Autor: Daniel Wehner

03.11.06
Calcio Mafioso
Die zweifelhafte Rechtssprechung der dritten Instanz
 
„Das Urteil im italienischen Fußballskandal ist gesprochen: Juventus Turin, Lazio Rom und der AC Florenz müssen in die Serie B absteigen. Der mitangeklagte AC Mailand bleibt erstklassig, darf aber in der kommenden Saison nicht in der Champions League starten,“ so die Meldung von Spiegel Online am 14.07.06. In der Urteilsbegründung sahen es die Richter als erwiesen an, dass sich die verurteilten Klubs des Sportbetruges schuldig gemacht hatten. Im Klartext: Vor allem Juve-Manager Moggi hatte etliche Spiele durch Bestechung manipuliert und somit mindestens zwei komplette Meisterschaft verschoben. Die Konsequenz: 30 Punkte Abzug für Juventus Turin, die Aberkennung der letzten beiden Meisterschaften und die Zwangsversetzung in die Serie B. Moggis persönliche Strafe sah eine fünfjährige Berufssperre vor. Somit waren die Schuldigen mehr oder weniger angemessen bestraft, und die Chance für einen Neuanfang war zumindest ansatzweise gegeben. Doch was die anschließenden Wochen mit sich brachten, verwunderte schon sehr. Da wischten Berufs- wie Schiedsgerichte den letzten Hauch italienischer Integrität mit einer Selbstverständlichkeit davon, die den wichtigsten Prozess des italienischen Fußballs zu einer Farce degradierte.
Noch einmal zur Erinnerung: Nach dem ersten Urteil legten sämtliche verurteilten Vereine Revision ein. Als das Urteil der ersten Instanz wenige Wochen später deutlich gesenkt wurde, legten sie wieder Revision ein. Und wer weiß, wie die zweite Revision ausging? Richtig, auch die zweite Revision endete vergangenen Monat mit Straflinderung. Fazit: Juventus Turin hat anstatt mit 30 Punkten Abzug nur noch mit neun Punkten zu kämpfen. Lazio Roms Handicap wurde von elf Abzugpunkten auf lediglich drei Minuszähler verringert. Und der AC Mailand erhielt bereits im Vorfeld die zuvor versagte Freigabe für die Champions League.
Ein schöner Tag für Fußball-Italien. Schließlich ging es doch um die Existenz wahrlich großer Traditionsvereine. Da muss man es mit der Rechtsstaatlichkeit auch nicht gleich übertreiben. Und einen Freudenreigen tanzenden Mailand-Paten Silvio Berlusconi, Lazio-Chef Claudio Lotito oder Juve-Präsident Giovanni Cobolli Gigli mag man sich doch gerne vorstellen. Über das ganze Gesicht grinsend, als hätten sie ein gebogenes Ciabattabrot zwischen den Mundwinkeln versteckt, ein freilich schönes Bild.
Bleibt also festzuhalten: Im größten Skandal des italienischen Fußballs wurde ein offensichtlich befangener Richter in erster Instanz eingesetzt. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass zwischen seinem Urteilsspruch und dem aktuell vermeldeten Strafmaß – trotz gleicher Faktenlage – die saisonale Punkteausbeute eines FBC Treviso (italienischer Absteiger 05/06) Platz findet. In Italien scheint Befangenheit an den Gerichten übrigens keine Seltenheit. Denn auch das Urteil in zweiter Instanz wurde anschließend revidiert, im Zweifel für den Angeklagten, versteht sich. Wo doch die meisten Beteiligten schon Geständnisse abgelegt hatten, bestanden natürlich noch erhebliche Zweifel. Übel hatte man ihnen mitgespielt in den ersten beiden Verhandlungen. Nur weil der mediale Rummel allzu groß war, gleich derart empfindliche Strafen zu verhängen. Nein, das konnte das Schiedsgericht des italienischen Nationalen Olympischen Komitees nicht so stehen lassen. Also entschieden sich die Richter in letzter Instanz für eine Strafe, die in Deutschland verhängt wird, wenn das Trikot einer Auswärtsmannschaft in falschen Farbnuancen schimmert. Aber um so viele Jahre ging es eigentlich auch gar nicht. Schließlich hatten die Klubs doch nur die ein oder andere Meisterschaft verschoben, ab und an mal einen Schiedsrichter bestochen und zum wirtschaftlichen Ruin kleinerer Vereine kam es in der Summe gesehen doch auch eher selten. Und wenn sich der Italienische Justizminister Clemente Mastella für eine Amnesie der Weltmeister ausspricht, dann wird das schon alles seine Richtigkeit haben. Vielleicht sollten die Richter der nächsten Instanz darüber nachdenken, die Strafen ganz aufzuheben, um den beteiligten Vereinen eine Belohnung auszusprechen. Denn letztendlich ermöglichte der Manipulationsskandal doch erst die Trotzreaktion, mit der Italien zur Weltmeisterschaft stolperte.
Dann noch ein kleiner Aufruf in eigener Sache. Herr Moggi, wenn sie über ihren Dolmetscher zufällig auf diesen Artikel stoßen und Ihnen der Inhalt missfällt, kein Problem! Wir leben nicht umsonst in einer Demokratie. Unsere Ausgabe erscheint monatlich und meine Kontonummer ist unter Kontakt erhältlich. Da lässt sich schon was machen. Ansonsten finden Sie bestimmt Gefallen an unserer Tabelle (Link). Viva Italia!