Autor: Henning Hildebrandt

28.09.06
Das Leben des Peter N.
 
„Die Stimmung ist eigentlich wie vor dem Spiel. Mit dem kleinen Unterschied, dass wir aus dieser äußert großen Minimalchance, minimaler geht’s gar nicht mehr, eine etwas kleinere gemacht haben, die größer geworden ist.“ Seine Markenzeichen: Jeans, blaues Jackett, Fußballphilosoph.
Peter Neururer ist wahrscheinlich einer der beliebtesten Gesprächspartner der Medienwelt, die sich mit dem Fußball beschäftigt oder zumindest versucht, darüber zu berichten. Die einen befragen ihn zu den Gegebenheiten der Bundesliga und seinem Verein, andere wollen letztlich nur wilde Kampfansagen und hochgestapelte Zielsetzungen aus ihm herauslocken. Zweifellos ist Peter N. ein gern gesehener Gast, seine Sprüche sind legendär, sein Erfolg meist kurzweilig und seine Karriere als Fußballtrainer so rasant und unvorhersehbar wie kaum eine andere bei seinen Kollegen. Insgesamt 12 Stationen durchlief Peter N. seit 1987, wenige Arbeitsaufträge hielten länger als ein Jahr und zumeist wird er gerufen, wenn beinahe alles zu spät ist, um ihn zu feuern, wenn es wieder soweit ist. Der Ruf als Feuerwehrmann eilt ihm oft voraus. Meist erfolgreich sichert er den kaum für möglich gehaltenen Klassenerhalt des Vereins, lässt sich in die Herzen der Fans spielen, gibt die Richtung für die nächste Saison vor und scheitert letztlich wegen der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität.
Bereits 1987 versuchte sich der diplomierte Sportlehrer als Fußballtrainer im deutschen Profigeschäft. Als Spieler selbst nie über die Regionalliga hinaus aktiv betrat er im September desselben Jahres die Fußballbühne und trainierte zwei Monate die Spieler von RW Essen. Seine erste ernstzunehmende Anstellung erfolgte bei der Alemannia aus Aachen. So übernahm er diesen Verein aus der 2. Bundesliga am 22. Spieltag der Saison 87/88 und führte ihn von Platz 11 auf Platz 6. In der darauffolgenden Spielzeit verließ Peter N. die Stadt am Niederrhein am 27. Spieltag, ließ einen sicheren 7. Platz zurück, um fortan zurück in das Ruhrgebiet zum FC Schalke 04 zu wechseln. Als Kind des Potts zog es ihn zurück zu den Hochöfen der Stadt, dessen Verein auch heute noch seine größte Fußballliebe ist. So vollbrachte er das Kunststück die abstiegsgefährdeten Schalker binnen 11 Spieltagen von Platz 18 auf einen sicheren 12. Platz zu führen – der Mythos des Feuerwehrmannes lernte laufen -, um gar in der folgenden Saison 90/91 am 17. Spieltag auf dem 2. Aufstiegsplatz zu stehen. Völlig überraschend wurde er trotz des Erfolges im November 1990 vom Präsidenten Günter Eichberg gekündigt. Das Schalker Vereinsmitglied Neururer kehrte seiner Heimat den Rücken und wurde vom abstiegsbedrohten Hauptstadtclub Hertha BSC verpflichtet.

„Zu Höherem berufen“

Dieser Schritt ins Fußballoberhaus 1. Liga sollte die langersehnte Erfüllung eines Traums sein, den er schon von Kindesbeinen hatte: Bundesligatrainer. Wie er dem Fußballmagazin „11Freunde“ in einem Interview 2005 verriet, war es seine Frau, die ihm die Fußballlehrerausbildung bezahlte. Und es waren seine Bekannten, die ihm vor dieser Zukunft warnten. Ohne das Renommee ehemalig erfolgreicher Spieler zu sein, sei dieser Erfolg nicht zu erreichen. Doch Peter N. fühlte sich schon damals zu Höherem berufen und sollte nun am Ziel seiner Träume angelangt sein. Aus dem Traum wurde schnell ein Alptraum für alle Beteiligten. Am 31. Spieltag der Saison 90/91 endete sein zweimonatiges Engagement in der deutschen Metropole nach einer 3:7 Pleite gegen den FC Bayern München. Als Feuerwehrmann - als dieser wurde er geholt – konnte er den Abstieg nicht verhindern und räumte seinen Platz auf der Trainerbank dort, wo er ihn übernommen hatte: Platz 18.
Seiner Erstligaberufung kehrte er den Rücken, Erfahrungen sammeln stand nun auf dem Lebensplan, so zog es ihn ins Saarland und er wurde Trainer von Wolfram Wuttke und dem 1. FC Saarbrücken. In der zweigeteilten 2. Bundesliga, die schon nach einem Jahr der Nord-Süd-Mauer wieder vereint wurde, gelang Peter N. erstaunliches. Er schaffte den Aufstieg des Vereins, hatte seinen ersten größeren vorzeigbaren Erfolg und war wieder dort, wo er noch zuvor verjagt wurde, in der Liga seiner Träume. Doch Neururerchöre und Präsidiumszusprüche halten nur solange der Erfolg mit einhergeht und so musste er zum Einen ansehen, wie der Verein die Klasse und zum Anderen die Führungsetage ihn nicht halten konnte.
Es folgte der Absturz in die Arbeitslosigkeit, nicht weil ihm, wie er der „Zeit“ erzählte, keine Angebote vorgelegen haben, sondern weil er aus „Überheblichkeit“ und wegen der „höheren Berufung“ eines Peter Neururers kein Interesse an abstiegsgefährdeten Erstligisten oder gar Zweitligisten hatte. Peter N. spricht gerne von sich in der dritten Person. Vielleicht weil er sich selber gerne reden hört. Das Loch der Erfolglosigkeit wurde größer. Heraus kam er nur schwer. Nach über einem Jahr ohne Beschäftigung, also „verlorener Tage“, unterzeichnete Peter N. die Anfrage von Hannover 96. Sein knapp siebenmonatiges Intermezzo in der 2. Liga begann und endete jedoch im Laufe der Saison 94/95 ohne wesentlichen Erfolg der Mannschaft, für deren Aufbau er nicht verantwortlich war. Obwohl das den Trainer Neururer bis dahin auszuzeichnen schien: Erfolg mit einer Mannschaft ohne selbst gestaltete Saisonvorbereitung.
Die Leiden den Peter N.. Sie gingen weiter. Bis Mai 1996. Der 1. FC Köln war bereits so gut wie abgestiegen als sein Engagement in der 1. Bundesliga begann. Er hob den Verein in 9 Spieltagen von Rang 17 auf Rang 12 und schloss die folgende Saison 96/97 erneut im Mittelfeld ab. Gar eine dritte Spielzeit folgte, allerdings blieb der Erfolg aus und der Verein entzog seinem Trainer das Vertrauen. Seiner längsten Amtszeit folgte wiedereinmal eine Auszeit. Der Vorwurf wurde lauter, dass er sein Pulver zu schnell verschieße und die Mannschaft nach Höhenflügen nicht mehr erreiche.
Als Heilsbringer wechselte Peter N. die Rheinseite, versprach den Fans und den Verantwortlichen von Fortuna Düsseldorf, die Drittklassigkeit zu verhindern. Man glaubte ihm. Er war eben der Feuerwehrmann. Egal, was nach der Saison passiert, denn im Tagesgeschäft Fußball interessiert in Krisenzeiten eines Vereins nur die naheste Zukunft. Ein teils etablierter Erstligatrainer werde den Absturz in den Amateursport zu stoppen wissen. Wusste er nicht. Knappe drei Monate etablierte er den Traditionsverein auf dem letzten Platz bis er gehen musste und mit ihm die Hoffnung.
Ähnlich erging es ihm bei Kickers Offenbach ein Jahr später, wo er erneut die zweite Klasse nicht halten konnte. Nur, dass er diesmal blieb. Bis zum 2. Spieltag der folgenden Saison. Ein trauriger Rekord. Seine Trainerkarriere schien steil bergab zu gehen. Denn den Ruf des Retters zu verlieren, das könnte ein Peter Neururer sich nicht erlauben. Die Kultfigur, wie er von den Medien genannt wurde, mutierte zur Randfigur in unteren Sphären des Profifußballs. So war Skepsis geboten als er nur einen Monat später in Ahlen erneut bei einem abstiegsbedrohten Zweitligaverein anheuerte. Der Erfolg wurde nun zur Pflicht. Für den Trainer Neururer, aber auch für den Menschen Neururer, wenn er seine Glaubwürdigkeit vor sich selbst und seiner Umgebung bewahren wollte. Die Rettung gelang in jener Spielzeit 2000/01. Peter N. manövrierte den Klub von Platz 18 auf Platz 6 und wurde zum gefeierten Helden des Sommers. Im Herbst kehrte der Alltag ein und mit ihm die Kündigung wegen Erfolglosigkeit. Doch Erfolge wecken Interesse. Die Achterbahnfahrt des Peter N. sollte zu ihrem Höhepunkt aufsteigen.

„Bochum kann deutscher Meister werden“

Er war wieder da, wo er sich heimisch fühlte, im Kohlenpott, wie das Gebiet rund um Dortmund, Gelsenkirchen und Bochum liebevoll genannt wird. Dort, wo der Fußball noch ehrlich ist? „Nein, denn welche Essener spielen noch in Essen, oder Wattenscheider in Wattenscheid, oder Dortmunder in Dortmund...“ Ehrlich, weil spezifisch, seien Zugehörigkeitsgefühl und Fanverhalten, nicht aber die Qualität des Fußballs, wie er der „11Freunde“ offenbarte. Und tatsächlich sollte Peter N. hier, in Bochum, endlich dazu gehören. Der Verein verpflichtete ihn am 04.12.2001 als Tabellenfünfter der zweiten Liga. Man erreichte den Wiederaufstieg und der Trainer Neururer erwies sich als Glücksgriff des Vereinsvorstandes. Peter N. etablierte die Fahrstuhlmannschaft im Jahr darauf in der Bundesliga. Und die Mannschaft und die Fans etablierten ihren Trainer, der einer von ihnen war. In seiner Liga. Die Krönung des persönlichen Erfolges folgte in der für Bochum legendären Saison 02/03: Platz 5 nach 34 Spieltagen. Uefa-Cup-Qualifikation. Und zudem noch vor den großen Rivalen aus Dortmund und Schalke. Die Geburt des neururerischen Moonwalks vor der Fantribüne wurde neues Markenzeichen des Peter N.. Dass er zwischenzeitlich davon sprach, dass der VfL auch deutscher Meister werden könnte, zwar nicht in jener, aber sicher in kommenden Spielzeiten, und, dass der VfL nie wieder absteigen würde, sind Sätze, die ein Peter Neururer eben spricht. Für die Medien, für die Fans. Für seine, wie er immer wieder gerne selber betont, polarisierende Person. Der VfL wurde in der folgenden Saison nicht Meister. Uefa-Cup-Sieger auch nicht. Und noch nicht einmal Fünfzehnter. Die Ära Neururer war vorüber, seine bislang größte und, wie er selbst sagt, schönste Zeit war Geschichte. Einvernehmliche Trennung zum Abstieg in Liga 2. Die Achterbahnfahrt hatte doch nur einen – schönen - Zwischenstopp vor der erneuten Abfahrt gemacht.

"Ewald Lienen ist ein sehr guter Trainer"

Die Karriere ging weiter, auf Jobsuche mit der Zigarette im Mund, denn aufgehört wird erst wieder, wenn ein neuer Verein gefunden worden ist. „Man muss ja gewisse Ziele haben.“ (11Freunde). Ob er mit dem Rauchen aufgehört hat, kann dahinstehen, aber einen Verein hatte er gefunden. Und der sollte im November 2005 wieder Hannover 96 heißen. Die Zielsetzung der Niedersachsen war klar: einstelliger Tabellenplatz, Steigerung zur Vorsaison. Peter N. übernahm die Mannschaft von Ewald Lienen und das machte er gern, denn Mannschaften, die Ewald Lienen trainiert hat, seien optimal vorbereitet. Dass er zwei Tage nach dessen umstrittener Entlassung bereits als neuer Trainer auflief, ließ jedoch auch die Neururersympathisanten den Kopf schütteln. Als Anwalt der Trainer formulierte er für sich selbst gern, dass er sich den Mund nicht verbieten lasse und als einer der ganz wenigen, umstrittene Trainerentlassungen und deren Verantwortlichen an den Pranger (der Medien) stelle. Und nun profitierte er selbst von einer solchen. Den Medien war es dann doch egal, sie hatten ihren Peter N., den Sprücheklopfer, den Hochstapler, die Kultfigur wieder. So versprach er Erfolg für den Verein und schrieb Tagebuch in der Bild über Hannover 96. Von Platz 13 auf Platz 12 hievte er den Verein, musste sich im Sommer ansehen, wie seine Spielerwünsche unerfüllt blieben und wichtige Mannschaftsteile gewinnbringend verkauft wurden. Nach drei Spielen, null Punkten und 2:11 Toren trennten sich beide Parteien einvernehmlich wegen Erfolglosigkeit. Der Startschuss einer Krise für Peter N.? Auf die Frage, wie schmal der Grat zwischen „Lauf“ oder „Krise“ im Fußball ist, antwortete er 2003 in der „Zeit“: „Superschmal. Das ist manchmal ein Lattenschuss, ein Eigentor, eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters. Ereignisse, die ich als Trainer teilweise nicht beeinflussen oder sogar nicht beurteilen kann.“ Zu Beginn der Krise bei 96 verlor Hannover 2:4 gegen Bremen am 1. Spieltag. Bis zur 79. Minute führten die Hannoveraner übrigens noch mit 2:1. Der Philosoph Peter Neururer hatte recht und die Vereinskrise kostete ihm den Trainerjob. Mal abwarten, wie lange...