21.02.07
Champions League / Achtelfinale
Latte und Pfosten rettet
 
Autor: Henning Hildebrandt

Wer kennt sie nicht, diese grammatikalisch fragwürdige Binsenweisheit und Grundregel des gepflegten “Hochhaltens”, traf man sich früher zu einer gepflegten Runde Fußball auf dem Bolzplatz nebenan und bemerkte, dass die Anzahl derer, die an dem Gekicke auf aschigen Geläuf bei weitem nicht ausreichen sollte, um im Fünf gegen Fünf auf zwei Tore zaubern zu können. So blieb’s damals beim Hochhalten im Kampf um Kronen und Gummipunkte. So war es damals und so ist es heute wohl immer noch, sieht man zwölfjährige Nachwuchssteppkes mit Trikot und Lederball die Straßenseite wechseln. Und dass sich die Weisheit von früher teils auf das Millionengeschäft Champions League übertragen lässt, steht als eine der Erkenntnisse dieses Dienstagabends.
Zu Beginn der zweiten Halbzeit, beim Stand von 3:1 zwischen Real Madrid und dem FC Bayern München im Bernabeu-Stadion streichelte sich der bis dahin überragende David Beckham die Kugel zurecht, um in seiner Paradedisziplin des direkten Freistoßes den Ball aus 30 Metern ins Tor der Bayern zu schlenzen. Und so wäre es wohl auch gekommen. Der Ball segelte über die Mauer hinweg, senkte sich in den linken Torwinkel und nicht nur den 80.000 Zuschauern im weiten madrilener Rund, sondern auch allen Fernsehzuschauern in den Kneipen der Welt stockte der Atem. Ein 4:1 hätte jegliche Bayern-Hoffnungen auf Besserung und Bestehen zunichte gemacht. Denn bei aller Subjektivität der Bayern-affinen Betrachter dieses Spiels bot die Leistung in der ersten Halbzeit des einzigen deutschen Vertreters in der Königsklasse wenig Aussicht auf Steigerung derselben. Zu schwach die Innenverteidigung um van Buyten und Lucio gegen die starken Real-Stürmer Raùl und van Niestelrooy, zu eklatant das Stellungsspiel bei den Gegentreffern und zu harmlos die Offensivbemühungen der gesamten Mannschaft. Doch dann kam der große Auftritt der Bestie in Menschengestalt, des Feindes der ganzen spanischen Hauptstadt. Oliver Kahn, zuvor von der Madrider Presse als Staatsfeind Nr. 1 hochstilisiert, im Verlauf des gesamten Spiels mit Pfeifkonzerten bedacht, zeigte in jener Minute, dass nur Weltklasse gegen Weltklasse parieren kann. So lenkte er den Ball sensationell auf die Latte, bewahrte seine Mannschaft vor dem internationalen Untergang und schöpfte eine Weisheit neu: Latte und Kahn retten.
Im Folgenden verblassten Reals Bemühungen, den Zweikampf zweier national stolpernder Traditionsvereine frühzeitig zu entscheiden und Kahns Rettungstat wurde zum Auslöser wütender, größtenteils jedoch unvollkommener Angriffe seiner Vorderleute. Konsequent die Auswechslung des inspirationslosen Podolskis gegen Pizarro, der weitaus gefährlicher wirkte. Und noch konsequenter die Einwechslung des Zehn-Minuten-Mannes Mehmet Scholl, der in einer Bayern-Phase, in der die jungen Hoffnungsträger Deutschlands an ihrer eigenen Nervosität zu leiden scheinen, für das nötige technische Blitzmoment sorgen sollte. So wurde seiner Flanke von links zur mittelbaren Vorlage für van Bommels 2:3 in der 89. Minute. Die Frage, die sich alle Bolzplatz-Talente im Hochhalten stellen, ob denn ein Dropkick zähle, beantwortete der Holländer mit einem 16-Meter-Gewaltschuss nachdrücklich. Zumindest ist die Aufwertung dieses Treffers kaum zu bemessen, darf nach den 90 Minuten im Spiel der klagenden Alt-Giganten festgestellt werden, dass dem FC Bayern München im Rückspiel am 07. März durchaus ein Sieg zuzutrauen ist, nicht unbedingt mit Glanz und zwei Toren Unterschied, so jedenfalls doch mit Kampf und einem Treffer Differenz. Die Weisheit, die jetzt noch ihres Beweises bedarf, lautet: Auswärtstore zählen doppelt. Nicht auf Asche oder im Spiel um Gummipunkte und gegen Miese, jedoch - und selten so entscheidend - im Achtelfinale der Königsklasse, dessen Stellenwert für die Bayern selten so hoch gewesen sein dürfte wie in dieser Saison. Glück auf, FCB und - hoffentlich - Adios königliches Madrid.

 
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