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28.09.06
Ein Gespenst geht um in Fußball-Deutschland
Sie hingen an Fassaden, klemmten an Auto-Karosserien, kleideten unzählige Fahnenstangen in Deutschlands Vorgärten: schwarz-rot-goldene Flaggen. Vereinzelt prunkte sogar der Deutsche Adler darauf. Nun musste auch dem Letzten klar sein, dass es sich dabei nicht etwa um Sympathiebekundungen zu den nicht qualifizierten belgischen Anrainerfreunden handelte. Deutsche feierten also deutsche Symbole, und das ausgerechnet bei dem Ereignis, dass doch die versammelte Welt verfolgen sollte.
Für einige Links-Liberale schien das zu viel. Und so debattierten sich eingeschworene Pazifisten von einer zur nächsten Talkshow, um dem WM-Patriotismus seinen gefährlichen Glanz zu nehmen. Denn plötzlich ging es nicht mehr um Fußball, sondern um mehr. Unbehangen machte sich unter den Linken breit: die Angst vor der Nation, dem Kollektiv, der braunen Bestie. Hatte die Vergangenheit doch bewiesen, wozu sie fähig ist.
Wohlwissend um die Bürde ihrer Vergangenheit, feierten deutsche Landsleute also ihre Nationalfarben, ihre Nationalhymne, ihre Nationalmannschaft. Und das gleich anfangs formulierte Ziel hieß: Fußballhoheit über den Rest der Welt. Nach dem Geschmack diverser Verschwörungstheoretiker ging das zu weit. Sie sahen düstere Wolken über Fußball-Deutschland einherziehen.
Mit vereinter Kraft gegen andere Nationen, das konnte nicht gut gehen. So sang der gemeine Deutschland-Chor ganz unverblümt: „Wir sind Deutschland und nicht Italien, wir sind die Fans mit den größten Genitalien“. Klischees wurden aufgegriffen, Feindbilder geschaffen, verächtliche Schlachtrufe gesungen. Schweden wurden zu Möbel-, Italiener zu Pizza- und Argentinier zu Rinderlieferanten degradiert. Auch vor Fußballgöttern machte der neu gewonnene Nationalstolz keinen halt. So spielte ein Barpianist, der Legende nach, „zu Ehren“ des anwesenden Diego Maradonas „don´t cry for me argentinia“, nachdem die „Gauchos“ zuvor an Deutschland gescheitert waren. Und auch im Hotel soll Maradona plötzlich nicht mehr von seiner bisherigen dunkelhäutigen Bedienung bewirtet worden sein. Denn sein Frühstück brachte ihm fortan ein kalkweißer, unverschämt grinsender, offensichtlich deutscher Kellner. Angesichts dieser ausartenden Formen deustcher Fußballeuphorie, stellte sich die Frage: Wiegt unser historisches Erbe nicht zu schwer, als dass man sich ein derartiges Verhalten leisten kann?
Dagegenhaltend könnten jetzt aufmerksame – und weniger aufmerksame – WM-Beobachter die fanlagerübergreifenden Sympathisierungen nennen, die ausgelassene, größtenteils gewaltfreie, Stimmung oder die positiven ausländischen Pressestimmen. Ein anderer Weg wäre der, es mit den Worten Peles zu sagen: „Welcome to football“.
Daniel Wehner
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