justizielle Handlungsunfähigkeit und das Ungleichgewicht zwischen Prävention und Repression. Im Fokus der Diskussion stand zunächst der Vorschlag von Hermann Winkler, unkooperative Vereine mit einer Mitfinanzierung der Einsatzkosten zu sanktionieren. Denn wie er vorrechnete, kostet eine Hundertschaft an Polizeikräften 50.000 Euro Steuergelder. Und der Einsatz zehnfacher Hundertschaften, also 500.000 Euro, zur Sicherung von unterklassigen Fußballspielen sei in Sachsen keine Seltenheit. Mulanskys´ Konter: „Und warum müssen Steuerzahler die Kosten für Parteitage zahlen?“ Als schnell deutlich wurde, dass die an Verfehlungen reiche Geschichte unsäglicher Vergleiche durch ein Lasst-uns-Parteitage-mit-Hooligans-eindämmenden-Polizeieinsätzen-Gleichstellen erweitert war, leitete Moderator Andreas Rook nach kurzer Anspielung auf Dynamo Dresden das nächste Thema ein: „Wir müssen konstatieren, dass am gleichen Ort, immer wieder das gleiche passiert.“ Und Winkler hakte ein: „Wir haben ein Problem, dass nicht totzuschweigen ist [...] Die Hemmschwelle hat sich verändert [...] Die Leute, die immer wieder unter Vorsatz handeln, brauchen die harte Hand des Gesetzes.“ Da war sie wieder, die „harte Hand des Gesetzes“, die ultimative staatliche Drohgebärde, für jeden Links-Ideologen ein wahrlich angsteinflößender Terminus. Und so fühlte sich auch Torsten Rudolph bedrohlich in die Ecke gedrängt: „Entschuldigung, ich komme mir die ganze Zeit wie im falschen Film vor. Wir tun hier so, als gingen nur Kriminelle ins Stadion. Aber es ist nicht einmal das Wort Prävention gefallen.“ Ein Hauch von Streitgespräch kam auf. Denn Winkler fackelte nicht lange: „Jetzt bin ich gereizt. Soll ich den Leuten etwa zwei Psychologen an die Seite stellen und noch eine Jogaübung mit ihnen machen. Was ist denn mit denjenigen, die Schreckschusspistolen mit ins Stadion bringen?“
Rudolph wusste noch eine ausreichende Antwort unterzubringen: „Wo es hinführt, wenn man nur auf Repressionen setzt, zeigt Italien.“ Dann war das Konfliktpotential auch gleich wieder verflogen. Denn auf die Frage („Die Fans sind in der Mehrheit, aber haben sie auch die Oberhand?“)von Rook wollte keiner so recht antworten. Eberlein schwärmte noch etwas vom eingesetzten Umdenken bei der Polizei, von eingeführten Deeskalationstruppen und von neuen Lautsprecher-Kraftwagen. Winkler verdeutlichte erneut, dass er die Vereine erziehen wolle. Malunsky bestätigte, dass sich die Vereine in manchen Bereichen gerne erziehen lassen. Und am Ende sprachen alle von einem gesunden Mix aus Prävention und Repression. Sätze wie „Da sind wir ja ganz nah beieinander“ hatten plötzlich Hochkonjunktur, und die versammelte Talkrunde lag sich verbal in den Armen. Derweil hatten sich die Zuschauer im TED zu 79,5 Prozent für eine Beteiligung der Vereine an polizeilichen Einsatzkosten ausgesprochen. Dem restlichen Fünftel klangen wohl noch die Parteitage im Ohr.

 
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