Autor: Henning Hildebrandt

03.11.06
Als Allofs das rosa Trikötchen stahl
Was im März 2006 wirklich geschah
 
Tim war mit Thorsten und seiner gesamten Mannschaft auf dem Heimweg aus Italien. In diesem Spiel bei Juventus Turin hatte Tim 87 Minuten seine große Klasse bewiesen, um dann in der 88. Minute durch einen dreifachen Abroller nach geglücktem Hinunterpflücken einer Linksflanke den bereits sicher gehaltenen Ball vor die Füße des Brasilianers Emerson zu legen. Den brav aufgelegten Ball verwandelte der hinkende Mittelfeldmann der alten Dame kurz entschlossen ins leere Bremer Tor. Thorsten hatte schon gar nicht mehr hingeschaut, so tief hatte sein Freund Tim den Ball schon unter seinem rosa Trikot begraben. Und dann diese Matula-gleiche Garagentor-Rolle in Höhe des Elfmeterpunktes. Aus in der Champions-League nach großem Kampf und noch größerer Zuversicht, es tatsächlich fast geschafft zu haben. Der Flug mit der Chartermaschine erschien endlos. Traurig blickte Tim über die Wolken hinaus in die dunkle Nacht. Weiter vorne im Flieger saßen Thomas und Klaus. “2005 gegen Lyon war schon schlimm. Aber 2006 in Turin war noch schlimmer.”, sagte der Trainer zum Manager. Und dieser konnte nur müde mit dem Kopf nicken. Ob man denn nicht mal mehr reden könne, fragte Schaaf trotzig, aber Allofs wandte den Kopf nach hinten und deutete auf den Torwart. Es wurde stiller im Flugzeug, Tim flossen Tränen über die Wangen. Am Samstag werde er es allen wieder zeigen, dachte er. Seinem Freund Thorsten. Und auch den beiden Herren Schaaf und Allofs.
Die Zeitungen lästerten fortan über das rosa Schwein im Bremer-Tor. Vermutlich wäre der Druck zu groß und der Fanlager übergreifende Hohn zu stark, den sich Tim Wiese mit diesem Trikot und der steten Diskussion über die Geschmacklichkeit des Farbtons zumutete.
Am folgenden Samstag zog sich Tim sein rosa Lieblingstrikot dennoch wieder über den Leib, das er damals vom Kaiserslauterer Torwarttrainer Gerry Ehrmann geschenkt bekommen hatte. Ein wenig schwul sehe es aus, sagte dieser damals, aber es werde dir in deiner Karriere noch viel Glück bringen. So sollte es auch diesmal wieder sein. Im Heimspiel gegen Hertha BSC. Die ersten Minuten gelang es dem Schlussmann noch, die Kritiker zu verstummen. Doch von Minute zu Minute verschlechterte sich seine Leistung immer mehr, das Spiel endete von Tim nicht unverschuldet mit 0:3 und aus der rosa Zukunft der Werderaner wurde binnen vier Tagen eine tief schwarze. Wiese, wieso? Doch Thomas und Klaus wurden nicht schlau aus ihrem Schlussmann. Eine Woche später: “Tim, wir müssen los. Pack deine Sachen. Auf nach Nürnberg.” Wohnhaft bei seinen Eltern, waren es noch diese, die ihn zum Treffpunkt brachten und die Tasche packten. Aber Mannschaftskapitän Frank musste sich um sich selbst kümmern. Eilig wurde gepackt. Hose, Stutzen, Haargel, gelbes Trikot, noch mal Haargel, denn 90 Minuten sind eine lange Zeit und der Scheitel muss sitzen. Tasche voll. Und ab.
Nichts wurde es mit der Wiedergutmachung, 1:3 in Nürnberg. Nächstes Mal würde er wieder rosa tragen. Dann kam Thorsten auf ihn zu, das Handy in der linken Hand. “Hast du den Allofs gesehen?”
“Nein”, erwiderte Tim.
“Er ist in Bremen geblieben. Er hat alles geklaut, sagt die Vereinsführung”, erklärte Frings weiter. “Man nennt das ‘Konfiszierung des Eigentums’. Dein Spind ist leer.”
Tim setzte sich in den Bus. “Thorsten, diese… diese ‘Konfiszierung des Eigentums’, oder wie man es nennt - hat der Allofs alles mitgenommen. Auch meine Sachen?” Tim versuchte, es sich vorzustellen. Das Porsche-Modellauto… die alten Reusch aus Lauterer-Tagen… alle Sachen, auch das rosa Trikot. Es hatte eine schwarz bedruckte Nummer, es war so kuschelig weich und es sackte so reizend zusammen, wenn man es in die Ecke schmiss. Die Farbe war, obgleich verwaschen, so schön rosa, so vertraut. Warum nur hatte er statt des lieben rosa Trikots dieses völlig blöde gelbe Torwarttrikot mit nach Nürnberg genommen? Das war ein arger Fehler und er würde ihn nie wieder gut machen können. “Jetzt trägt der Allofs das vermutlich”, sagte Thorsten. “Und hat mein Trikot lieb”, sagte Tim und lachte. Aber gleichzeitig liefen ihm wieder Tränen über die Wangen. “Weg ist es. Und nicht mal mehr reden kann man mit dem.” Seine Meinung interessierte nicht. Allofs hatte sein rosa Trikötchen geklaut. Und irgendwie war diese Geschichte nicht ganz neu, erinnerte sich Tim an Judith Kerr und die kleine Anna.