Autor: Tim Sohr

03.11.06
Der Kapitano und andere Kompromisse
 
„Jedenfalls glaube ich nicht, dass er sich bei Chelsea durchsetzen wird!“
Mein Vater redet sich langsam in Rage. Seit zehn Minuten nervt er mich nun schon mit ausufernden Unmutsbekundungen über den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft.
„Nun, ich glaube schon, dass er es in London schafft“, erwidere ich, „und wenn nicht, wären die neunmalklugen Bayern doch die Ersten, die ihn kleinlaut und mit Kusshand wieder zurücknehmen würden.“
„Die Bayern weinen dem keine Träne nach, davon kannst du aber ausgehen.“ Mein alter Mann bleibt stur. Geradezu unerklärlich festgefahren.
„So? Das hört sich für mich aber ganz anders an. Man muss sich nur einmal die Sprüche seiner ehemaligen Mannschaftskollegen anhören. Und dann nur ein bisschen zwischen den Zeilen lesen. Und überhaupt: Wer ist denn in dieser Saison der adäquate Ballack-Ersatz? Mark van Bommel? Darf ich mal lachen?“ Meine einzige Chance besteht darin, so provokativ wie möglich zu kontern.
„Ich verstehe den ganzen Hype sowieso nicht“, fährt mein Vater fort, „was in aller Welt hat Ballack denn in seiner bisherigen Karriere überhaupt erreicht?“
„Mit Verlaub hat er Deutschland 2002 ins WM-Finale geschossen“, entgegne ich süffisant, „da wäre die Mannschaft ohne ihn – und Oliver Kahn – wohl kaum gelandet…“
„Und wo war er im Finale? Gesperrt! Na herzlichen Glückwunsch…“
Das kann er nicht ernst meinen. Ich komme mir vor wie in der Stadionkneipe nach dem dreizehnten Bier.
„Darauf gehe ich jetzt nicht ein, Papa, das ist mir zu billig“, sage ich und versuche, einen resignierenden Unterton in meine Worte zu mischen, obwohl ich eigentlich viel zu wütend bin.
„Und bei der WM in diesem Jahr“, er lässt nicht locker, „was war da los? Ich habe kein Ballack-Tor gesehen, du etwa? Aber alle sagen, er sei der torgefährlichste Mittelfeldspieler Europas. Oder der Welt. Oder so…“
Mein Vater guckt sich ständig alle möglichen beschissenen Analysen im Fernsehen an. Netzer, Delling, Klopp, Lattek, die komplette Riege der vermeintlichen Allwissenheit. Ich spare mir daher alle Argumente, in denen Ballack dem deutschen Trainergespann kurz vor der WM eine Taktikänderung nahe legt oder in denen Ausdrücke wie „in den Dienst der Mannschaft stellen“ vorkommen. Diese Wahrheiten müsste er eigentlich allesamt schon kennen. Ich weiß, dass er sie kennt.
„Ballack hat mit Bayern in vier Jahren drei Mal das Double geholt“, wechsele ich einigermaßen verzweifelt das Thema, „und das, obwohl er unter ständiger Sonderbeobachtung seiner überkritischen Vorgesetzten stand. Nur ein wirklich großer Spieler hat so ein dickes Fell!“
„Nur ein wirklich großer Spieler führt seinen Verein ins Champions-League-Finale“, giftet mein Vater weiter, „und was haben die Bayern da in den vier Jahren mit Ballack erreicht? Da war das Viertelfinale doch das Höchste der Gefühle…“
…wenn er jetzt noch mit Bayer Leverkusen anno 2002 kommt, dann drehe ich durch…
„…und was war überhaupt in der einen Saison“, fährt er fort, „wo Leverkusen – mit Ballack – überall Zweiter geworden ist?“
Jetzt reicht es mir. Ich erwidere nichts mehr, stelle den Fernseher lauter und starre ignorant auf den Bildschirm. Barcelona gegen Chelsea, das Rückspiel, wird gleich angepfiffen. Der eigentliche Grund, warum ich mich mit meinem Vater hier zum Fußballabend verabredet habe. Und weil ich nicht mehr auf seine Tiraden eingehe, beruhigt er sich langsam. Es macht ihm offensichtlich keinen Spaß mehr, weil ich seinen Radikalabhandlungen kein Forum mehr biete.
Ich lächele in mich hinein. Über keinen Aspekt des alltäglichen Lebens können so viele abstruse und nicht rational widerlegbare Meinungen gebildet werden wie über den Fußball. Und das Beste daran ist: Es ist egal! Weil es keinem schadet und zudem zumeist einfach nur hochgradig amüsant ist.
Es gibt Tabellen, es gibt Laktatwerte, es gibt unzählige Statistiken. Aber wenn sich ein Betrachter ein Bild von einem Spiel, einem Spieler, einer Trainerentlassung oder einer x-beliebigen Spielsituation gemacht hat, dann nützt das alles nichts mehr. Dann gibt es Pro, dann gibt es Kontra, dann gibt es die Meinung von Franz Beckenbauer, und im Endeffekt stimmt immer alles und nichts.
Ich habe Grundsatzdiskussionen mit meiner Mutter geführt und Streitigkeiten mit meiner Freundin ausgefochten, aber die in ihrer ganzen Sinnlosigkeit befreiendsten Auseinandersetzungen habe ich seit jeher mit anderen Fans geführt. Nirgendwo ist die Rezeption so subjektiv wie im Fußball mit all seinen emotionalen Aspekten. Und nirgendwo herrscht eine größere Meinungsfreiheit. Beziehungsweise Narrenfreiheit. Beziehungsweise Meinungsfreiheit. Ein riesengroßer Expertenzirkus. Jeder ist eingeladen, sich auszutoben. Denn schließlich gibt es nirgendwo schönere Wortgefechte. Und deshalb kann dieses Spiel ja auch so ein großartiges und friedliches Ventil sein. Weil es den ultimativen Kompromiss beinhaltet. Eine der letzten Konstanten in unserer hochtrabend technisierten Umgebung, der jegliche Sicherheit schon vor geraumer Zeit abhanden gekommen ist. Der sportliche Volksmund behauptet gerne, der Fußball sei ein Spiegel der Gesellschaft. Aber wenn das wirklich so wäre, dann wäre diese Welt ein angenehmerer Ort. Darauf verwette ich mehr, als es sich Robert Hoyzer je getraut hätte. „Was hältst du eigentlich von Frank Lampard?“ fragt mich mein Vater, als die Kamera zur Champions-League-Hymne die Chelsea-Mannschaft abfährt.
„Nicht viel“, antworte ich.
„Genau!“ nickt er zustimmend.