Autor: Daniel Wehner

25.08.06
Fünfjahreswertung: Deutschland punktet im Positionsgerangel
 
Nur noch Sekunden bis zum Schlusspfiff. Im Reyno de Navarra-Stadion hatte die Nachspielzeit begonnen, als Savo Milosevic Anlauf nahm, um das Leder ins HSV-Gehäuse zu wuchten. Von rechts kommend schien die Flanke genau auf seine Stirn gezirkelt. Er stieg hoch, entschied sich für das völlig offene rechte Toreck, und dann das! Sein von hinten heranfliegender Sturmpartner Achille Webo störte die Flugbahn und köpfte den Ball über das Tor. Kurze Zeit später sackte Webo zusammen, Spielende. Er wusste, dass er die letzte Chance auf ein Weiterkommen vereitelt hatte. Derweil hüpften die Hamburger bereits in Kreisformation über den Rasen, um ihre Leistung gebührend zu feiern.
Anders als beim deutsch-englischen Vergleich im Jahr 2000 (1860 München – Leeds United) oder dem deutsch-belgischen Vergleich 2003 (Borussia Dortmund – Club Brügge), ging dieses Mal die deutsche Mannschaft als Gesamtsieger vom Feld. Der HSV erreichte zum zweiten Mal nach 2000/2001 wieder die Champions League-Gruppenphase.
Nur zwei Tage später schaffte Berlin die Qualifikation für den Uefa-Cup gegen Ameri Tiflis.
Diese Erfolge könnten für den deutschen Fußball von großer Bedeutung sein. Denn solange die Seuchensaison von 2003/2004 Einfluss auf die Fünfjahreswertung nimmt, sind deutsche Klubs im Zugzwang.
Hamburg, Berlin und Kaiserslautern schieden damals in der ersten Runde des Uefa-Pokals gegen osteuropäische Vorstadtvereine aus, deren Herkunft eher auf soliden Ackerbau, dezente Minusgrade oder gut bürgerliche Küche als auf gepflegte Fußballkunst vermuten ließ.
Auch Schalke und Dortmund mussten in Runde zwei die Segel streichen. Als dann auch Stuttgart und Bayern den favorisierten Londonern (Chelsea) und Madrilenen (Real) im Champions League-Achtelfinale unterlagen, war die Bankrotterklärung deutscher Fußballphilosophie perfekt – verwunderlich, dass danach keine Todesanzeigen deutscher Vereine in englischen Medien kursierten.
Europas Fußball-Elite duellierte sich in den folgenden Runden ohne deutsche Beteiligung. In der Endabrechnung der Uefa-Fünfjahreswertung machte das für Deutschland einen Saisonschnitt von rund 4700 Punkten. Ein historischer Tiefpunkt, den die Bundesliga seitdem nicht mehr unterschritt. Und das sollte sie auch nicht, will sie ihre derzeitigen sechs Europapokalplätze behalten. Denn zu einem vergleichbar schlechten Wert stolperte sich keine der sieben besten Ligen in den letzten fünf Jahren. Sogar Portugal, Belgien und die Niederlande lieferten in den zurückliegenden fünf Jahren ausschließlich bessere Ergebnisse ab. Das Problem dabei: Solange die Saison 2003/2004 in der Fünfjahreswertung Geltung findet, hat die Bundesliga nur theoretische Chancen, sich den an England verlorenen siebten Europapokalplatz wiederzuholen. Der derzeitige Alltag beinhaltet eher Positionsgerangel mit Portugal, Rumänien, Rußland oder den Niederlanden. Selbst die einst so blasse französische Ligue 1 hat der Bundesliga den Rang abgelaufen.
Gefährlich wird es erst, wenn die Verfolger, unter anderem vertreten durch den FC Porto, Steaua Bukarest, ZSKA Moskau oder den PSV Eindhoven diese Saison besser Punkten als die deutschen Vereine. Europokalplatz sechs wäre dann nicht mehr zu halten. Allein Rumänien hat in der letzten Saison mehr als 6000 Punkte auf die deutsche Liga gut gemacht. Sollte Deutschland in Folge miserabler Leistungen von Platz fünf auf Platz sieben abrutschen, wären künftig nur noch zwei Vereine für die Königsklasse spielberechtigt, wovon sich der Zweitplatzierte qualifizieren müsste. Diese Bedrohung gilt es abzuwehren, bevor wieder größere Aufgaben locken. Spätestens übernächste Saison könnte erneut Kurs auf Platz drei genommen werden. Denn dann ist die Saison 03/04 nichts weiter als ein schwarzer Fleck deutscher Fußball-Geschichte.